Wie lange sind Sie im Bankgeschäft?

Hans-Jörg Rudloff: Seit 1966, mein Berufsleben.

Haben Sie eine solche Krise schon erlebt?

Rudloff: Nie. Vorstellen konnte ich mir, dass das Kreditwesen Luft ablassen muss. Aber nicht in diesem Ausmass.

Als letzten Oktober die US-Investmentbank Lehman Brothers unterging, sagten Sie, der Finanzmotor sei zerbrochen. Gibt es einen neuen?

Rudloff: Einen reparierten, mit dem die Finanzindustrie vorwärts stottert. Ihm fehlt es an der früheren Schubkraft.

Warum baute man keinen neuen?

Rudloff: Das geht nicht einmal theoretisch. Der alte muss wieder zuverlässig funktionieren. Dann kann man die notwendigen Verbesserungen vornehmen.

So weit sind wir noch nicht?

Rudloff: Die Angst nach dem Lehman-Crash hat sich gelegt. Man weiss heute, dass die 30 wichtigsten Banken von Staaten gestützt werden, was immer passiert.

Konnte man sicher sein, dass die Rettungsaktionen funktionieren?

Rudloff: Der Staat hat die Mittel und die Instrumente, um weitere Hunderte von Milliarden dem System zur Verfügung zu stellen. Banken wurden nationalisiert, unter Schonung der Sparer und Obligationäre, weniger der Aktionäre.

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Hätten die Staaten zwecks Disziplinierung mehr Bankenpleiten zulassen sollen?

Rudloff: Der Lehman-Bankrott hat Trilliarden an Stützungsgeldern gekostet, ein weiterer Grossausfall wäre das Ende des globalen Finanzsystems gewesen. Dann gäbe es nur noch nationale Banken, die sich alle gegenseitigen Forderungen ans Bein streichen müssten.

Lehman zeigte die enge Verstrickung im Welt-Finanzsystem auf.

Rudloff: Ausser dem US-Finanzminister wusste das jedes Kind. Man kann eine Bank mit 600 Mrd Dollar Bilanzsumme nicht unkontrolliert liquidieren. Einen Tag nach Lehman war AIG illiquid, drei Tage später brauchten die grössten Investmentbanken Hilfe.

Der US-Finanzminister war als langjähriger Goldman-Sachs-Manager doch vom Fach

Rudloff: Sicher, aber seine Karriere war nicht unbedingt in Kapitalmärkten und Trading. Auf jeden Fall wird die Lehman-Entscheidung als Auslöser einer der grössten Finanzkatastrophen in die Geschichtsbücher eingehen.

Wie hat die Schweiz die UBS-Krise gemeistert?

Rudloff: Im entscheidenden Moment hatten die Verantwortlichen einen Plan und setzten ihn bestimmt um. Chapeau! Sie schnitten die schlechten Anlagen raus und schützten so die guten Teile, wie man das eben macht. Die UBS kriegte Luft, der Bund kann seine Beteiligung ohne Verlust verkaufen.

War der UBS-Abfallkübel der Schweizer Nationalbank besonders kreativ?

Rudloff: Nein. Die Lösungen sind in der Vergangenheit praktiziert worden. Aber die Schweiz hatte den Mut, eine eigene Lösung vorzuschlagen. Diese Lösung fusst auf der Basis, dass temporäre Illiquidität vorbeigeht, wenn man der Bank die Möglichkeit dazu gibt. «Time heals all the wounds», auch hohe Verluste können über die Jahre abgeschrieben werden.

Einen zweiten Notfall erlebte die Schweiz im Februar, als sie Amerika UBS-Daten aushändigte.

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Rudloff: Wenn man längst bekannte Probleme nicht bewältigt, darf man sich nicht wundern, wenn eine Grossmacht eines Tages «Jetzt reichts» sagt, typischerweise mittels eines Ultimatums.

Viele Schweizer sprechen von Erpressung und Wirtschaftskrieg.

Rudloff: Da sollte man sich etwas zurückhaltend ausdrücken, denn es geht natürlich nicht an, dass Schweizer Banken mit Scharen von Verkäufern in anderen Ländern operieren und Kunden bei Steuerhinterziehung Hand bieten. Das geht nicht, weder in Amerika, in Spanien noch sonst wo. Jeder in unserer Branche weiss das haargenau.

Wie hätte die Schweiz die Datenherausgabe verhindern können?

Rudloff: Das ist ausserhalb meiner Kompetenz. Aber wir müssen einsehen, dass sich das Geschäft in den letzten Jahren verwandelt hat, und als Ex-Generaldirektor der CS weiss ich genau, dass früher anders gearbeitet wurde.

