Dem Technologiekonzern OC Oerlikon stehen ungemütliche Zeiten bevor: Das Unternehmen dürfte im laufenden Jahr gemäss Analystenschätzungen einen Umsatzrückgang von 5% auf 5,33 Mrd Fr. melden. Gleich um 38% auf 312 Mio Fr. soll der Betriebsgewinn auf Stufe Ebit einbrechen. Beim Reingewinn rechnet der von Reuters ermittelte Analystenkonsens mit einem Verlust von 209 Mio Fr.

OC Oerlikon ist zwar nicht das Industriekonglomerat, das von der Wirtschaftsflaute getroffen wird, doch die Auswirkungen tieferer Geschäftsergebnisse können zu grösseren Problemen als bei anderen Unternehmen führen. Im Vergleich zu anderen Schweizer Industriekonzernen weist Oerlikon die höchste Verschuldungsquote auf. Mitte Jahr lag die Nettoverschuldung bereits über dem Eigenkapital beziehungsweise um das 2,7fache über dem Bruttogewinn auf Stufe Ebitda. Die Eigenkapitalquote sank in einem Jahr von 26 auf 23%.

16 Millionen mehr pro Jahr

OC Oerlikon weist gemäss Reuters langfristige Verbindlichkeiten von 2,2 Mrd Fr. auf. 600 Mio Fr. werden im Juni 2010 fällig. Eine fünf Jahre laufende revolvierende Kreditlinie liegt bei 1,9 Mrd Fr. Bis Ende Juni war etwa 1 Mrd Fr. dieser Linie beansprucht worden. Es wurden laut Firma keine speziellen Sicherheiten für diese Kredite hinterlegt. Wenn die Kreditkosten der beanspruchten 1,6 Mrd Fr. nur um 1% steigen, müsste der Technologiekonzern pro Jahr 16 Mio Fr. mehr Zinsen bezahlen.

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Auf der Aktivseite in der Bilanz stehen 1,33 Mio Aktien, von denen 1,05 Mio ursprünglich zu 183 Mrd Fr. bewertet worden waren. Ende 2007 schlummerten in dieser Position Reserven von 300 Mio Fr., weil der Aktienkurs bei 480 Fr. lag. Mit dem auf 140 Fr. gefallenen Kurs ist diese Position nur noch rund 140 Mio Fr. wert ? 40 Mio unter dem bilanzierten Wert. Spätestens bei Jahresende muss auch diese Position wertberichtigt werden ? wenn sich die Aktie nicht wieder deutlich erholt.

Das Unternehmen gibt sich gelassen. «Oerlikon ist solide finanziert», sagt Oerlikon-Sprecher Burkhard Böndel, «wir fühlen uns mit der Mitte 2007 abgeschlossenen Finanzierung sehr komfortabel.» Man beobachte aber die Situation an den Finanzmärkten sehr genau. «Wir haben immer betont, dass wir einen Level von Nettoverschuldung zu Ebitda von 3,5 als oberste Grenze ansehen, daran hat sich nichts geändert.» Bei Oerlikon sieht man laut Böndel «keine Gefährdung dieses Ratios in absehbarer Zukunft».

Uneinig sind die Analysten. «Hinsichtlich der Schulden besteht einiger Spielraum», sagt Michael Foeth, Analyst bei Vontobel. «Auch wenn 2009 ein schlechtes Jahr werden sollte.» Er sieht auch kurzfristig keine Finanzierungsprobleme für den Konzern.

«Ich denke, die Firma wird es schaffen», sagt auch Christoph Ladner, Analyst bei Kepler. «Die Nettoverschuldung ist mehr oder weniger gleich geblieben, es gab keinen Cashdrain.» Heute sehe man nur die Verschuldungslage und die kriselnden Sparten Textil und Halbleiter. «Aber es besteht noch solides Wachstum in der Solarsparte», sagt Ladner weiter, «und auch bei Textilien gilt ähnlich wie für Nahrungsmittel ? man braucht sie immer, auch in schlechten Zeiten.» Für die wichtigsten verändern sich die Fundamentaldaten günstig, denn der Spread, die Preisdifferenz zwischen Baumwolle und Garn, steigt.

