Die reiche Kundschaft aus dem arabischen Raum ist aus Genf nicht mehr wegzudenken. Das freut nicht nur die Hoteliers und Luxusgeschäfte, sondern auch die ansässigen Banken. «Das Geschäft mit den Kunden aus dem Mittleren Osten boomt gewaltig», sagt Peter Braunwalder, CEO von HSBC Private Bank (Suisse). Dazu kommt eine wachsende Zahl an Kunden aus anderen aufstrebenden Ländern wie Russland oder Osteuropa.

Das Private Banking wird ein wichtiges Standbein bleiben, der Finanzplatz Genf hat sich aber in den letzten Jahren noch auf ein anderes Gebiet spezialisiert. Und zwar werden heute fast die Hälfte des weltweiten Handels mit Getreide und Ölsaaten und ein grosser Teil des Rohölgeschäfts über Genf abgewickelt. Parallel dazu hat die Finanzierung des Rohstoffhandels stark an Bedeutung gewonnen. «Das Wachstum des Finanzplatzes Genf sollte vor allem von der Finanzierung des Rohstoffhandels kommen», erwartet denn auch Bernard Droux, Managing Partner von Lombard Odier Darier Hentsch.

Die Kombination der beiden Pfeiler ist vielversprechend. «In Zukunft könnte der Finanzplatz Genf mit den Standbeinen Private Banking und Handelsfinanzierungen tendenziell besser positioniert sein als Zürich», sagt Hans Geiger, Professor des Swiss Banking Institute in Zürich. Der Finanzplatz werde weltweit seine Position ausbauen können. Der Finanzplatz Genf belegt derzeit im internationalen Ranking der Finanzplätze den 7. Platz, Zürich liegt etwas weiter vorne auf Rang 5. Das Ranking basiert auf dem Global Financial Centres Index (GFCI), der die Wettbewerbsfähigkeit verschiedener Finanzplätze misst (siehe Box). Nimmt man die Zahl der Beschäftigten oder die Bruttowertschöpfung zum Massstab, fällt der Unterschied zwischen den beiden grössten Finanzplätzen der Schweiz deutlich aus (siehe Tabelle).Braunwalder von HSBC sieht auch keinen Grund, warum der Finanzplatz Zürich schwächer werden sollte: «Zürich hat die Börse, die Produktentwicklung im Investment Banking und exzellent ausgebildete Mitarbeiter.» Auch auf die Probleme der UBS reagiert man in Zürich gelassen. «Für unsere Banktätigkeit merken wir auf dem Finanzplatz Zürich nichts von der UBS-Krise», sagt Christian Rahn, Privatbankier der Zürcher Privatbank Rahn & Bodmer. Laut Dieter Sigrist, Sekretär des Verbands Zürcherischer Kreditinstitute, spürt der Finanzplatz zwar die Krise der Grossbank, doch «diese beeinflusst das Verhältnis unter den Finanzplätzen im Inland nicht entscheidend.»

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Grossbanken im Hintergrund

In Genf sind die Grossbanken zwar präsent, ihr Gewicht ist aber bescheiden. Von den 19500 Bankangestellten in Genf arbeiten nur gerade 3500 bei Grossbanken, und zwar nicht im Investment Banking. «Der Finanzplatz Genf wurde von der Finanzkrise wenig betroffen, da Genf kein Zentrum für Investmentbanking ist», bestätigt Steve Bernard, Direktor der Stiftung Finanzplatz Genf.

Dass die Imageprobleme grosser Institute wie der UBS den Genfern zu einem Vorteil verhelfen, glaubt man nicht. «Der Genfer Finanzplatz hat nicht besonders von der Finanzkrise profitiert», so Droux von LODH. Die Krise habe auch nicht dazu beigetragen, dass Genf gegenüber dem Finanzplatz Zürich aufgeholt habe. Von einem innerschweizerischen Konkurrenzkampf zwischen den Finanzplätzen ist ohnehin weder in Zürich noch in Genf die Rede. Die beiden Finanzplätze sind anders ausgerichtet und kommen sich deshalb wenig in die Quere. Zudem werden die wichtigsten Rahmenbedingungen für den Schweizer Finanzplatz in Bern gesetzt. «Doch die Kantone haben einen beachtlichen Spielraum, insbesondere was Steuern und Baubewilligungen betrifft», sagt Geiger. Dabei kümmerten sich die Genfer stärker um ihren Finanzplatz als die Zürcher.