In wenigen Sekunden ist es 15.30 Uhr. Mönchengladbachs Granit Xhaka läuft noch einmal auf Torwart Yann Sommer zu, um ihm Glück zu wünschen. Augsburgs Raul Bobadilla blickt auf den Boden und sammelt sich. Marcelo Diaz dehnt seine Oberschenkelmuskeln, gleich muss er das Mittelfeld des Hamburger SV stabilisieren. Herthas Valentin Stocker absolviert noch ein paar kurze Sprints. Es ist Samstag, Bundesligazeit. Endlich löst ein Pfiff die Anspannung.

Sie alle spielen in der Bundesliga. Für unterschiedliche Teams zwar, aber sie eint eine Verbindung. Alle kamen vom FC Basel, dem sie viel, wenn nicht sogar alles zu verdanken haben. Der Schweizer Meister hat sich in den vergangenen fünf Jahren zu einem anerkannten Darsteller des europäischen Fussballs hochgearbeitet. Nicht dank unbändiger Finanzkraft, sondern mit Finesse und ein paar Eigenheiten, die sie bei dem Klub pflegen.

Die Abgangsrate ist hoch

Dabei hat der FC Basel so viele Spieler verloren wie kaum ein anderes Topteam auf dem Kontinent. Die Käufer kommen vor allem aus der Bundesliga. In den vergangenen zehn Jahren haben die Manager der deutschen Klubs 21 Spieler von Basel nach Deutschland geholt, also beinahe zwei Mannschaften.

Dazu kamen auch noch drei Übungsleiter: Christian Gross (VfB Stuttgart), Thorsten Fink (Hamburger SV) und Heiko Vogel (U19 des FC Bayern). Bei Gross und Vogel waren die Verträge zuvor allerdings aufgelöst worden.

Bundesligisten rennen dem FC Basel die Türen ein

Zum «Basel-Kader a. D.» gehört von dieser Woche an auch Geoffroy Serey Die. Am vergangenen Sonntag triumphierte der Ivorer noch mit der Auswahl seines Heimatlandes beim Afrika-Cup, nun soll er die Offensive des VfB Stuttgart verstärken. Serey Die geht als Wintertransfer nach Deutschland. Doch egal zu welcher Transferperiode, der Name «FC Basel» fällt immer. «Bei fast jedem Spiel sitzen Scouts aus Deutschland bei uns auf der Tribüne», sagt Georg Heitz, Basels Sportdirektor, der «Welt». Er gilt zusammen mit Klubpräsident Bernhard Heusler als treibende Kraft des fussballerischen Selbsterhaltungsapparats.

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Allein rund 53 Millionen Euro nahmen die Basler seit der Saison 2004/2005 dank liquider Bundesligaklubs ein. Dabei mutet die Erfolgsquote der Basel-Profis in Deutschland geradezu fantastisch an. Von 20 Spielern brachten es in den vergangenen zehn Jahren neun mindestens zum Stammspieler. Die Bundesliga erinnert sich heute noch gern an Mladen Petric, Ivan Rakitic oder Xherdan Shaqiri.

Der ewige Talentstrom hat eine Ursache

Das Erfolgsgeheimnis des Vereins: Rund 5,8 Millionen Euro investiert der Klub jährlich in seine Jugendakademie. So liefern insgesamt elf Kameras an zwei der Campus-Spielfelder Analysematerial über die Spielstärke des Nachwuchses. Auch vertraut der FC Basel seit beinahe 35 Jahren dem gleichen Scoutingsystem. Und es ist verpönt, Jugendtrainer gegen kürzlich pensionierte Klubidol auszutauschen.

Überwacht wird das Nachwuchsprogramm von Heitz und Heusler. Die beiden formten den FC Basel in den vergangenen Jahren zu einem Konzeptverein, der unabhängig vom Trainer der Profimannschaft funktionieren muss. Der Klub bestimmt über sich selbst: «Wir gehen vor keinem Trainer auf die Knie, damit er bleibt. Das haben wir nicht nötig», hat Heusler einmal gesagt.

Spieler sind druckresistent

Begehrt sind die Jungprofis später, weil sie mit reichlich Spielpraxis und Druckresistenz ausgestattet sind. Basel hat den Anspruch, den Schweizer Fussball zu beherrschen und sich lange in den Europapokal-Wettbewerben zu halten – nächste Woche geht es im Achtelfinale der Champions League gegen den FC Porto. «Unseren Spielern flattern nicht die Nerven, wenn sie in der Bundesliga spielen», sagt Heitz.

Gleichzeitig ist das Schweizer Wettkampfniveau angenehm für junge Kicker. Sie bekommen schnell Spielpraxis. «Die Durchlässigkeit für junge Spieler ist bei uns grösser, weil wir im Normalfall das stärkste Team der Liga stellen. Wenn du in der Bundesliga gegen den Tabellenletzten spielst, ist das schwerer, als wenn du beim Schlusslicht der Super League antrittst», sagt der Sportdirektor.

Wie lange kann sich der Basler Fussball selbst erhalten?

Die Frage bleibt, wie lange sie in Basel mit richtigen Entscheidungen den Verlust an Talenten kompensieren können. «Jedes Jahr müssen wir vier bis fünf Stammspieler ersetzen. Es gibt keine Garantie, dass es danach immer erfolgreich weitergeht», bemerkt Heitz.

Vielleicht befürchtet er schon, das nächste Talent an die Bundesliga zu verlieren: Breel Donald Embolo, 17. Das Stürmertalent lässt schon jetzt Kinnladen der angereisten Scouts herunterklappen. Auch er könnte schon bald an Samstagen, 15.30 Uhr, in der Bundesliga auf den Anpfiff warten. Der Talentequell in Basel wird vorerst nicht versiegen.

Der Artikel ist ursprünglich in unserer Schwester-Publikation «Die Welt» erschienen.