Nicht nur im Bundeshaus, auch darüber weht oft ein rauer Wind. Das bekam in den Böen des Sturms Lothar auch die Fahnenfabrik Bern zu spüren. Um das Wahrzeichen des Landes sofort wieder zu schmücken, sollte die zerstörte Fahne auf der Kuppel des Parlamentsgebäudes gleich ersetzt werden. Mühsam war es - und vergebens: Zwei Böen später war die neue Fahne wieder zerfetzt. «In zehn Minuten, ein Rekord», erinnert sich Pierre Karlen. «Da wirken gewaltige Kräfte.»

Die Lebensdauer einer Fahne betrage darum nur ein bis zwei Jahre. Dabei bestehen die Fahnen schon lange nicht mehr aus Baumwolle, sondern aus reissfesten Dralonstoffen. Wegen der Umweltverschmutzung sei nach dieser Zeit eine Fahne auch schmuddlig bis schwarz - und da helfe kein Waschen mehr. «Fahnen sind ein Verschleissprodukt», merkt der Patron an. Das lässt regelmässige Verkäufe vermuten. «Service und kulante Dienstleistung gehören zum Geschäft. Doch ein Wartungsabonnement für die Fahnen einer Unternehmung oder Institution ist daraus noch nirgends erwachsen», sagt Karlen. Das grosse Lager im Keller bringe aber hohe Lieferbereitschaft. Neben Gemeinde- und Kantonsfahnen finden sich die Fahnen aller 192 Uno-Mitgliedstaaten. «In sieben Formaten, vom Tischfähnchen bis zur 2 x 3 m messenden Fahne zum Hissen beim Staatsbesuch.» Da sei die Bundesverwaltung manches Mal froh, gleich ennet der Aare fehlende Fahnen zu finden, so Karlen.

«Wettbewerb ist hart geworden»

Dennoch könne sich der Kleinbetrieb im Berner Kirchenfeld - dem noblen Quartier mit den vielen fahnengeschmückten Botschaften - nicht auf den Lorbeeren von 130 Jahren Firmengeschichte ausruhen. «Der Wettbewerb ist hart geworden und die Marge gedrückt.» Wollten alle ein Fähnlein schwenken, wie an der Euro 08 in der Schweiz, kauften Grossverteiler und andere zu tiefsten Preisen billige Produkte aus China. Einzig mit den Papierfähnchen am Zahnstocher für die 1.-August-Weggen betreibe die Fahnenfabrik Bern noch ein Massengeschäft. Ebenso arbeiten gerade noch vier Näherinnen im einstigen Nähatelier. Sie kontrollieren die Verarbeitung der von zuverlässigen Druckereien in den Niederlanden, Österreich und anderen europäischen Ländern produzierten Fahnen. Oder sie setzen Stäbe ein, damit die Fahnen auch ohne Wind schön straff und gut erkennbar hängen. Ganz selten entstehe noch eine Fahne von A bis Z in Handarbeit. Manchmal wolle eine Familie das Wappen auf einem Siegelring zur Fahne machen, nennt Karlen ein Beispiel.

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Üblicherweise werden Fahnen jedoch gedruckt. Verwendungszweck und grafische Gestaltung bestimmen, ob in Sieb- oder Digitaldruck. Siebdruck bringt auf beiden Seiten ein klares Bild, zudem sind Stoff wie Farbe viel robuster. Digitaldruck erlaubt bereits kleine Auflagen sowie unbegrenzte Schrift- und Farbgestaltung. «Häufig ersetzen die bewegten Fahnen starre Plakate oder Stellwände - sie werden zu Blickfang und Werbeträger», sagt Karlen. Heute stelle bald jedes Unternehmen Fahnen auf oder vor den Firmensitz. Das brachte in den vergangenen Jahren kräftiges Wachstum. Trotz dieser Marktausweitung bleibe die Fahnenfabrik Bern bei ihrem Kerngeschäft und werde nicht zu einem Anbieter unter vielen, die von Sonnenschirm über T-Shirt bedruckte Produkte aller Art herstellen.

Neben dem Preisdruck spüren Karlen und sein Team die Globalisierung noch ganz anders: Früher kauften Weltkonzerne auch ihre Werbefahnen lokal. Heute bestelle nur noch Fiat so. Zumeist entscheide der Hauptsitz und kaufe irgendwo für alle Länder. Umso mehr freut sich Karlen über den wiederkehrenden Auftrag des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Ob Rotkreuz, Davidstern oder Halbmond und als Fahne oder als wie Startnummern gefertigte Kennzeichnung der Helfenden, alles wird in hoher Qualität bei der Fahnenfabrik Bern geordert. «Und zu Sonderkonditionen geliefert: Das ist meine Spende für die humanitäre Organisation», wie Karlen anfügt.

Weltweit geschützte Innovation

Die Begeisterung rund um die Fussball-WM in Deutschland beglückte auch die Fahnenverkäufer: «Um ihre Lokale zu schmücken oder auf die aktuelle Partie einzustimmen, wurden viele grosse Fahnen gewünscht», sagt Karlen. Mit der durch Patente und Lizenzen geschützten «Finger-Flag» versucht er jetzt für die Weltmeisterschaft in Südafrika an diesen Boom anzuknüpfen. Ein Geistesblitz des Grafikers führte zur Innovation. Sie lässt sich mit gestrecktem Arm wirkungsvoll schwingen. Später hofft Karlen auch auf Teams oder Sponsoren, die mit der Fingerfahne Stimmungsmache und Produktwerbung verbinden wollen.