Ein schlechtes Zeugnis stellt Swiss Life den Hochschulen und Universitäten aus, ohne allerdings darüber viele Worte zu verlieren. Der Versicherungskonzern holt seine Akademiker nicht von den Hochschulen direkt, sondern konzentriert sich bei der Rekrutierung auf Kräfte, die schon Berufserfahrung vorweisen. Die besten Chancen auf einen guten Job bei der Swiss Life haben MBA-Absolventen. Diese verfügten nämlich, lässt Swiss-Life-Sprecherin Irene Fischbach durchblicken, über das, was die Universitäten zumeist vernachlässigten: Eine praxisnahe Ausbildung.

Verbesserungen gewünscht

Diplomatisch äussert Maschinenbauer ABB seine Kritik an den Hochschulen. «Es gibt Verbesserungspotenziale in der Ausbildung, vor allem bei den weichen Faktoren», sagt Sprecher Lukas Inderfurth. Wünschenswert wären mehr Persönlichkeiten mit Eigenverantwortlichkeit, Selbstständigkeit sowie einem hohen Mass an Sozialkompetenz. Diese Qualifikationen könnten die Studierenden kaum in den Vorlesungssälen und Seminaren erwerben, sondern nur bei Erfahrungen ausserhalb des Hochschulbetriebs. «Wir legen deshalb bei Bewerbungen grossen Wert auf einen bunten Lebenslauf und schätzen es, wenn Hochschulabgänger etwa in Entwicklungsprojekten mitgewirkt haben oder Auslandpraktika und gute Fremdsprachenkenntnisse vorweisen.»

Trotz der Defizite stehen die Hochschulabsolventen bei der ABB nicht vor verschlossenen Türen. Die an die Studierenden der ETH vermittelte Fach- und Methodenkompetenz erntet beim Maschinenbauer sogar ausgesprochen gute Noten. Die ABB stellte 2007 in der Schweiz 80 Leute direkt ab ETH oder Universitäten ein, in diesem Jahr sollen es 100 werden. Damit kann sie aber den Bedarf an qualifizierten jungen Fachkräften nicht vollständig abdecken.

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Bilden Universitäten die Absolventen aus, die der Arbeitsmarkt braucht? Es könnte besser sein, findet Swissmem-Präsident Johann Schneider-Ammann: «Es ist ein Fakt, dass vor allem technische Berufe gefragt sind und die Absolventen nicht im Überfluss geliefert werden.» Seiner Ansicht nach gibt es zu viele Soziologen und zu wenig wirtschaftsorientierte Techniker. Hochschulen sollten diese Fächer stärker bewerben und dort praxisnäher ausbilden.

Interne Talente gefragt

Auch die UBS vermisst bei den Hochschulabsolventen die Praxisnähe. Um bei der Bank überhaupt eine Chance zu haben, können sich die Studierenden nicht allein auf gute Noten verlassen. Praktika, Arbeitserfahrung im Ausland und Sprachkenntnisse sind wie bei der ABB wichtige Zusatzqualifikationen für den Einstieg. In einem 18-monatigen Einsteigerprogramm (Graduate Training Program) vermittelt die Bank dann das, was die Hochschulen nicht leisten konnten: Sozialkompetenz, Persönlichkeit, den Umgang mit verschiedenen Kulturen und unterschiedlichen Hierarchieebenen, Selbstsicherheit und Power.

In diesem Jahr will die UBS in der Schweiz rund 220 Hochschulabsolventen einstellen. «Dafür rekrutieren wir an schweizerischen und deutschen Universitäten», sagt UBS-Sprecherin Rebeca Garcia. Überwiegend sind es Leute, die Wirtschaft oder Jura abgeschlossen haben. Mehr Stellen als mit Hochschulabgängern besetzt die Bank allerdings mit internen Talenten, die zum Beispiel einmal mit einem KV angefangen haben.

Ebenfalls durch ein 18-monatiges Ausbildungsprogramm schleust Swiss Re die neu gewonnenen Hochschulabgänger. «Im vergangenen Jahr waren dies 50 junge Kräfte; in diesem Jahr nun wollen wir diese Zahl verdreifachen und weltweit 150 Leute einstellen», erklärt Gian Paul Ganzoni, Head of Human Resource Strategic Solutions.

Die Swiss Re sieht von einer expliziten Kritik an den Schweizer Hochschulen ab. Denn sie rekrutiert global und in vielen Studienrichtungen, von Biologie, Chemie über Meteorologie bis eben zur Ökonomie. Zum gewünschten Profil lässt Ganzoni durchblicken, dass es vielsprachige, zielorientierte Teamplayer sein sollten, mit vielseitigen Aktivitäten über das eigentliche Studium hinaus, wobei eine exzellente akademische Performance vorausgesetzt werde.

Neben Kritik gibt es auch Lob

Trainee-Programme kennen auch Zurich und Swisscom. Der Telekom-Konzern tue sich jeweils schwer, genügend Studienabgänger zu finden, die sich auf Kunden einstellen, ihnen gut zuhören und sich verständlich ausdrücken könnten, räumt Mania Hodler vom University Marketing ein.

Die Schweizer Hochschulen erhalten jedoch auch vorbehaltloses Lob, zum Beispiel von Chris Dunkel, Leiter Human Resource der Zurich Schweiz. «Wir haben mit Uni-Abgängern sehr gute Erfahrungen gemacht», sagt er, «die Leute bringen einen guten Rucksack mit und sind stark im konzeptionellen und analytischen Denken.»