Die Londoner Rohstoffbörse Liffe ist seit einer halben Stunde geöffnet - Kakaobohnen werden kaum gehandelt. Es ist ruhig, die Feiertage hallen nach. Händler Jeremy Gatto sitzt locker an seinem Pult, in Jeans und offenem weissen Hemd. Er kontrolliert auf seinen acht Monitoren Daten, Kurven, Tabellen und Mails, dazwischen schaut er eine Börsensendung am Fernsehen - und blickt auf die karibische Insel auf seinem Desktop-Hintergrund. «Zum Träumen», schmunzelt er.

Gatto handelt von seinem Büro in Zug aus mit Rohstoffen, am liebsten mit Kakao. «Bei der dunklen Bohne spürst du den Markt am unmittelbarsten.» Er vergleicht sie mit einer Katze. «Wenn sie es gut mit dir meint, lässt sie sich streicheln. Wenn nicht, krallt sie sich fest.»

Kaum voraussehbare Entwicklung

Die Ruhe zu Jahresbeginn ist trügerisch, denn der Kakaohandel ist knallhart. Zum einen sind die Preise extrem volatil: In den letzten anderthalb Jahren bewegten sie sich wellenartig zwischen 1800 und 3500 Dollar pro Tonne. Zum anderen spielen die Währungen verrückt, allen voran der Dollar und das Pfund. Und die haben einen starken Einfluss auf den Kakaopreis. Ausschlaggebend ist aber auch das Wetter, das unberechenbar ist. Dieses Jahr war es im Tropengürtel so ideal, dass Jean-Marc Anga von einer weltweiten Kakaoernte von 3,8 Millionen Tonnen ausgeht, 100›000 mehr als in der letzten Saison. Für die Elfenbeinküste prognostiziert der Direktor der Internationalen Kakao-Organisation eine Produktion von 1,3 Millionen Tonnen - ein Plus von 8 Prozent.

In diesem komplexen Umfeld gelte es den richtigen Zeitpunkt zu finden, um eine grössere Menge an Futures-Kontrakten für die Lieferung von Kakao zu platzieren. Ein Kontrakt entspricht 10 Tonnen. Gatto macht das für die Rohstoffhandelsfirma Tiberius, die 2005 gegründet wurde, 2,5 Milliarden Dollar verwaltet und 35 Mitarbeiter in Stuttgart, Genf und Zug beschäftigt. Im fünften Stockwerk des Bürogebäudes gegenüber dem Bahnhof von Zug residiert sinnigerweise die Marc Rich Group, deren Gründer den Rohstoffhandel revolutionierte.

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Und nun kommt noch der Konflikt in der Elfenbeinküste, dem weltgrössten Produzenten der Kakaobohnen hinzu. Der bisherige Amtsinhaber Laurent Gbabgo und sein Herausforderer Alassane Ouattara erklärten sich beide zum Sieger und provozierten ein Kräftemessen, das bereits Blut forderte. Die Pattsituation kann jederzeit eskalieren - sei es durch einen Bürgerkrieg, einen Genozid, vor dem Ende Dezember ein Uno-Botschafter warnte, oder die Intervention ausländischer Truppen. Hat der unsichere Ausgang der Präsidentenwahl keinen Einfluss auf Produktion, Handel und Preis?

Natürlich sei ein Konflikt im grössten Kakaoanbaugebiet der Welt, das gut ein Drittel der globalen Produktion liefert, ein Risiko, sagt Gatto. Doch die jüngste Geschichte hat den Händler eines gelehrt: «Der Kakao findet immer einen Weg aus der Elfenbeinküste.» Das war bereits vor acht Jahren der Fall. Im September 2002 brach ein blutiger Bürgerkrieg aus, in dem auch Tausende von Kindersoldaten kämpften. Das Blutvergiessen dauerte fünf Jahre und zerriss das Land in zwei Teile. Die Bevölkerung litt, die Wirtschaft litt - einzig die Kakaoproduktion, welche die beiden Kriegsparteien finanzierte, lief auf Hochtouren weiter. Auch im gegenwärtigen Machtkampf zwischen Gbagbo und Ouattara will keiner nachgeben, denn es winkt das Milliardengeschäft.

Langjährige Erfahrung

Das wissen auch die weltweit tätigen Nahrungsmittelhersteller: Nestlé, Kraft, Unilever und Barry Callebaut. Sie geben sich gelassen; die Situation in der Elfenbeinküste scheint sie nicht gross zu kümmern. «Wir haben lange Erfahrungen in diesen Gebieten», sagt Raphael Wermuth, Sprecher von Barry Callebaut. Der weltgrösste Hersteller von Kakao- und Schokoladeprodukten mit Hauptsitz in Zürich ist seit 50 Jahren in der Elfenbeinküste tätig. «Wir haben gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen.»

