Wenn im kommenden Juni Heerscharen europäischer Fussballfans Schweizer Städte bevölkern und Strassenfeste feiern, löst dies nicht überall Euphorie aus. Mit kritischen Augen wird die Euro 2008 etwa von der Baubranche erwartet. Amtlich verordnete Schliessungen von Baustellen in den Austragungsorten, speziell im Tiefbau, schränken die Unternehmer während der Fussballeuropameisterschaft teilweise massiv ein.

Zu spüren bekommt die Zwangspause etwa Implenia, mit einem Umsatz von fast 2,8 Mrd Fr. das grösste Schweizer Bauunternehmen. «In den Austragungsorten sind generell Baustopps eine Woche vor und während der Euro 08 für Bauten auf oder an Umfahrungsstrassen sowie Umleitungsstrassen vorgesehen», erklärt CEO Christian Bubb. Zahlreiche Implenia-Baustellen sind davon betroffen. Direkte Ausfälle erwartet Bubb zwar nicht, weil Implenia die Unterbrechungen in der Jahresplanung berücksichtigt habe und Fertigstellungstermine trotzdem einhalten könne. Durch den Euro-Baustopp wurden aber viele öffentliche Ausschreibungen zurückgehalten, was zu einem Auftragsstau führt. Der Wettbewerb um die vorhandenen Projekte intensiviert sich entsprechend und drückt auf die Preise.

Vor allem Tiefbau wird gestoppt

Das gilt besonders für Zürich, wo Implenia stark vertreten ist. Durch den jüngsten Transfer des Vergaberechts vom Kanton zum Bundesamt für Strassen (Astra) habe in der Region Zürich eine Verlangsamung bei der Auftragsvergabe im öffentlichen Bauwesen stattgefunden, sagt Linus Weber, Geschäftsführer der Baumeisterverbands Zürich. «Dazu kommt die Euro 08, die einen Teil des Tiefbaus in der Stadt lahm legt.» Grössere Ausschreibungen für Bauten an Umfahrungsstrassen wurden schon im Vorfeld der Euro 08 um Jahre verschoben. Im Hochbau sind Baustellen in Stadionnähe und auf der Fanmeile im Zürcher Seefeld betroffen.

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«Wir wollten mit den Behörden über eine Lockerung der Baueinschränkungen diskutieren, hatten allerdings keine Chance», klagt Weber. Bei der Stadt Zürich wird argumentiert, dass man die Bauindustrie schon früh informiert und aktiv Bauberatungen angeboten habe. «Zudem hält die Stadt an ihrem Jahresbudget für Bauprojekte fest und ist vor und nach der Euro entsprechend aktiver», sagt Roger Gygli, Hauptprojektleiter Verkehr für Euro 08 in der Stadt Zürich.

Mitten in Verhandlungen mit der Stadtregierung steckt auch der Baumeister-Regionalverband in Bern, wo die Behörden ebenfalls ziemlich rigide Baustopps für die Zeit während der Euro 08 verhängt haben. Verständnis für Sicherheitsmassnahmen habe man zwar, sagt Geschäftsführer Peter Kaufmann. «Den generellen Baueinschränkungen stehen wir aber sehr kritisch gegenüber.» Betroffen sind diverse Baustellen auf Stadtgebiet.

Basler arbeiten normal

Dass es auch ohne Baustopp geht, beweisen die Städte Basel und Genf. «Bei uns wird während der Euro 08 ganz normal gearbeitet», sagt Evelyne Baumgartner, Geschäftsführerin des Baumeisterverbands Sektion Genf. Weder ein totaler noch temporärer Baustopp sei auf lokalen Baustellen ein Thema. In Basel sind Daniel Allemann vom regionalen Baumeisterverband bislang kaum Klagen von Mitgliedfirmen zu Ohren gekommen. «Viele Unternehmer überbrücken mit Teilzeitkräften, die sie flexibel einsetzen können», so Allemann, der auch in der Basler Geschäftsleitung der Bauunternehmung Walo Bertschinger sitzt. Den verschärften Preisdruck nach der Euro 08 werde zwar auch sein Unternehmen spüren, vermutlich aber ohne gravierende Folgen.

Leidtragende der verminderten Bautätigkeit im Sommer werden vor allem die kleineren Bauunternehmen sein, die bei den Preisen über weniger Spielraum verfügen. In Zürich haben gemäss Linus Weber vom lokalen Baumeisterverband bereits diverse Kleinunternehmer für die Zeit während der Euro 08 Kurzarbeit beantragt.