«Handelszeitung Online»: Die Nationalbank kritisiert Credit Suisse und UBS für mangelndes Eigenkapital. Zurecht?

Hans Geiger: Ja. Die beiden Grossbanken haben - gerechnet auf die Nettobilanzsumme - 1,7 beziehungsweise 2,7 Prozent Eigenkapital. Das ist sehr wenig. Und das liegt an den gesetzlichen Vorschriften, die irgendwelche halbwegs existierenden Kapitalien in Prozent irgendwelcher angenommenen Risiken als Massstab nehmen. Aber das sind eigentlich unsinnige Zahlen. Ich finde, eine brauchbare Grösse ist die Bilanzsumme.

Warum halten sie nichts von der Risikogewichtung?

Erstens sind die Banken nicht in der Lage, ihre Geschäfte nach Risiken zu gewichten, das haben sie seit 2007 bewiesen. Zweitens ist das Grundkonzept der Value at Risk. Dahinter steckt einfach ausgedrückt die Frage: Welches ist der grösste Verlust, den die Banken mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent nicht überschreiten. Aber das ist eine unsinnige Frage im Zusammenhang mit Krisen, weil die Krise immer jenseits der 99 Prozent liegt. Deshalb müsste man eigentlich fragen: Welches ist der erwartete Verlust, der im schlimmsten 1 Prozent der Fälle eintreten würde?

Banken-Experte Hans Geiger ist ehemaliger SVP Politiker. Bis 2008 war er Professor an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, Institut für schweizerisches Bankwesen.

Die Credit Suisse entgegnet der SNB, sie sei eine der am besten kapitalisierten Banken der Welt, die UBS sieht sich auf einem guten Weg.

Kurz bevor die UBS 2008 in die Knie ging, hat sie noch erklärt, dass sie sehr gut kapitalisiert sei. Heute steht sie offensichtlich besser da als die Credit Suisse. Es ist eine vernünftige Aussage, wenn die UBS sagt, sie sei auf einem guten Wege. Aber wenn die CS sagt, sie sei eine der bestkapitalisierten Banken der Welt, dann ist das Unsinn und sie sollte sich dafür schämen. Stellen sie sich vor, der Wert der Aktiven würde um 3 Prozent runtergehen, und das ist noch nicht wahnsinnig viel - dann wäre das Kernkapital der beiden Banken weg.

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Warum stehen die Grossbanken da, wo sie stehen? Sie galten doch lange im internationalen Vergleich als gut kapitalisiert.

Die Schweizer Grossbanken haben seit Mitte der 2000er Jahre eine der besten Kapitalisierungen gezeigt in Prozent der risikogewichteten Aktiven und eine der schlechtesten in Prozent der Bilanzsumme. Die Banken kennen bei der Beurteilung von Kunden einen Grundsatz, der lautet «Viel Eigenkapital ist gut und wenig Eigenkapital ist schlecht». Die Banken müssen einsehen, dass dieser Spruch richtig ist und auch für Banken gilt.