«Per Ende Juni 2008 ist die Nettoverschuldung im Verhältnis zum Ebitda mit 2,7 relativ hoch», warnt hingegen Helvea-Analyst Reto Amstalden, «und sobald ein gewisser Wert überschritten wird, müssen die Kreditbedingungen neu verhandelt werden.» Eine solche Bedingung ist das von Oerlikon erwähnte Verhältnis von Nettoverschuldung zum Ebitda von 3,5. Der Wert könnte rascher erreicht sein, als es Oerlikon lieb ist.

Schuldenproblem bleibt

«Aktuell zahlt OC Oerlikon 40 bis 45 Basispunkte über Libor, und ich bin nicht sicher, ob das Unternehmen wieder solche guten Bedingungen erhalten würde», sagt Amstalden weiter. Verschlechterte Kreditbedingungen gehen typischerweise mit höheren Zinszahlungen und der Erhöhung der hinterlegten Sicherheiten einher. Einige potenzielle Sicherheiten wie der Wert einzelner Sparten haben sich deutlich verschlechtert. «Die Halbleitersparte läuft schlecht, Textil auch», sagt Amstalden. «Die Solarsparte dagegen ist noch sehr gut unterwegs.» Allerdings könnte es auch hier zu Verschiebungen um einige Quartale kommen, denn die grossen Projekte sind meistens über Kredite finanziert.

Selbst wenn das Wachstum wieder einsetzt, wäre OC Oerlikon das Schuldenproblem nicht los. Gegenwärtig rentiert das Unternehmen 0% auf Dividendenbasis und 7% auf der Basis des freien Cashflows. Die Kapitalkosten liegen indes höher, womit sich der Return des investierten Kapitals auf 6,2% reduziert. «Unglücklicherweise zerstört die gegenwärtige Asset-Kombination Wert», kommentiert Cazenove-Analyst Karan Khemani, «und das Verhältnis von Nettoverschuldung zu Ebitda könnte sich 2009 um 30% auf einen unbequemen Wert von 3,7 verschlechtern.»

Erste Hinweise dürften die Zahlen zum 3. Quartal liefern, die am 22. Oktober veröffentlicht werden.

 

 


Vekselberg: Cash wegen Crash?

Braucht Viktor Vekselberg Cash, weil der weltweite Crash an den Börsen sein Finanzierungsmodell bedroht? Am vergangenen Wochenende kursierten Gerüchte, die Finanzkrise berühre Vekselbergs Beteiligungsfirma Renova, die unter anderem in Oerlikon und Sulzer investiert ist, indem sogenannte Margin-Calls auf bestimmte Aktienpakete möglich seien.

Ein Margin-Call kann beispielsweise dann erfolgen, wenn ein Kredit, der zum Kauf von Aktien bezogen wird, mit Wertschriften unterlegt wird, dann aber massive Kursrückschläge an der Börse den Wert der Sicherheitsrücklage senken. Hier sind dies Sulzer und Oerlikon, schreiben Analysten der renommierten russischen Investmentbank Troika. In diesem Fall muss Geld nachgeschossen werden. Der Wertverlust der Oerlikon- und Sulzer-Beteiligungen verursachte bei Renova laut Troika eine Verschuldung von 1,5 Mrd Dollar. 350 Mio Dollar refinanzierte Renova im September über einen neuen syndizierten Kredit.

Nun wird spekuliert, ob Renova Anteile versilbert, um Cash zu beschaffen. Renova-Sprecher Markus Blume tritt zumindest grösseren Verkaufsabsichten entgegen: «Wir glauben an den Erfolg von Sulzer und OC Oerlikon und möchten, wie es immer unsere Absicht gewesen ist, auch langfristig dazu beitragen.»

Die Rating-Agentur Standard & Poors, die Renova vor wenigen Tagen von ihrer Credit Watchlist genommen hat, schreibt jedenfalls, dass Renova im Fall von Margin-Calls einen geringen Anteil an Aktien verkaufen oder bisher unbelastete Anteilscheine anbieten könne, ohne dabei den Einfluss auf die Schweizer Unternehmen zu verlieren. (cha)