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Logistik
Die Folgen der Pferdelasagne

Unappetitliches beschäftigte die EU-Konsumenten Anfang Jahr. (Bild: Keystone)

Der Pferdefleischskandal wirft ein Schlaglicht auf die schwer durchschaubaren Warenströme im Lebensmittelgeschäft. Lückenlose Lieferketten sollen nun zu mehr Transparenz verhelfen.

Von Mathias Peer
am 19.04.2013

Es waren unappetitliche Nachrichten, die den europäischen Konsumenten Anfang des Jahres aufgetischt wurden: Statt Rind und Schwein fand sich Pferdefleisch in einer Vielzahl von Fertiggerichten. Betroffen war der gesamte Kontinent.

Laut der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch gingen bei europäischen Behörden allein zwischen Februar und Mitte April dieses Jahres 58 Meldungen von undeklariertem Pferdefleisch ein, das im grenzüberschreitenden Handel aufgegriffen wurde. Die unerwünschte Zutat fand sich vorwiegend in Lasagne, Ravioli und Pasta-Saucen.

Die Produkte gelangten auch in die Schweiz und landeten unter anderem in den Regalen der Supermärkte Coop, Migros und Denner. Kantonale Laboratorien fanden in einer Stichprobe von 247 Produkten fünf Mal undeklariertes Pferdefleisch, wie vor wenigen Tagen bekannt wurde. Wie genau das Pferdefleisch in die Gerichte kam, wird meist ein Rätsel bleiben: Die Warenströme in der internationalen Lebensmittellogistik sind vielfach selbst für Experten nur noch schwer durchschaubar geworden.

Internationales Geflecht

Einen Einblick in das komplexe Geflecht der Lieferbeziehungen geben die Ermittlungen rund um die Pferdefleischfunde in britischer Fertiglasagne, die den Skandal Mitte Januar ins Rollen brachte: Britische Supermärkte hatten das Produkt von einem französischen Hersteller gekauft. Dieser bezog sein Hackfleisch von einem lokalen Zulieferer, der seine Zutaten wiederum von einem zyprischen Handelsunternehmen einkaufte, dessen Eigentümer ihren Sitz auf den Virgin Islands haben.

Mit Blick auf das Dickicht der quer über den Kontinent verstreuten Zulieferer fordern Konsumentenschützer mehr Transparenz für die Lieferketten im Lebensmittelhandel, um Skandale in Zukunft so weit wie möglich zu verhindern. Auch die EU-Kommission forciert zusätzliche Massnahmen, um den Weg der Nahrungsmittel zwischen Produzent und Supermarktregal besser nachvollziehen zu können.

Investitionen in die Informatik

Zahlreiche Logistikdienstleister versuchen, sich in dem Feld zu positionieren - und unterstützen die Lebensmittelindustrie bei dem Wunsch nach mehr Transparenz. Laut einer Marktanalyse von Klaas Smits, Experte bei der Investmentgesellschaft Robeco, hätten die grossen Logistikunternehmen in den vergangenen Jahren massiv in ihre Informatik investiert, «um für die vom Verbraucher geforderte Transparenz entlang der Lieferkette zu sorgen.» So werben die Unternehmen damit, beim Lebensmitteltransport nicht nur Temperaturvorgaben und Lieferzeiten kontinuierlich zu überwachen, sondern auch über Tracking- und Tracing-Technologien, jederzeit den Weg der Lebensmittel lückenlos verfolgen zu können.

Das Vertrauen der Kundschaft ist für die Branche von hoher Bedeutung: Der Bereich Foodlogistik entwickelt sich für die Transportunternehmen zunehmend zum unverzichtbaren Wachstumstreiber: Der Logistikkonzern Dachser konnte im vergangenen Jahr in keinem anderen Segment stärker wachsen: Um 13,2 Prozent legten die Umsätze zu, wie das Unternehmen Anfang April bekannt gab. Auch die Nagel-Gruppe, die sich auf Lebensmittellogistik spezialisiert hat, erwartet einen deutlichen Umsatzanstieg. Besonders stark wachse das Unternehmen in Osteuropa mit rund 20 Prozent. Grosses Potenzial sieht auch der Logistikkonzern DHL im Geschäft mit dem Nahrungstransport.

Lieferkette im Griff haben

Um den steigenden Ansprüchen der Kundschaft in Sachen Lebensmittelsicherheit gerecht zu werden, hat sich in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Logistikdienstleistern nach dem internationalen Standard IFS zertifizieren lassen. Die Ausstellung des Gütesiegels ist an strenge Vorgaben für transparente Warenströme gekoppelt. Als Reaktion auf die jüngsten Lebensmittelskandale traten Anfang April mehrere Verschärfungen des Standards in Kraft, die vor allem Produzenten in die Pflicht nehmen sollen, die Authentizität ihrer Rohware strenger zu überprüfen.

Die Neuerungen seien eine notwendige und logische Konsequenz aus den Skandalen der letzten Wochen und Monate, sagt Andrea Niemann-Haberhausen, Expertin des Zertifizierungsdienstleisters DNV. Obwohl die Umsetzung mit zusätzlichem Aufwand verbunden sei, profitiert die Lebensmittellogistik aus ihrer Sicht davon: «Natürlich ist es schwierig bis unmöglich, sich komplett gegen kriminelle Energie abzusichern. Umso wichtiger ist es daher, seine Lieferkette im Griff zu haben.»

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