Barry Callebaut betreibt in der Elfenbeinküste zwei Kakaofabriken und beschäftigt 450 Mitarbeitende. Der Konflikt habe sich bislang noch nicht negativ auf die Produktion ausgewirkt, so Wermuth. Bis an Weihnachten wurden 577 000 Tonnen Kakao an die Häfen gebracht, etwas mehr als im Vorjahr. Die Ernte und der Transport verliefen reibungslos, berichten Beobachter vor Ort. Deshalb hat Barry Callebaut im Gegensatz zum amerikanischen Agrarhandelskonzern Cargill noch keine Mitarbeiter aus der Elfenbeinküste evakuiert. Allerdings sind laut Wermuth Massnahmen vorgesehen für den Fall, dass sich der Konflikt verschärfen sollte. Konkreter will sich das Unternehmen nicht äussern. Der Börsenhandel widerspiegelt diese Gelassenheit: Bei Ausbruch der Krise Ende November 2010 stieg die Nervosität und damit der Preis pro Tonne auf 3150 Dollar, der sich nun aber bei 3000 Dollar eingependelt hat.

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Gleichwohl warnt Dieter Weisskopf, Finanzchef und Kakaoeinkäufer des Schokoladeherstellers Lindt, der westafrikanische Kakaobohnen ausschliesslich aus Ghana verarbeitet: «Bei anhaltenden politischen Problemen in der Elfenbeinküste wird vermutlich der Weltmarktpreis für Kakao und somit auch der Preis für Ghana-Bohnen entsprechend steigen.»

Mit Milliarden Dollar spekuliert

Die wahren Gefahren im weltweiten Kakaohandel lauern jedoch in den regelmässig wiederkehrenden Spekulationswellen. Mit dem Rohstoff wird auch erheblich spekuliert. So versetzte im Juli 2010 Hedge-Fonds-Manager Anthony Ward, einer der mächtigsten Männer im Kakaogeschäft, die Märkte in Angst und Schrecken. Er kaufte für gut eine Milliarde Dollar an der Londoner Rohstoffbörse Liffe rund sieben Prozent der weltweiten Jahresernte, was den Kakaokurs auf ein 33-Jahres-Hoch trieb.

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Das Spezielle am Coup: Er verkaufte die Kontrakte an der Börse nicht wie üblich weiter, sondern liess sich die Bohnen ausliefern. Die Konkurrenz schrie auf und beschuldigte Ward, mit seiner Aktion den Kakaomarkt zu «cornern», das heisst, mit einer Verknappung des Angebots den Preis künstlich hochzutreiben. Wards Deal hat die Börsenaufsicht und die EU auf den Plan gerufen, die den Kakaohandel in London nun strenger regulieren wollen - was sich in höheren Gebühren niederschlagen wird.

Und noch eine Gefahr schätzen die Schokoladeproduzenten höher ein als die eines Konfliktes im Hauptanbauland: Pilze, Viren und Schädlinge setzen den Kakaobäumen gerne zu. Sie müssen daher regelmässig ersetzt werden (siehe Kasten). Barry Callebaut und Nestlé, die in der Elfenbeinküste über keine eigenen Plantagen besitzen, investieren in die Aus- und Weiterbildung der Kakaobauern. Ziel ist, dass die Qualität und die Produktionsmenge erhöht wird.

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«Krankheiten beeinflussen den Kakaohandel und den Preis dieses Jahr stärker als ein allfälliger Krieg in der Elfenbeinküste», sagt Händler Gatto. Kakao gehöre zu den anfälligsten Kulturpflanzen für den Befall mit Schädlingen, erklärt er. In Ghana werden jährlich rund ein Drittel der Pflanzen von speziellen Kakaokrankheiten befallen. In Brasilien, einem einst überaus wichtigen Produzenten, wurden die Ernteerträge durch eine langanhaltende Pilzepidemie auf ein Mindestmass reduziert.

Dennoch rechnet Gatto für 2011 nicht mit grossen Preissteigerungen. Die Fundamentaldaten seien gut und die produzierte Kakaomenge übersteige die weltweite Nachfrage. Aber er weiss: Der Kakaomarkt ist unberechenbar wie eine Katze. Plötzlich fährt sie ihre Krallen aus, und niemand weiss, warum.