Alle reden vom steigenden Strompreis. Für die Elektrizitätswirtschaft jedoch beginnt mit dem Stromversorgungsgesetz (StromVG) ein «neues, spannendes Zeitalter», so der Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitätswerke (VSE), Josef A. Dürr. Dieses Zeitalter kennt Verlierer, aber auch ein paar klare Gewinner. Dazu zählen die grossen, integrierten, zum Teil börsen-kotierten Überlandwerke wie Atel/EOS, BKW, CKW, EGL, EWZ, NOK (Axpo), Romande Energie, Groupe E und Rätia. Auf der Sonnenseite stehen auch einige Kantonswerke. Nach Einschätzung von Bankanalysten besetzen diese Firmen im europäischen Umfeld dank ihrer neuen relativen Grösse lukrative Nischen, auch wenn sie im Vergleich mit den europäischen Grossversorgern Zwerge bleiben. Dies geht etwa aus einer Studie der Bank Vontobel hervor.

Verteiler im Nachteil

Das StromVG schafft allerdings auch eindeutige Verlierer. Dies sind Verteilwerke mit geringer oder gar ohne eigene Stromproduktion, und solche, die reine Verteilnetze betreiben. In der Mehrzahl handelt es sich um Gemeindewerke oder lokale Genossenschaften. Branchenanalysen der Beratungsfirmen Pricewaterhouse Coopers und Accenture stützen diese Diagnose. Gerade diese kleinen Werke «vermeiden derzeit Preiserhöhungen soweit wie möglich», wie es in einer Mitteilung von Peter Lehmann, Vize-Präsident des Dachverbands der Schweizer Verteilnetzbetreiber (DSV), heisst. Die Elektra Augst zum Beispiel «hält nichts von Panikmache und von vorsorglicher Preistreiberei. Wir wollen nicht einfach Geld verdienen, sondern unsere Gemeinde fair bedienen», sagt stellvertretend für viele kleine Werke Präsident Jakob Pfändler. Er versorgt mit seinem nebenamtlichen Vorstand rund 900 Einwohner im Baselbieter Augst. Eines ist Pfändler aber klar: Mit dem ständigen Mehrverbrauch der Konsumenten wächst die Abhängigkeit vom Stromlieferanten.

Gewagter Edelmut

Ob der Augster Edelmut vom Markt belohnt wird, bleibt offen. Dieser Gefahr beugten die Verantwortlichen des Stadtwerks Arbon vor. Letztes Jahr kauften sie sich mit einer eigenen Stromleitung in die Ostschweizer Kraftwerksgesellschaft SN Energie AG ein. Vorteil: Der unverbaute Zugang zum eigenen Kraftwerk. Wer im Besitz von Kraftwerken ist, hat einen Vorteil. Denn die Preise der Handelsplätze in Leipzig, Paris oder Wien sind doppelt bis vierfach so hoch im Vergleich zu den Schweizer Produktionskosten.

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Gegen hohe Strompreise scheint nach europäischem Vorbild nur die schiere Grösse weiterzuhelfen. Eduard Kiener, langjähriger Vorgänger von Walter Steinmann, dem amtierenden Direktor des Bundesamts für Energie (BFE), hatte sich schon in den 1990er Jahren klar für einige wenige, aber umso schlagkräftigere Werke ausgesprochen. «Maximal eines pro Kanton», so ein politisch gewagtes Diktum Kieners.

Überlandwerke als Gewinner

Durch die Stromnetze gewinnen die grossen Überlandwerke gleich doppelt. Die vielkritisierte nationale Netzgesellschaft Swissgrid beansprucht nur ca. 10% der Netzkosten von derzeit etwa 6 Mrd Fr. Der Löwenanteil des Stromflusses wird über tiefer liegende Netze abgewickelt, etwa bei den Nordostschweizerischen Kraftwerken (Tochter der Axpo Holding), der CKW, der Atel, der EOS Holding und anderen, die den Strom über das regionale 110000- bzw. 50000-Volt-Netz transportieren.

Der Besitz des Netzes kann darüber entscheiden, ob die Preise steigen oder sinken, denn nur vertikal integrierte Werke verfügen über Grössen-Kostenvorteile. Das zeigt das Beispiel von Basel und Zürich. Für die Industriellen Werke Basel, die kein Verbundnetz unterhalten, wird die Stromheranführung etwa fünfmal teurer, wie IWB-Vorsitzender David Thiel vorrechnet. Das Stadtzürcher EWZ dagegen, das im Leitungsbusiness mitmischt, kann seinen Strompreis nächstes Jahr locker senken.