Die Schlagzeile bringt es auf den Punkt: «Apples Identitätskrise», schreibt das «Wall Street Journal» (WSJ) im Vorfeld der für heute Abend angekündigten Quartalszahlen des Technologieriesen.

Die Analysten geben sich im Vorfeld ungewohnt zurückhaltend: Erstmals seit zehn Jahren dürfte Apple in einem Quartal weniger verdient haben als im Vorjahr. Bereits im Vorfeld hat die Börse auf diese historisch schlechten Erwartungen reagiert: Seit dem Kurshoch von 702,10 US-Dollar im September 2012 ist die Marktkapitalisierung um rund 280 Milliarden Dollar geschrumpft.

Hardware- oder Software-Hersteller?

Dem Unternehmen aus Cupertino wird es zunehmend zum Verhängnis, dass die Anleger Apple primär als Hardware-Hersteller wahrnehmen – unter entsprechend bewerten. «Wenn Apple weiterhin als Hardware-Unternehmen gesehen wird, könnte sein Erfolg mit Produkten wie dem iPhone und dem iPad schnell wieder zu Ende sein – je nachdem, wie schnell Smartphones und Tablets zur Massenware werden und Verbraucher ihren Geschmack ändern», so das «WSJ».

Diese Lektion habe etwa der Blackberry-Produzent Research in Motion gelernt, dessen Tech-Geräte am Markt rasch ins Abseits gerieten, während Apples Produkte aufstiegen.

«Der Markt hält Apple für einen Unterhaltungsgerätekonzern, der an Produktzyklen gebunden ist und den damit einhergehenden schwankenden Einnahme- und Gewinnströmen», wird Morgan-Stanley-Analystin Katy Huberty im Artikel zitiert. Aber diese Sichtweise erfasse die Sache nicht vollständig, weil «Apple-Kunden eine Marke kaufen, die Bedienkomfort verspricht».

Apples Bruttomargen – eine wichtige Kennzahl, um die Ertragskraft eines Unternehmens zu bestimmen – liegen bei rund 40 Prozent. Damit fallen sie in etwa doppelt so hoch aus wie die von klassischen Hardware-Herstellern wie HP und Dell.

Häufiger Kauf von Folgemodellen

Tatsächlich besitze Apple laut «WSJ» Eigenschaften, mit denen sich der Konzern von anderen Hardware-Konzernen abhebt. So kaufen sich Apples Kunden gern jedes Jahr das neueste Folgemodell eines Gerätes. «Das ist aussergewöhnlich häufig: Normalerweise modernisieren Kunden von Technikgeräte-Produzenten wie HP und Dell ihre PCs nur etwa alle vier Jahre», heisst es.

Nicht zuletzt durch die stetigen Einnahmen über den iTunes-Store hat Apple durchaus Merkmale eines Software-Konzerns. Das Unternehmen besitzt mehr als 500 Millionen Kundenkonten im App Store – alle an Kreditkarten gekoppelt. «Das beschert dem Unternehmen nicht nur eine solide Kundenbasis, an die es weitere Dienstleistungen verkaufen kann, sondern auch einen stetigen Fluss an Einnahmen aus dem Geschäft mit Software und Dienstleistungen wie iTunes», so der Bericht. In Zahlen: Im vergangenen Quartal lagen diese bei 3,7 Milliarden Dollar oder 7 Prozent der Gesamteinnahmen.

Firmenchef Tim Cook ist nicht mehr unumstritten – und muss deshalb für den Imagewandel besorgt sein. Im Februar etwa erklärte er auf einer Investorenkonferenz: «Weil wir kein Hardwareunternehmen sind, haben wir andere Wege, um Geld zu verdienen und Aktionäre zu belohnen.» Der Verkauf eines Produktes sei nicht der letzte Teil der Kundenbeziehung – sondern vielmehr der erste.

Zukunft im Zahlungsverkehr

Apple baut heute auf eine beispiellose Kundenloyalität – die, so warnen Analysten, allerdings irgendwann zu Ende gehen könnte: «Die Leute lieben ihre Apple-Produkte und wollen sie kaufen, aber sie haben sechs Monate. Dann muss etwas neues Cooles kommen», sagt Analyst Gene Munster von Piper Jaffray.

Viele Analysten sehen Apples Zukunft laut Bericht im Zahlungsverkehr – sprich darin, die Kunden dazu zu verleiten, immer weitere Apple-Produkte zu kaufen. Ein Rezept, das bereits bei iTunes im App Store funktioniert. Doch es könnte noch ein paar Jahre dauern, bis Apple diese Geschäftspläne umgesetzt hat – «und der Gewinndruck ist schon jetzt akut», so das «WSJ».

Summa summarum sind die Erwartungen gedämpft: Im Schnitt erwarten die Analysten ein Umsatzwachstum von 8 Prozent (auf 42,3 Milliarden Dollar) sowie einen Gewinn von 9,5 Milliarden Dollar. Genau das wäre historisch: Im Vorjahresquartal verdiente Apple noch 11,6 Milliarden Dollar.

(vst)

 

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