Zum ersten Mal trafen sich die drei Hocoma-Gründer 1986 im Vorkurs zum Ingenieurstudium an der ETH Zürich. Die damalige Kursaufgabe war Gery Colombo, Matthias Jörg und Peter Hostettler zu langweilig, daher wollten sie den Test möglichst kreativ lösen. Die drei waren sich dabei auf Anhieb sympathisch und beschlossen schon damals, irgendwann ein Unternehmen zu gründen. Zwar trennten sich die Wege zwischenzeitlich, doch der Kontakt brach nie ab.

1996 wurden in der Freizeit aus alten Fahrrädern die ersten Therapieautomaten gebaut. Bald zeigten die ETH Zürich und die Förderagentur für Innovation des Bundes (KTI) Interesse, sodass 1999 der erste Prototyp fertiggestellt wurde und 2000 das KMU entstand. «Als wir die ersten Lokomat-Systeme an einer Messe ausstellten, haben sich viele an den Kopf gefasst», sagt Gery Colombo, CEO von Hocoma. Doch zusammen mit Peter Hostettler, Finanzchef, und Matthias Jörg, Leiter der Entwicklungsabteilung Elektronik, setzten die Gründer die Idee um. Heute ist das Unternehmen Marktführer in der Entwicklung und Herstellung von automatisierten Therapiegeräten für die Rehabilitation neurologisch bedingter Bewegungsstörungen.

Patienten mit Rückenmarkverletzungen oder einem Schädel-Hirn-Trauma können mit den Produkten von Hocoma ihre Bewegungsabläufe trainieren und verbessern. Die Akzeptanz für solche Therapien ist heute hoch - an die 100 Forschungszentren und über zehn Anbieter haben die Robotik als Thema salonfähig gemacht. Der Erfolg ist auch am KMU nicht spurlos vorbeigegangen. Die Zahl der Mitarbeiter ist von drei auf 110 Angestellte hochgeschnellt, in drei bis vier Jahren sollen es 250 Beschäftigte sein.

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Neuartige Therapieform gefragt

Wer die Firma in Volketswil besucht, entdeckt, dass das rasante Wachstum das Unternehmen vor Herausforderungen stellt. Der Ausstellungsraum wurde von einem Sanitärgeschäft übernommen, und die Produktion befindet sich in einem ehemaligen Möbellager. Doch auch die Kreativität der Anfangstage ist gegenwärtig. So werden etwa mit Lego-Steinen Modelle von Prototypen gebaut, und die Software der Therapiesysteme ist mit spielerischen Elementen angereichert. Denn auch das hat einen therapeutischen Aspekt. «Ein motivierter Patient, der Spass an der Therapie hat, trainiert besser», sagt Colombo. Doch trotz der steigenden Akzeptanz stösst Hocoma noch an Grenzen. «Die Neuroplastizität wird unterschätzt, doch das Gehirn kann umlernen und andere Gehirnareale können Körperfunktionen zumindest teilweise übernehmen», so Colombo. Gerade Kinder können mit der Therapieform sehr viel erreichen.Die Apparate kosten deutlich mehr als ein altbekannter Medizinball, doch kann langfristig mehr Therapieleistung mit weniger Therapeutenzeit erbracht werden. Die Begrenzung der Therapiezeit erfolgt über den Patienten und nicht mehr über den erschöpften Betreuer. So wird aber nicht der Therapeut ersetzt, sondern seine Zeit wird effizienter genutzt. Im besten Fall lassen sich die Therapien verbessern und die Kosten im Gesundheitswesen senken. Hocoma liefert nicht nur ein Produkt, sondern eine komplette Therapieform, mitsamt der Schulung an den verschiedenen Therapiegeräten.Noch kann das nicht angemessen über die Versicherer abgerechnet werden. «Unsere Therapien werden derzeit als Standard-Physiotherapie abgerechnet», erklärt Colombo. Für die Hocoma-Technologien gibt es noch keine Versicherungscodes, das beginnt sich erst langsam zu ändern. So bezahlt in der Schweiz etwa die Invalidenversicherung (IV) bei Kindern die Therapie bei Patienten mit Cerebralparese (Hirnlähmung). «Das hat einen grossen Einfluss auf das Marktwachstum», sagt Colombo.

Börsengang nicht ausgeschlossen

95% der Geräte werden für den Export hergestellt, dennoch spürte auch Hocoma die Krise. Mit 5% fiel das Umsatzwachstum 2009 so tief wie lange nicht aus. «Zuvor hatten wir jeweils 30 bis 50%», erklärt Gery Colombo. Dieses Jahr wird ein Plus von 40% budgetiert. «Im Gegensatz zu allen anderen Regionen haben wir in den USA im letzten Jahr nur ein Viertel des geplanten Budgets erreicht, sagt Colombo. In den USA werden viele Geräte von Spendern finanziert. Im letzten Jahr hatten die Wohltäter die finanziellen Mittel nicht, und die Reform des US-Gesundheitswesens hat zudem die Investoren verunsichert. «Wir gehen davon aus, dass sich der US-Markt erholen wird und wir wieder 25 bis 30% unseres Umsatzes dort erzielen werden», so Colombo. Das Ziel von Hocoma ist es, Marktführer zu bleiben. «Für uns ist nicht wichtig, wie gross Hocoma genau wird, wichtig ist, dass wir so schnell wachsen können wie der Markt, damit wir immer vorne mit dabei sind», ergänzt der CEO.

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Offen sind die drei Gründer bezüglich Besitzverhältnissen. «Wir sind bereit, weitere Investoren dazuzuholen», sagt Colombo. Es gehe darum, den richtigen Weg für die Firma zu finden und nicht zwingend im Besitz der Mehrheit zu bleiben. «Wir schliessen auch einen späteren Börsengang nicht aus, wenn es der Firma nützt», meint Colombo abschliessend.