Cash is king» - das ist die Maxime, der sich die Finanzchefs in diesem Jahr verschrieben haben. Kaum eine Jahreskonferenz geht derzeit über die Bühne, ohne dass die Kassenwarte kapitalschonende Massnahmen ankündigen. Denn in der Krise brechen die Einkünfte weg, viele Firmen zehren jetzt von ihren Ersparnissen. Bei einigen ist das Fettpolster wenig üppig. Das kann sie zwingen, frisches Kapital aufzutreiben. Jüngstes Schweizer Beispiel: Der Bauausrüster AFG, der seinen Aktionären an der Generalversammlung vom 17. April eine Kapitalerhöhung über 125 Mio Fr. vorschlagen muss.

Im Verlauf des Jahres werden weitere Firmen Kapitalerhöhungen ankündigen, davon sind führende Investmentbanken überzeugt. «Diverse Unternehmen prüfen derzeit», bestätigt Marco M. Illy, Head Investment Banking Schweiz, Deutschland, Österreich bei der Credit Suisse. «In den nächsten zwölf Monaten erwarten wir allein in der Schweiz Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von 9 Mrd Fr.» (siehe «Nachgefragt»).

OC Oerlikon: Alle warten

Ein grosser Teil davon wird auf das Konto von Finanzinstituten gehen, aber auch Firmen aus anderen Sektoren sondieren ihre Möglichkeiten. Denn nichts fürchten die Finanzchefs mehr, als eine lange Durststrecke mit (zu) knappen Mitteln antreten zu müssen. «Grundsätzlich sehen wir auch Kapitalerhöhungen bei Versicherern, Rohstoffproduzenten, Versorgern, im Bereich Immobilien und bei Industriewerten», sagt Nick Bossart, Head Investment Banking bei der Deutschen Bank Schweiz.

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Nach einer Umfrage der «Handelszeitung» bei Chefanalysten von Schweizer Banken lässt sich ein Kreis von Kandidaten ausmachen, die einen Refinanzierungsbedarf haben und aufgrund tiefer Eigenkapitalquoten und/oder hohem Verschuldungsgrad über kurz oder lang frisches Kapital brauchen. Das am häufigsten genannte Beispiel ist OC Oerlikon: Der Technologiekonzern weist für 2008 einen Verlust von 422 Mio Fr. aus, dem gegenüber stehen per Ende Juni 2008 Schulden in der Höhe von 1,24 Mrd Fr. sowie eine magere Eigenkapitalquote von 23%. Schmalbrüstig finanziert, läuft Oerlikon Gefahr, Kreditvereinbarung mit den Hausbanken zu verletzen. Per Ende 2008 hat Oerlikon die Kreditverträge laut eigenen Angaben zwar noch erfüllt, doch Analysten sind für 2009 pessimistisch. Die Kreditgeber können sich mit Verträgen, im Fachjargon Covenants genannt, gegen eine verminderte Zahlungsfähigkeit ihrer Schuldner absichern. Wenn das Eigenkapital, der Geldfluss im Verhältnis zu den Nettoschulden oder eine Liquiditätskennzahl unter die gemeinsam festgelegte Schwelle sinken, platzen die Kreditverträge - die Banken können mit dem Unternehmen Neuverhandlungen ansetzen und die Kreditbedingungen aufgrund der tieferen Bonität verschärfen. Im Fall von Oerlikon würde bei einer Kapitalerhöhung laut ZKB-Analyst Armin Rechberger eine massive Verwässerung drohen, was den Kurs weiter nach unten treiben dürfte. Vielmehr sollte Oerlikon versuchen, die Kreditlimiten unter Umständen durch Unternehmensverkäufe aufrechtzuerhalten. Die Oerlikon-Aktie sackte aufgrund wiederkehrender Spekulationen über verletzte Covenants um über 80% auf rund 38 Fr. ab.

Eine Neuverhandlung der Kreditlinien droht befragten Analysten zu Folge auch dem Duty- Free-Shop-Betreiber Dufry, dem Komponentenhersteller Feintool, dem Belags- und Klebstoffhersteller Forbo, dem Sicherheitstechniker Kaba und dem Messinstrumente-Spezialisten Uster Technologies. Sie gelten daher ebenfalls als Kandidaten für eine Kapitalrunde.

Rieter: Gut gerettet - vorerst?

Gerade noch gerettet hat sich der Textilmaschinenbauer und Autozulieferer Rieter. Am Freitag wurde bekannt, dass Rieter - nach monatelangen Verhandlungen mit den Banken - den dringend benötigten Bankenkredit unterzeichnen konnte. Gleichzeitig bestätigte Rieter den Verkauf von gut 10% eigener Aktien an den Unternehmer Peter Spuhler, was zusätzliche 57 Mio Fr. in die Kassen spült. «Diese Mittel reichen aus, falls sich das operative Geschäft von Rieter im 2. Halbjahr stabilisiert», sagt Beat Füglistaller, Analyst bei Sal. Oppenheim, warnt aber: «Bei einer Verschlechterung braucht es aber nochmals Geld.» Rieter-CEO Hartmut Reuter meint zur Finanzierung: «Sie ist so ausgelegt, dass wir das gesamte Restrukturierungsprogramm umsetzen und so die harte Zeit überstehen können.»