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Wie?

Rudloff: Auf jeden Fall schickten wir keine Heerscharen von Akquisiteuren mit Umsatzbeteiligungen ins Ausland, um neue Kunden zu finden - im Wissen, dass deutsche oder amerikanische Kunden ihre Konti im Ausland dem Steueramt melden müssen.

Warum gingen die Schweizer Banken diesen Weg?

Rudloff: Wachstum, Rendite, Gewinn. Die Banken, auch ausländische, wollen immer höhere Assets under Management ausweisen. Früher kümmerte sich eine Schweizer Bank um das Geld und das Wohl des Kunden. Heute ist man mehr an den Assets interessiert. Die sogenannten Berater sind mehr Verkäufer, und die Vermögensverwaltung wird ausländischen Spezialinstitutionen überlassen. Sicher ein strategischer Fehler, der von vielen, aber nicht allen Schweizer Banken begangen worden ist.

Deutsche liefern bis zu 50% an den Fiskus ab, sie lechzen nach «Hilfe» aus der Schweiz.

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Rudloff: Es ist nicht an den Schweizer Banken, ausländische Steuersysteme zu kritisieren und Hilfe zu gewähren. Jedes Land hat sein eigenes Steuersystem, das ist einfach so.

Peer Steinbrück, der deutsche Finanzminster, hat demnach Recht mit seiner Kritik an der Schweiz?

Rudloff: Was für Deutschland richtig oder falsch ist, braucht uns nicht zu kümmern. Wichtig und klar ist allein: Wer in Deutschland Steuern hinterzieht, macht sich strafbar.

Wie passen sich die hiesigen Finanzhäuser dem neuen Regime an?

Rudloff: Im Onshore-Geschäft wirds schwierig, da stehen sie mit vielen wettbewerbsfähigen Banken vor Ort in Konkurrenz. Also wird in Emerging Markets expandiert, wo der Staat Steuersünder derzeit noch schont. Da kann ich nur warnen, da es in der Konkurrenz um knappes Kapital auch dort nicht leicht sein wird, Kunden zu akquirieren. Gescheiter wäre es, ausschliesslich aus der Schweiz heraus mit unserer Kernkompetenz individuellen Personen eine hohe Serviceleistung zukommen zu lassen.

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Vor allem die Grossen müssten sich dann mit viel kleineren Brötchen abfinden.

Rudloff: Selbstverständlich. Aber ich kann doch nicht jedes Jahr um 10 bis 15% zulegen, das erträgt weder der Schweizer Arbeitsmarkt noch die Qualität. Wenn ich Hermès oder Gucci vom Banking sein will, muss ich mich bescheiden. Denn Qualität ist mit Grösse unvereinbar, und schlussendlich kann Gucci sich auch kein Massenmarketing leisten.

Ist die Schweiz nicht zu gross und hat einen zu hohen Lebensstandard für eine Nischenstrategie?

Rudloff: Für Top-Service kann man Top-Preise verrechnen. Das gilt nicht nur in der Modebranche und in der Autoindustrie, sondern auch im Bankgeschäft.

Verfügen wir für eine solche Qualitätsstrategie über die nötige Kultur, die richtige Einstellung und das geforderte Können?

Rudloff: In den calvinistisch geprägten Genfer Privatbanken auf jeden Fall. Hingegen eröffneten zuletzt Hinz und Kunz in der Schweiz eine Bank, auch viele aus dem Ausland, um von hier aus nicht deklarierte Gelder in aller Welt zu akquirieren.

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Werden die neuen Chefs von UBS & Co. den Finanzplatz zur neuen Blüte führen?

Rudloff: Viele sind frühere Kollegen, die kennen das System in- und auswendig und wissen um die Bedeutung der Kernkompetenzen. Doch für alle grossen Vermögensverwalter stellt sich die Frage nach dem Investment Banking. Trading und Spekulieren werden weder vom Regulator noch von den Kunden weiterhin im gleichen Ausmass toleriert, und es könnte sehr gut zu einer Art neuen Glass-Steagall-Gesetzen mit verordneter Separierung kommen, um zu vermeiden, dass Geschäftsaktivitäten verbunden werden, die sich an und für sich ausschliessen. Wenn Sie mich also fragen, wie die Finanzlandschaft in drei bis fünf Jahren aussehen wird, würde ich sagen: Die Banken werden kleiner sein und sicher nicht Warenhäuser des Finanzgeschäfts.