Eigentlich waren die Twitter-Chefs und Investoren vorsichtig: Um eine Überbewertung zu verhindern, setzten sie den Ausgabepreis des Kurznachrichtendienstes bewusst tief an. Doch die hohe Nachfrage nach der interessantesten Technologiefirma seit dem Börsengang von Facebook zwang das Unternehmen, den Preis immer wieder zu erhöhen. Bis schliesslich gestern Abend die Bewertung von 26 Dollar pro Twitter-Aktie feststand.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Das ist zuviel. Vernünftiger wäre eine Bewertung im Bereich von 18 Dollar, schreibt die Zeitschrift «The Economist». Wer mehr für das Unternehmen bezahlt, macht langfristig ein schlechtes Geschäft. Skeptisch macht vor allem der hohe Ausgabepreis im Verhältnis zum Umsatz der letzten zwölf Monate. Mit dem neuen Ausgabepreis geht diese Preis-Umsatz-Verhältnis gegen 34. Damit war noch nie eine Firma beim Börsengang im Verhältnis zum Umsatz höher bewertet als Twitter. Die Unternehmen, welche auf der Rangliste direkt hinter dem Kurznachrichtendienst zu liegen kommen, sind Facebook und Palm. Beide Aktien tauchten kurz nach dem Börsengang heftig ab.

Tiefer Umsatz pro Nutzer als Kaufargument

Vor diesem Taucher warnt auch das «Wall Street Journal». Wer langfristig an den Erfolg von Twitter glaube, für den sei ein Einstieg auch noch in einigen Monaten interessant. So kann man zumindest der anfänglichen Volatilität ausweichen und sichergehen, dass der hohe Ausgabepreis nicht nur durch die «Massenhysterie» der Investoren hochgetrieben wurde.

Derselbe Artikel weist darauf hin, dass - unabhängig vom Einstiegszeitpunkt - Twitter als Unternehmen kaum zu erklären sei. Selbst die Gründer wissen anscheinend nur bedingt, wohin sich das Unternehmen entwickeln wird. Ein Investor geht deshalb eine Wette mit komplett ungewissem Ausgang ein.

Potenzial bis 50 Dollar

Das macht ein Investment zur Glaubenssache. «Twitbulls», wie der «Economist» die Fans der heute lancierten TWTR-Aktie (TWTR lautet das Börsenkürzel) nennt, sehen selbst im tiefen Umsatz von nicht einmal 3 Dollar pro Nutzer ein Kaufargument: Schnelles Wachstum sei dank der tiefen Ausgangsbasis vorprogrammiert, meinen sie.

Fest steht, dass mit jeder Erhöhung des Ausgabepreises die Wahrscheinlichkeit eines Ausverkaufs kurz nach dem Börsengang weiter gestiegen ist. Für voreilige Privatanleger ist das ein Risiko - ebenso wie für das Management von Twitter. Analog zur Zeit nach dem Börsengang von Facebook könnte die Motivation der Mitarbeiter mit Anteilen unter einem Preiszerfall leiden.

Es braucht langen Atem

Wer jedoch gute Nerven hat, könnte auch belohnt werden. Die «Financial Times» zitiert einen Analysten, der das Kursziel bei 50 Dollar angesetzt hat. Sollte es Twitter gelingen, die Investoren ebenso zu überzeugen wie Facebook, scheint das realistisch. Das soziale Netzwerk musste zwar ursprünglich zusehen, wie sich der Börsenwert halbierte. Mittlerweile hat sich die Aktie aber zu einer guten Wette für die Investoren entwickelt - selbst jene, die von Anfang an dabei waren.