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Pessimistisch ist Füglistaller auch für den Stahlkonzern Schmolz+Bickenbach. «Das Verhältnis von Nettoverschuldung zu Eigenkapital ist mit 80% hoch.» Ein Verlust im 1. Halbjahr 2009 sei nicht ausgeschlossen - kehre das Geschäft nicht in geordnete Bahnen zurück, sei auch hier eine Kapitalerhöhung wahrscheinlich. Bereits im Dezember haben die Hauptaktionäre dem Konzern eine Eigenkapitalspritze in der Höhe von 80 Mio Fr. gesetzt.

Investoren: Genau prüfen

Laut Nick Bossart von der Deutschen Bank Schweiz zeigt die Statistik, dass ein grosser Teil der Kapitalaufnahme am Markt über die Ausgabe von Bezugsrechten erfolgt. Für die Aktionäre sind solche Kapitalerhöhungen eine zwiespältige Sache. Falls sie ihre Bezugsrechte nicht ausüben, droht ihnen eine Verwässerung der Beteiligung, und sie nehmen auf lange Sicht ein tieferes Wertsteigerungspotenzial in Kauf. Üben sie ihre Rechte aus, riskieren sie weitere Verluste.

Bei Rekapitalisierungen steht laut CS-Investmentbanker Illy die Werterhaltung im Vordergrund. «Darum sind sie grundsätzlich bereit, an Kapitalerhöhungen teilzunehmen, weil sie vom späteren Aufschwung profitieren wollen», so Illy. Investoren rät er, genau darauf zu achten, wofür die Unternehmen das frische Kapital einsetzen wollen. «Reine Finanzprobleme können durch den Kapitalmarkt gelöst werden - nicht aber strategische», warnt er. Teure Überkapitalisierungen sollten auf jeden Fall vermieden werden. Als Teil der Rekapitalisierungsstrategie müssen deshalb auch andere Massnahmen, die Kapital freisetzen, geprüft werden. «Etwa, indem das Umlaufvermögen optimiert wird und Investitionsprojekte aufgeschoben werden», erklärt llly.

Solide Firmen: Sicherheit gefragt

Auch solide finanzierte, gut positionierte Firmen beschaffen sich vermehrt frisches Kapital - etwa für spätere Zukäufe, weil Firmen billig werden. Oder als zusätzliches Sicherheitsnetz. So kündigte der Zementkonzern Holcim eine Anleihe über 500 Mio Euro mit einem Coupon zu 9% an. Andere Firmen lassen sich von ihren Hausbanken längerfristige Kreditlinien garantieren. Wie der Mischkonzern Bucher, der sich laut Finanzchef Roger Baillod mindestens auf die nächsten drei Jahre hinaus Kreditlinien und Bankdarlehen in der Höhe von über 600 Mio Fr. bestätigen liess. «Wir sagten immer, Bucher brauche dank hohem freiem Cashflow keine garantierten Kreditlinien», so Baillod. Nun habe man den Schritt doch gemacht - «als Antwort auf die Finanzkrise».

 

 

nachgefragt


«Die Investoren sind bereit zu partizipieren»

Marco M. Illy ist Chef Investment Banking Schweiz/Deutschland/ Österreich bei der Credit Suisse.

Werden wir 2009 weitere Kapitalerhöhungen sehen?

Marco M. Illy: Auf jeden Fall. Diverse Unternehmen prüfen derzeit die Aufnahme von frischem Kapital, typischerweise über eine Emission von Bezugsrechten oder über eine Platzierung am Markt im Rahmen eines Book-Building-Verfahrens. In den nächsten zwölf Monaten erwarten wir allein in der Schweiz Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von 9 Mrd Fr. Zum Teil sind es Rekapitalisierungen, es geht aber auch um Finanzierungen von Akquisitionen.

9 Mrd Fr. ist eine grosse Zahl. Ist das Kapital am Markt vorhanden?

Illy: In Europa haben wir bisher ein Transaktionsvolumen von 32 Mio Euro gesehen, in Vorbereitung sind 64 Mrd Euro. Das zeigt: Die Investoren sind bereit, an Transaktionen zu partizipieren.

Wie hoch ist deren Risikoappetit?

Illy: Er erholt sich zwar langsam, doch ist die Risikoaversion nach wie vor relativ hoch.

Worauf müssen Investoren achten, die an einer Kapitalerhöhung teilnehmen wollen?

Illy: Die Managementqualität muss hoch und die Firma strategisch stark positioniert sein. Zudem ist wichtig, dass die Firma attraktiv bewertet ist. Der geplante Kapitalschritt muss gross genug sein, damit die bilanziellen Risiken adressiert werden können.

Was, wenn die Firma selbstverschuldet in eine Krise geraten ist?

Illy: Dann braucht es einen überzeugenden Restrukturierungsplan und ein Managementteam mit einem Track Record in Sanierungsfällen. Unterstützt der Kapitalmarkt dies nicht, sind eine grössere Umstrukturierung des Firmenportfolios oder der Anschluss an einen strategischen Partner mögliche Auswege.