Als vor zwei Jahren die ersten Menschen in den USA wegen Schweinegrippe starben, war für den amerikanischen Botschafter in Bern die Sache klar: Roche gehört mit seinem Grippemittel Tamiflu in den Kreis der schützenswertesten Unternehmen ausserhalb der USA. Peter R. Coneway setzte sie auf Platz eins seiner Liste von Schweizer Unternehmen, «deren Verlust die öffentliche Gesundheit und ökonomische Sicherheit der USA kritisch beeinflussen könnte». Das geht aus Dokumenten der Enthüllungsplattform Wikileaks zum Kampf der USA gegen den Terror hervor.

Die Firmen selber begegnen der Terrorgefahr immer häufiger mit Versicherungen. 500 grössere Unternehmen sind in der Schweiz mittlerweile gegen Terrorschäden versichert - im Schnitt für rund 10 Millionen Franken. «Es werden jedes Jahr ein wenig mehr», sagt Bruno Spicher, Leiter des Kundensegments der Gross- und Spezialgeschäfte bei der Versicherung Mobiliar. «Die Nachfrage nimmt nicht sprunghaft zu, dafür aber kontinuierlich.» Letztes Jahr liessen sich 8 Prozent mehr Firmen versichern.

Zu den versicherten Unternehmen gehören Konzerne wie die UBS. «Wie die meisten grossen Firmen sind auch wir gegen Terrorschäden versichert», heisst es bei der Bank. Der Flughafen Zürich besitzt ebenfalls eine Terrorsachversicherung. «Das ist in der Flughafenbranche normal», meint Marc Rauch, Sprecher des Flughafens. «Im Zweifel für die Versicherung» gilt mittlerweile auch für Medienkonzerne: Tamedia ist über ein «Versicherungsgesamtpaket gegen Terrorrisiken mitversichert». Ringier «habe sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und sei sämtliche mögliche Szenarien durchgegangen», so Sprecher Edi Estermann. Dann habe man sich dementsprechend versichern lassen.

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Roche habe zwar keine Informationen erhalten, die besagen würden, dass der Konzern wirklich besonders terrorgefährdet sei, meint Mediensprecherin Silvia Dobry. «Wir nehmen mögliche Sicherheitsrisiken aber immer sehr ernst, dazu gehören auch Ereignisse von aussen. Deswegen bestehen entsprechende Sicherheitsmassnahmen», sagt sie. Zum Thema Terrorversicherung konkret wollte Roche nichts sagen. Wie die meisten Firmen nicht. Niemand will mit Terror in Verbindung gebracht werden.

Risikomanagement setzt sich durch

Doch hinter den Kulissen dürfte sich der Trend fortsetzen. «Gut möglich, dass die Anfragen auch in den nächsten Monaten leicht ansteigen werden», vermutet Pascal Schweingruber vom Versicherungsbroker Kessler & Co. Verantwortlich dafür könnten die Nachrichten aus Deutschland sein. Dort hatte Innenminister Thomas de Maizière kürzlich vor einem möglichen Anschlag in Deutschland gewarnt. «Unmittelbar darauf sind zwar in der Schweiz keine neuen Anfragen zu bemerken», sagt Schweingruber, «aber es gibt normalerweise eine Zeitverzögerung zwischen Wahrnehmung beim Risikomanager und Versicherungsantrag.»

Der Versicherungswirtschaft in die Hände spielt dabei auch die nach der Finanzkrise generell grösser gewordene Risikoscheu der Firmen. «Die Praxis des Risikomanagements setzt sich vermehrt durch», sagt Spicher. «Das wird das Bewusstsein für die Terrorgefahr per se erhöhen, unabhängig davon, ob sie unmittelbar zugenommen hat oder nicht.»

Eine Antiterror-Versicherung ruiniert die Firmen auch nicht. Für eine Versicherungssumme von 100 Millionen Franken bezahlt ein Unternehmen eine jährliche Prämie in der Grössenordnung von 5000 Franken. Die günstigen Prämien haben etwa beim Stromversorger Axpo den Entscheid begünstigt, die Kernkraftwerke auch gegen Terrorrisiken zu versichern.

Eine günstige Lösung

Noch vor Kurzem war es fast unmöglich, sich finanziell zu schützen. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center entschlossen sich Versicherer weltweit, sich nicht mehr auf das Geschäft mit dem Terror einzulassen. Zu gross waren die Schäden, zu verheerend die Kosten und zu langwierig die anschliessenden Verhandlungen mit einzelnen Unternehmen.

Doch die Wirtschaft wollte sich zumindest finanziell auch künftig gegen Anschläge wappnen. Es gab Debatten, und am Ende entstanden nationale Lösungen. Länder wie Deutschland einigten sich auf eine halbstaatliche Lösung - sie haben einen Spezialversicherer, der sich mit Terrorrisiken auseinandersetzt.

Die Schweiz dagegen wählte eine Marktlösung. Damit sich Unternehmen mit einem Versicherungswert über 10 Millionen Franken weiterhin schützen können, haben Versicherer ein Rückversicherungskonsortium arrangiert. Darin sind Rückversicherer aus aller Welt eingebunden. Diese verpflichten sich gemeinsam, den Terrorbereich in der Schweiz zu decken. Für einen Anbieter alleine wäre das Risiko kaum tragbar.

Dieses Konsortium gibt Erstversicherern in der Schweiz die Möglichkeit, ihren Unternehmenskunden spezielle Produkte gegen Terrorschäden anzubieten. «Wir machen gemeinsamen Einkauf von Rückversicherungsschutz auf dem Weltmarkt, das ist sehr günstig. Wir kaufen die Lösungen dann ein, wenn die Kunden das wollen», sagt Spicher. Jährlich wird mit Hilfe von Marktumfragen das Volumen der durch die Rückversicherervereinigung bereitgestellten Summe neu erarbeitet. «Die Kapazität wird laufend erhöht», so Spicher. 2008 wurde die Deckung praktisch verdoppelt.

Abseits der Krisenzentren

Kleinere Unternehmen unter einem Versicherungswert von 10 Millionen Franken brauchen sich allerdings keine Gedanken zu machen. Sie sind in der Schweiz über ihre Sachversicherung gegen Terrorismus geschützt. Nur wer diesen Versicherungswert überschreitet, muss sich extra versichern lassen.

In einem Punkt sind sich die Experten einig: Die Schweiz wird als ein nicht sehr gefährdetes Land angesehen. «Die Wahrscheinlichkeit, dass wir getroffen werden, ist im Vergleich mit anderen Ländern relativ klein», sagt Spicher. Doch gerade Konzerne haben oft Tochtergesellschaften im Ausland (siehe Grafik). Jeder Standort muss unter den lokalen Bedingungen versichert werden. Etwa beim deutschen Terrorversicherer Extremus: «Mindestens drei Schweizer Versicherer haben ihre Gebäude bei uns versichern lassen», sagt Dirk Harbrücker von Extremus. Er sagt, auch eine Bank habe Werte von über 3 Milliarden Euro decken lassen.