Nokia ist der erfolgreichste Handyhersteller der Welt:Kein anderes Unternehmen bringt so viele unterschiedliche Modelle auf den Markt. In diesem Jahr werden es mehr als 50 sein. Kein anderer Handykonzern hat seine Produktionskette so sehr auf Effizienz getrimmt. Löhne und Gehälter machen nicht einmal 5% der Gesamtkosten aus.

Die Finnen haben sogar das geschafft, was alle anderen für unmöglich hielten. Der Konzern baut 30-Dollar-Handys und verkauft sie mit hohen Gewinnmargen in Entwicklungs- und Schwellenländer. «Das muss uns erst einmal jemand nachmachen», tönt ein Nokia-Vorstand hinter vorgehaltener Hand.

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen ein Handy für alle gut war. Heute müssen die Hersteller ihren Kunden genau zuhören. Deswegen hat Nokia mehrere Wochen lang Konsumenten in Indien, China, Brasilien, Pakistan und Vietnam befragt. Ergebnis: Dort wird ein Mobiltelefon von bis zu fünf Personen genutzt. Nun führt das Unternehmen dort ein Handy mit staubabweisender Tastatur und der Möglichkeit ein, fünf Telefonbücher anzulegen.

Solche auf einzelne Märkte zugeschnittene Telefone haben Nokia in Indien einen Marktanteil von 50% gesichert. Nicht zuletzt aus diesen schnell wachsenden Märkten zieht der Konzern seine Wachstumsgeschwindigkeit. Dabei sprintet er seinen Konkurrenten immer schneller davon. Jede Sekunde verkauft der Hersteller mehr als ein Dutzend Handys. Im vergangenen Jahr waren es etwa 500 Mio Geräte.

Anzeige

Weltmarktanteil bei 40 Prozent

Nun steht Nokia kurz davor, seinen Weltmarktanteil auf mehr als 40% zu heben. Damit ist der Konzern besser als die drei grössten Konkurrenten Samsung, Motorola und Sony Ericsson zusammen. Allerdings haben die Wettbewerber es den Finnen auch nicht schwer gemacht. Insbesondere der Marktanteil des ehemals Branchenzweiten – Motorola – ist im freien Fall. Nach dem superflachen Kult-Klapphandy Razr konnte der amerikanische Hersteller keinen erfolgreichen Nachfolger mehr präsentieren und rutschte schon Anfang vorigen Jahres erstmals in die roten Zahlen.

Zuletzt sprach Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo von einer «relativ einfachen» Wettbewerbssituation. Das dürfte sich in nächster Zeit wohl kaum ändern: Nach einem Gewinn von 3,7 Mrd Dollar im Jahr 2006 musste Motorola nun für 2007 ein Minus von 50 Mio Dollar bekannt geben. Dabei war es genau das Klapphandy, das Nokias Marktanteil vorübergehend unter 30% gedrückt hatte. Der Hersteller hatte den Designtrend vor vier Jahren schlichtweg verschlafen. Für Nokia hatte das eine heilsame Wirkung. Der Konzern hatte sich zu weit von seinen Kunden entfernt. Arroganz wird im Konsumentengeschäft schnell bestraft.

Inzwischen gibt es kaum ein Segment, in dem Nokia nicht mit mindestens einem Gerät vertreten wäre. Vom Billighandy für wenige Euro bis hin zu kleinen Multimedia-Geräten mit eingebautem Camcorder, Musikspieler und Satellitennavigation für umgerechnet gut 1000 Fr. liefert der Konzern alles, was nachgefragt werden könnte.

Das wird nicht nur von den Konsumenten honoriert. Obwohl auch Nokia unter den turbulenten Börsenkapriolen der vergangenen Wochen stark gelitten hat, ist das Unternehmen noch immer mehr als 80 Mrd Euro wert. Innerhalb eines Jahres ist der Aktienkurs um 25% gestiegen. Bei Motorola ist er allein am Tag der Ergebnisveröffentlichung um mehr als 15% abgestürzt.

Finnen erschliessen neue Märkte

Trotz der Erfolge wissen die Finnen aber, dass im klassischen Handymarkt das Wachstum endlich ist. Aus diesem Grund baut CEO Kallasvuo derzeit den Konzern radikal um. «Das Zusammenwachsen des Mobilfunks mit dem Internet öffnet für uns neue Wachstumsmöglichkeiten», sagt er. Nokia werde deswegen zu einem Internetunternehmen, in dem Handy nicht mehr Handy, sondern persönlicher Multimedia-Computer genannt wird. «Gute Unternehmen verändern sich, solange es ihnen gut geht und sie dazu in der Lage sind. Schlecht ist es, diesen Prozess einzuleiten, wenn man dazu gezwungen wird», sagt Tero Ojanperä, Spartenchef für Internetdienste, Software und das Unterhaltungsgeschäft bei Nokia. Deswegen habe sich der Konzern entschieden, jetzt zu handeln.

Künftig wollen die Finnen verstärkt auch mit Navigationsdiensten, Musik und Spielen Geld verdienen. Die Multimedia-Dienste fasst der Konzern unter dem Begriff «Ovi» zusammen, der in der finnischen Sprache für «Tür» steht. Erst kauften die Finnen den Berliner Navigationsspezialisten Gate 5, dann den Musikkatalog Loudeye, der mehrere Mio Lieder umfasst.

Zuletzt kündigte CEO Kallasvuo die Übernahme des digitalen Kartenherstellers Navteq für 5,7 Mrd Euro an. Allein in diesem Jahr will Nokia mehr als zehn Mobiltelefone auf den Markt bringen, die einen Chip zur Satellitennavigation eingebaut haben.