Die Einführung der AHV im Jahre 1948 war für die Bürger der Schweiz einmalig: Nach den Entbehrungen des 2. Weltkrieges hat die Aktivdienstgeneration mit Bewunderung den Segen der AHV kommentiert – die Schweiz wurde als moderner Sozialstaat gefeiert. 1985 wurde in der Schweiz mit der Einführung der 2. und 3. Säule ein in Europa einmaliges 3-Säulen-Konzept verwirklicht.

Demografische Veränderungen

Bei Einführung des 3-Säulen-Konzepts betrug die Lebenserwartung für eine Frau 80,2 bzw. für einen Mann 73,5 Jahre. Bis ins Jahr 2007 ist die Lebenserwartung für beide Geschlechter durchschnittlich um rund fünf Jahre gestiegen. Im Jahr 2030 wird die Lebenserwartung für Frauen sogar rund 88 und für Männer 83 Jahre betragen, der Altersquotient von rund 20 (1985) auf 42,6% (2030) gestiegen sein. Dann entfallen auf einen Rentner gerade noch gut zwei Erwerbstätige, wogegen heute etwa vier Erwerbstätige «für» einen Rentner aktiv sind. Die Dynamik dieser dramatischen demografischen Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte, gekoppelt mit unvorhersehbaren Finanzmarktausschlägen, war im System des 3-Säulen-Konzepts nicht berücksichtigt. Alle Anpassungen der 1. und 2. Säule bezüglich Finanzierbarkeit von Alterskapitalien und/oder Rentenleistungen sowie bezüglich der Anlagevorschriften sollen der Langlebigkeit sowie den Finanzmarktentwicklungen langfristig Rechnung tragen.

Tatsächlich wirken sich diese demografischen Veränderungen nicht auf unser Vorsorgesystem aus, sondern bringen tiefgreifende soziale Veränderungen mit sich: Die Überalterung der Schweiz wird zu einem Verlust von Fach-Know-how bei der erwerbstätigen Bevölkerung führen, da diese langfristig noch die Hälfte der heute Berufstätigen ausmachen wird. Gleichzeitig wird die sogenannte «Freizeitgesellschaft» noch grösser werden, womit der Konsumbedarf im Alter für den Einzelnen mindestens gleich bleibt oder sogar höher wird.

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Dank der medizinischen Entwicklung werden Menschen länger gesund, vital und aktiv bleiben. Im Weiteren stellt sich die Frage, wo in 20 oder 30 Jahren diese vielen alten Menschen leben werden? Gibt es im Jahre 2030 genügend altersgerechten Wohnraum, genügend Seniorenresidenzen? Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit der Pflegebedürftigkeit rapide – gibt es dann genügend Pflegeplätze? Genügend Ärzte, Krankenschwestern, Pflegepersonal? Reichen die Vorsorgegelder des einzelnen Bürgers für alle damit verbundenen Zusatz-kosten aus? In welche Richtung entwickelt sich das politische System, wenn nächstens mehr als 50% der Bevölkerung älter als 50 sind und den Ausgang der Abstimmungen beherrschen werden? Bis heute liegen keine wesentlichen Studien vor, die sich diesen Themen eingehend widmen. Die Politik und der Gesetzgeber sind gefordert, sich diesen Fragen schnell anzunehmen.

Vorab ist sicherzustellen, dass unsere Vorsorgewerke gestärkt und ausgebaut werden, insbesondere die 3. Säule. Aus den genannten Gründen werden die ersten beiden Säulen langfristig nicht ausreichen, um alle finanziellen Anforderungen der vierten Lebensphase zu finanzieren. Denn mit 65 enden systembedingt die Sparprozesse von AHV und BVG. Der Gesetzgeber ist darum verpflichtet, das eigenverantwortliche Sparen in der 3. Säule über das Pensionsalter hinaus staatlich zu fördern. Dabei ist Innovation gefragt, sowohl hinsichtlich einer Erweiterung der Vorsorgemodelle wie auch im Bereich der entsprechenden Vorsorgeprodukte. Gefordert sind steuerprivilegierte Lösungen für Sparen im Alter ab 65, sei es, um (Vorsorge-)Kapital aufzubauen, sei es, um Renten für den Pflegefall zur Verfügung zu haben. Gerade für Letzteres hat es der Gesetzgeber verpasst, den Vorschlag für eine Säule 3c/Pflegerente von Bundesrat Couchepin unter den Aspekten der künftigen soziodemografischen Veränderungen eingehend zu prüfen.

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Gezielter Ausbau

Eine zielgerichtete Stärkung der 3. Säule unter Berücksichtigung der demografischen und sozialen Herausforderungen entlastet langfristig die 1. und 2. Säule. Dabei müssen Anreize geschaffen werden, welche die Eigenverantwortung des Einzelnen fördern. Denn heute darf niemand mehr darauf vertrauen, dass die Leistungen aus AHV und BVG im Alter für die gestiegenen finanziellen Bedürfnisse ausreichen – und die Deckung dieser Lücken ist nicht alleine die Aufgabe des Staates. Mit einem solchen gezielten Ausbau der 3. Säule würde der Gesetzgeber insgesamt dem Grundgedanken des Artikels 111 der Bundesverfassung (Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge) wieder Rechnung tragen.