Die Weltwirtschaft steht am Scheideweg. Seit Wochen taucht das hässliche R-Wort wieder vermehrt in den Überschriften der Zeitungen auf und auch das D-Wort ist wieder in aller Munde. Rezession und Deflation heissen die beiden Sorgen derjenigen, die sich Gedanken um die Konjunktur machen.

Für die regelmässigen Leser dieser Kolumne ist das keine Überraschung. Seit einem Jahr darf ich Ihnen monatlich an dieser Stelle über meine Beobachtungen in Weltwirtschaft und Finanzmärkten berichten. In der ersten Kolumne im vergangenen September konnten Sie über die damalige Aufschwungseuphorie lesen: «Allein erscheint der aufkeimende Optimismus bei nüchterner Betrachtung auf einer hoffnungslosen Überinterpretation der Daten zu beruhen.»

Dennoch haben wir in der Wirtschaft eine deutliche Umkehr des Lagerhaltungszyklus gesehen. Die Stimmung bei Unternehmen und privaten Haushalten hat sich drastisch verbessert. Alle grossen Volkswirtschaften haben den Weg aus der Rezession gefunden. Mit anderen Worten: Die enorme geld- und fiskalpolitische Expansion hat gewirkt. Keynes lebt. Zumindest teilweise.

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Leider erweist sich nämlich der Aufschwung in vielen Ländern als eher verhalten. Angesichts von weltweiten Nullzinsen und einem durchschnittlichen Fiskaldefizit in den Industrienationen von 8% des Volkseinkommens überrascht die schwache Ausbeute des einmalig grossen und erstmalig weltweit koordinierten Konjunkturimpulses. So liegt denn auch das Niveau der Wirtschaftsaktivität in vielen Ländern immer noch deutlich unter dem Niveau vor Ausbruch der Weltrezession.

Dementsprechend haben sich die Arbeitsmärkte in einigen Ländern noch kaum erholt. In den USA zum Beispiel liegt die Arbeitslosenrate immer noch doppelt so hoch wie vor Ausbruch der Krise. In den letzten Monaten ist die Beschäftigung wieder gesunken. Kein Wunder, dass man sich Sorgen machen muss, ob dieser Aufschwung wirklich selbsttragend ist.

Die Ernüchterung über den Erfolg des Keynesianismus fällt noch deutlicher aus, wenn man sich über die Spätfolgen der expansionären Wirtschaftspolitik Gedanken macht. Noch sind wir weit davon entfernt, dass die Notenbanken die Zinsen anheben werden, aber wir fragen uns besorgt: Was passiert, wenn wir den Patienten vom Tropf nehmen?

Gleichzeitig haben viele Länder ihre Staatsfinanzen weiter zerrüttet. Die Verschuldungsquote der OECD-Nationen ist von 73% vor der Krise auf aktuell 95% angestiegen und liegt damit auf einem Niveau wie zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg. Kommt hinzu, dass die Defizite nur langsam sinken und die Verschuldung munter weiter steigt, ohne dass das eine Wachstumswirkung hätte. Im Gegenteil: Die nun für die kommenden Jahre anstehende fiskalische Konsolidierung wird das Wachstum auf Jahre hinaus belasten.

Tatsächlich hat das Wachstum schneller als von vielen erwartet zu schwächeln begonnen. Folgendes konnten Sie vor einem Jahr an dieser Stelle lesen: «Somit erscheint die Sorge gerechtfertigt, dass das, was immer wir da als Aufschwung messen, nur vorübergehend sein könnte. Staatsausgaben sind eben keine nachhaltigen Wachstumsförderer.»

So hat in den drei grössten Volkswirtschaften der Welt das Wachstum des 2. Quartals deutlich enttäuscht. Einzig Europa kann von sich sagen, dass es ein gutes Quartal hinter sich hat. Folgt man den amerikanischen Konjunkturbeobachtern und betrachtet man annualisierte Quartalswachstumsraten, konnte das Euroland 4% Wachstum realisieren und Grossbritannien sogar 5%. Die USA kamen dagegen nur auf 1,6% und Japan nur auf 0,5%. China schliesslich ist mit knapp 7% ebenfalls deutlich unterdurchschnittlich unterwegs.

Bei diesen Zahlen fällt auf, dass sich die private Nachfrage insgesamt noch relativ gut gehalten hat. So hat in den USA der private Konsum noch für gut 1,4% Wachstum gesorgt und auch die Investitionen der Unternehmungen haben ebenfalls positiv zum Wachstum beigetragen. Genau hier fällt in diesen Wochen aber die Entscheidung, ob wir einen Rückfall in die Rezession à la Griechenland auch weltweit erleben werden.

Wer die Konjunktur des kommenden Jahres verstehen will, muss jetzt ganz genau auf die Umfragen bei Konsumenten und wichtiger noch bei Unternehmern achten, und zwar nicht nur in den USA, sondern auch bei uns. Sollten sich die privaten Nachfrager von der Sorge der Finanzmärkte vor einer neuen Rezession anstecken lassen, dann sind die Tage dieses Aufschwungs gezählt. Noch lassen unsere Vorlaufindikatoren einen solchen Einbruch nicht erkennen, aber die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls steigt und damit auch die Gefahr unangenehm tiefer Inflationsraten. Hoffen wir auf einen goldenen September, denn sonst werden Herbst und Winter bitter kalt.