Zwar sind auch in einer schweren Wirtschaftskrise Leute krank und beziehen Medikamente. Doch die beiden führenden Schweizer Pharma-Manager, Severin Schwan von Roche und Daniel Vasella von Novartis, sind überzeugt, dass auch ihre Branche weiter leiden wird: Sie rechnen mit Konkursen, Notverkäufen und Fusionen.

Selbstredend sehen weder Schwan noch Vasella ihre Konzerne in Gefahr. Für Daniel Vasella dürfte 2009 sogar ein ruhiges Jahr werden. Keines der wichtigen Patente läuft ab. Jenes des grössten Umsatzträgers Diovan endet zwar erst im September 2012, doch Vasella hat sich für den Blutdrucksenker, der 2006 mehr als 5 Mrd Dollar in die Kassen spülte, bereits ein Nachfolgeprodukt gesichert: Er kaufte im Sommer 2007 das Biotechunternehmen Speedel, das unter anderem den Reninhemmer Tekturna entwickelt. Dieses Produkt und weitere mit Speedel übernommene Reninhemmer in der Novartis-Pipeline sollen laut Analysten nach 2012 einen maximalen Jahresumsatz von 3 Mrd Dollar erzielen.

Auch gegen den fortwährenden Margenschwund im Pharmasektor hat Vasella vorgesorgt: Novartis ist sehr gut diversifiziert - etwa dank Zukäufen wie dem Augenheilmittelhersteller Alcon - und liegt im wachsenden Generikamarkt mit Sandoz an der Spitze.

Im Vergleich zu Novartis ist Severin Schwans Roche weit weniger breit diversifiziert. Neben dem dominierenden Pharmabereich mit einem Umsatzanteil von 80% nimmt die von ihm einst geführte Sparte Diagnostika - obwohl Weltmarktführer - mit den übrigen 20% ein untergeordnetes Gewicht ein. Das gilt auch für die operative Marge, die im Pharmabereich bei über 35% liegt, im Diagnostikabereich lediglich über 15%.

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Im Bereich der margenträchtigen und besonders krisenresistenten Krebsmedikamente ist Roche im engeren Pharmabereich besser positioniert als Novartis. Hinzu kommt, dass Roche noch bis in die Mitte des nächsten Jahrzehnts von Patentabläufen seiner wichtigsten Produkte verschont bleibt. Zu guter Letzt haben auch Schwans Forscher weitere Produkte in der Pipeline. Ein Hoffnungsträger ist dabei etwa Actemra gegen rheumatische Arthritis.

Die wichtigsten laufenden Umsatzträger - MabThera, Herceptin und Avastin - stammen von Genentech, an der Roche mit 56% beteiligt ist. Kein Wunder, wollen Schwan und sein VR-Präsident Franz Humer die US-Tochter, die auf der Produktebene das Rückgrat von Roche bildet, ganz übernehmen.

Damit sind sowohl Severin Schwan wie auch Daniel Vasella bei Käufen engagiert, die von ihren Preisen her historische Ausmasse annehmen und die eigenen Mittel weit übersteigen. Für Alcon will Daniel Vasella bis 2011 insgesamt 39 Mrd Dollar aufbringen (wovon 11 bereits bezahlt sind), Schwan dürfte für Genentech 2009 44 Mrd Dollar hinblättern. Trotz Finanzkrise betonen beide Manager wiederholt, dass sie an ihren Plänen festhalten.

Minder-Initiative trifft Vasella

Von politischer Seite gefordert wird in diesem Jahr vor allem Daniel Vasella. Zwar kommt die Abzockerinitiative frühestens 2010 vors Volk, aber die Debatte wird bereits in diesem Jahr geführt. Vasella mit seinen 17 Mio Fr. Gesamtentschädigung 2007 dürfte öfters als Beispiel für exorbitante Saläre genannt werden. Auch die Frage seiner Nachfolge beziehungsweise der Aufgabe des Doppelmandats bei Novartis dürfte gestellt werden. Die Besetzung der neu geschaffenen Position eines Chief Operating Officers mit Jörg Reinhardt wurde dahingehend interpretiert, dass hier der Nachfolger eingearbeitet werde. Vasella selbst bestreitet das allerdings.

Im Gegensatz zum 55-jährigen Vasella steht der 41-jährige Severin Schwan erst am Anfang seiner Macht bei Roche. Seinen Posten hat er erst im Frühjahr 2008 vom Übervater und ebenfalls gebürtigen Österreicher Franz Humer übernommen, der seither als VR-Präsident amtet.