Liebenswürdig wie immer - ausgleichend und vor allem höflich: Der ehemalige Finanzminister und jetzige UBS-Verwaltungsratspräsident beginnt seine Buchpräsentation mit einer Entschuldigung. Vor fünf Wochen bei der Drucklegung seines 366-seitigen Werks «Eine Willensnation muss wollen» hätte er nie daran gedacht, dass er von der UBS fürs Präsidium angefragt würde. Und so kam es, dass Kaspar Villiger in derselben Woche gleich zweimal in unterschiedlichen Rollen im Rampenlicht stand: Am Mittwoch als neu gewählter UBS-Präsident und am Freitag als Buchautor seines neuen Essays. «Das habe ich so nie gewollt, konnte es aber nicht verhindern», sagt Villiger.

Dann folgte eine zweite Entschuldigung. Er habe kein aufsehenerregendes Buch geschrieben, keine Memoiren voller Anekdoten, Vorkommnisse und pointierter Urteile über Zeitgenossen und Weggefährten, erklärt Villiger. Er habe der Versuchung widerstehen wollen, sich selber und seine Rolle als Bundesrat zu glorifizieren. So hat er ein stilles Buch geschrieben, eines, das, so hofft er, zum Nachdenken anregt. Ein Werk, das sich mit der Schweiz und den Grundfesten unseres staatlichen Grundverständnisses auseinandersetze sowie mit dem Erfolgsrezept des Föderalismus und der Referendumsdemokratie.

Ein prominenter Politiker taucht in der «Willensnation» jedoch auf - ein «animal politique», das an der festgefahrenen Parteienlandschaft gerüttelt hat wie kein zweiter, das Grundprinzip der auf Kompromiss und Konsens beruhenden Lösungsfindung radikal in Frage gestellt hat und seine Führungsverantwortung im wortwörtlichen Sinne wahrnahm: Christoph Blocher. Warum geht Villiger ausgerechnet mit ihm ins Gericht? Es geht nicht um die Person Blocher, sagt Villiger. Er respektiere den Unternehmer und schätze Blochers Kraft. Doch es gehe um seine politische Rolle im Bundesrat. Einer der Gründe, warum die Mitglieder der Landesregierung beim Volk derart beliebt und verankert seien, liege darin, dass sie eine gewisse Distanz zur eigenen Partei pflegten. Blocher habe sich als Bundesrat jedoch in den Dienst seiner Partei gestellt, womit der Druck der übrigen Exekutivmitglieder, sich ebenso zu verhalten, stark gestiegen sei. Die Folge: Eine grosse Unruhe und ein unnötiges politisches Hickhack. Dieses Verhalten sei mit der Idee einer Kollegialregierung nicht vereinbar, meint Villiger, die letztlich zum Erfolg und zur Stabilität der Schweiz beitrage.

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Es ist dem Denker Villiger gelungen, eine wichtiges Buch zum richtigen Zeitpunkt zu schreiben. Es sind weder revolutionär neue Betrachtungen zur Willensnation Schweiz, noch ist es eine rein wissenschaftliche Analyse. Man stösst auf Bekanntes zum Föderalismus und zum Milizprinzip. Villiger hat vielmehr eine Liebeserklärung zum Gemeinwesen Schweiz geschrieben, eine staatsmännische Reflexion. Das im Laufe der letzten Jahrhunderte Erreichte, der Sonderfall Schweiz im Herzen Europas und vor allem die ausgeprägte politische Kultur sind für Villiger eine immense Errungenschaft, der die Schweiz und ihre kommenden Generationen Sorge tragen müssen.

Das Buch bewegt sich im Grundsätzlichen, sozusagen auf einer Metaebene. Und das ist das grösste Verdienst Villigers, die Pfeiler des politischen Urverständnisses der Schweiz offenzulegen. Gerade in einer schwierigen Zeit, in der die Finanzkrise und die globale Rezession so vieles radikal in Frage stellen, in der die wirtschaftspolitische Landkarte neu gezeichnet wird und der globale Standortwettbewerb sich massiv verschärft, ist eine zusammenhängende Darstellung über die Schweiz und ihre DNA wichtig.

Diese DNA nennt Villiger Kraftfelder. Drei sind es seiner Meinung nach, die im Zusammenwirken die politische Kultur der Schweiz entwickelt haben. Erstens die Freiheit - anfänglich jene für eine kleine Gemeinschaft in den Tälern und viel später jene für den einzelnen Bürger. Daraus sind Begriffe wie Selbstbestimmung, Widerstand und Misstrauen entstanden, welche die Schweiz bis heute stark prägen. Ein prägender Faktor in wirtschaftlicher Hinsicht ist die genossenschaftliche Selbstversorgung, aus der Eigenverantwortung, Solidarität und Fürsorgen in einem fruchtbaren Spannungsfeld zueinander stehen. Und drittens setzten die pluralistischen Kräfte einen Integrationsprozess in Gang, die ein Zusammenleben in regionaler, religiöser, sprachlicher und nationaler Vielfalt ermöglichen. Dies sind die Kräfte, die letztlich die Grundwerte der Schweiz ausmachen.