Wie spürt die Hirslanden-Gruppe die Wirtschafts- und Finanzkrise?

Ole Wiesinger: Wir sind zum Glück in einer Branche tätig, die relativ krisenresistent ist. Wir dürften einen leichten Rückgang bei den ambulanten Arztkonsultationen spüren und ebenso bei der Zahl der Wahleingriffe, also von Operationen, die nicht unbedingt vorgenommen werden müssen.

Sie haben letztes Jahr erstmals die Milliardengrenze geknackt. Ist dies 2009 auch wieder möglich?

Wiesinger: Da die Muttergesellschaft, die südafrikanische Medi-Clinic, börsenkotiert ist, kann ich hierzu nichts sagen. Aber wir gehen nicht davon aus, dass die Krise die Zahlen negativ beeinflussen wird.

Die Hirslanden-Gruppe gehört zur Medi-Clinic. Wie ist die Zusammenarbeit?

Wiesinger: Wir sind zum ersten Mal in den Händen eines Industriepartners.

Ein leise Kritik an die vormaligen Finanzinvestoren?

Wiesiger: Nein überhaupt nicht. Wir hatten es sowohl mit der UBS als auch mit der britischen Private-Equity-Firma BC Partners sehr gut. Wir können das Vorurteil der Heuschrecken in keinerlei Art und Weise bestätigen. BC Partners hat rund 400 Mio Fr. in fünf Jahren investiert und die Hirslanden-Gruppe dadurch werthaltiger und wertvoller gemacht. Vor zwei Jahren verkaufte BC Partners die Hirslanden-Gruppe an Medi-Clinic.

Was hat Medi-Clinic mit der Hirslanden- Gruppe vor?

Wiesinger: Aus meiner Sicht gab es drei Motive für den Kauf. Erstens den Schritt aus Südafrika ins Ausland, und zwar in ein sicheres wirtschaftliches Umfeld. Zweitens sind wir uns sehr ähnlich: Wir sind zum selben Zeitpunkt entstanden und haben uns durch Zukäufe vergrössert. Und drittens haben wir eine gemeinsame Vision: Wir wollen beweisen, dass handfeste Vorteile existieren, zu einer nationalen, respektive internationalen Spitalgruppe zu gehören.

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Erfolgreiche internationale Spitalgruppen sind nichts Neues.

Wiesinger: Ja, aber das sind in der Regel Holdings, die Spitäler zusammengekauft haben. Doch es fehlen die Querverbindungen, die Synergien, der sichtbare Mehrwert.

Zum Beispiel?

Wiesinger: Im gemeinsamen Einkauf, im Bereich der internationalen Versicherungen, des Wissensmanagements, der Prozesse, des Qualitätsmanagements und des Marketings. Hier wollen wir zusammenwachsen. Zudem soll die Schweiz als Hub für weitere Expansionen der Gruppe dienen.

Die Hirslanden-Gruppe umfasst zurzeit 13 Kliniken in der Schweiz. Haben auch Sie Expansionspläne?

Wiesinger: Auf jeden Fall. Wir wollen organisch und über Akquisitionen wachsen. Im Hinblick auf 2012 und die Einführung der Spitalliste wird der eine oder andere Mitbewerber sich sicher überlegen, ob es strategisch und betriebswirtschaftlich nicht sinnvoller ist, sich einer Gruppe anzuschliessen. Wenn das Ziel und der Preis stimmen, dann werden wir sicher zukaufen. Wir stellen fest, dass verglichen mit 2005 und 2007 die Preise stark gesunken sind und sie nicht mehr die einstigen Höhen erreichen werden.

Für Sie spielt also die Zeit.

Wiesinger: Das könnte man so sagen. Andererseits muss man angesichts der Spitalliste sehr genau abwägen. Die unsicheren Zukunftsaussichten machen Akquisitionen auch nicht einfacher.

In welcher Region möchten sie zukaufen?

Wiesinger: Die Region Genf ist für uns von grossem Interesse, aber auch die Nordostschweiz oder das Tessin.

Die Gesundheitslandschaft befindet sich im Umbruch. Was ist für die Hirslanden- Gruppe die grösste Herausforderung?

Wiesinger: Dass wir im Moment noch nicht wissen, auf welcher Basis die Spitallistenentscheide 2012 getroffen werden. Das ist apropos auch für unseren südafrikanischen Partner ein Novum. Sie fragen sich manchmal, ob die als grundsolide geltende Schweiz die Gesundheitsreformen wirklich im Griff hat und weiss, wohin die Reise geht.

Wegen der Planungsunsicherheit?

Wiesinger: Absolut. Das ist das grösste Problem. Die Revision des Krankenversicherungsgesetzes wird auf Bundesebene beschlossen. Die Interpretation auf kantonaler Ebene dagegen unterscheidet sich aus unserer Sicht dramatisch von dem, was die Bevölkerung möchte und der Gesetzgeber wollte.

Was wollte er?

Wiesinger: Sicher mehr Wettbewerb im System und mehr Marktwirtschaft, mit gleichlangen Spiessen zwischen öffentlichen und privaten Spitälern. Jetzt passiert aber genau das Gegenteil. Die Kantone werden mit der Umsetzung der KVG-Revision einmal mehr zum Entscheider. Gleichzeitig sind sie aber als Besitzer oder Mehrheitsaktionär der öffentlichen Spitäler unser grösster Wettbewerber.

Wovor fürchten Sie sich so sehr?

Wiesinger: Dass die Entscheide nicht objektiv und gerecht gefällt werden.

Warum nicht?

Wiesinger: Weil das KVG sagt, dass die Spitalplanung am 1. Januar 2012 beginnt und die Übergangszeit, also die Umsetzung, drei Jahre dauern soll. Die Planung soll auf Basis eines Wirtschaftlichkeits- und Qualitätsvergleichs und des Bedarfs innerhalb der Kantone vorgenommen werden. Die Kantone werden am 1. Januar 2012 gezwungen sein, eine Spitalliste zu haben, da sie jedes Spital, welches zu diesem Zeitpunkt auf einer Spitalliste figuriert, mit 55% der Behandlungskosten subventionieren müssen - aus unserer Sicht jedoch ohne objektive Grundlage. Denn es fehlen die wissenschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Instrumente. Die Kantone wollen die Nabelschnur zu ihren öffentlichen Spitälern nicht kappen.

Was müsste geschehen?

Wiesinger: Wenn die öffentlichen Spitäler genauso wirtschaften würden wie wir, das heisst Geld verdienen, den Betrieb und das Wachstum finanzieren und investieren ohne offensichtliche und versteckte Subventionen, dann wäre die Welt für uns in Ordnung und so, wie es dem KVG vorschwebt. Doch das ist nicht der Fall. Wir befinden uns deshalb in einer unkomfortablen Situation.

Müssen Sie sich nicht selber an der Nase nehmen, weil Sie Ihre Anliegen zu wenig kommuniziert haben?

Wiesinger: Das möchte ich nicht ausschliessen. Doch die Privatkliniken haben nach wie vor das Image der Rosinenpicker, auch bei Meinungs- und Entscheidungsträgern, und diese Meinung zu drehen, ist nicht einfach. Das stimmt so einfach nicht und wird unserem Ruf nicht gerecht. Wir sind in erheblichem Umfang auch in der Versorgung der grundversicherten Patienten tätig.

Wie viel macht das bei der Hirslanden- Gruppe aus?

Wiesinger: Rund 30%. In Bern sind 60% der Patienten grundversichert. Die Wahrnehmung ist verzerrt. In Zürich machen die beiden Spitäler Hirslanden und im Park beispielsweise mehr Herzoperationen als das Universitätsspital und das Stadtspital Triemli zusammen.

Was können Sie konkret noch machen?

Wiesinger: Ich behaupte, dass es auch den Kantonen bei der Zusammenstellung der Spitalliste unwohl ist, obwohl sie natürlich ihre Interessen verteidigen. Deshalb mache ich Lobbyarbeit und informiere. Wie gesagt: Wir ändern das KVG nicht mehr. Wir müssen in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für diesen Umstand schaffen.

Warum?

Wiesinger: Die Gesundheitslandschaft ist meiner Ansicht nach bedroht. Wir müssen aufzeigen, was verloren gehen könnte.

Wollen Sie 2012 sämtliche 13 Kliniken der Gruppe auf die Spitallisten bringen?

Wiesinger: Ja, das ist unser Ziel. Wir verfolgen jedoch eine duale Strategie: Zum einen wird unser Überleben gesichert, indem wir einen Listenplatz anstreben, zum anderen müssen wir unsere guten Beziehungen zu den Kostenträgern, den Krankenkassen, verbessern und den Vertragsspitalstatus als Alternative zum Listenplatz vorbereiten. Wir müssen beiden Wege gehen, weil wir nicht wissen, wie die Zukunft aussieht.