Eine gewaltige Expansion der Ladenflächen überrollt die Schweiz. Das Marktforschungsinstitut GfK Switzerland stellt einen neuen Rekord fest: Gegenwärtig werden im Detailhandel neue Shoppingflächen von insgesamt 930 000 m² geplant - eine Fläche, die grösser ist als die gesamte Berner Altstadt mit ihren 850 000 m² oder die 130 Fussballfeldern entspricht.

Im Vorjahr standen bereits 22 neue Shoppingcenter auf der Planungsliste. Unterdessen sind weitere 27 neue Einkaufszentren über 5000 m² entweder vorgesehen oder stehen im Bau (siehe Tabelle). Allein die 27 neuen Einkaufszentren entsprechen zusammen einer Fläche von 510 000m². Doch nicht nur neue Shoppingmalls sollen gebaut werden: Bei 16 von 152 bestehenden Einkaufscentren sind Modernisierungen geplant, meistens verbunden mit Vergrösserungen. Das führt laut Gfk Switzerland zu einer zusätzlichen Ladenfläche von 30 000 m².

Basteln, Bauen und Einrichten

Im Flächenrausch sind auch die Fachmärkte. Hier hat sich die geplante Fläche fast verdreifacht, von 70 000 m² im letzten Jahr auf 190 000 m² in diesem. Insgesamt 14 Fachmärkte sollen gebaut werden oder sind bereits im Bau. In diesem Marktsegment wird die Expansion getrieben von Do-it-Yourself- und Bau&Hobby-Ketten: Geplant oder im Bau sind drei Obi (Migros), vier Hornbach, ein Jumbo (Maus Frères) und ein neues Bauhaus. Ebenfalls ins Gewicht fallen drei neue Einrichtungshäuser von Ikea, die auf dem Reissbrett stehen.

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Trotz negativen Schlagzeilen über den Finanzplatz und die Exportwirtschaft hat die Schweizer Volkswirtschaft bisher unter der internationalen Finanz- und Schuldenkrise wenig gelitten. Der Binnenkonsum ist nach wie vor hoch und verführt nicht nur schweizerische Detailhändler zur Expansion, sondern verlockt auch ausländische Händler zu aggressiven Wachstumsstrategien. «Die hohe Kaufkraft lockt sie an, auch wenn die Komplexität der Schweiz mit ihren drei Kulturen und drei Sprachen unterschätzt wird», sagt Thomas Hochreutener vom Marktforschungsinstitut GfK Switzerland.

Allein der Aufbau der Aldi- und Lidl-Ketten mit mindestens 200 Verkaufsstellen bringt 200 000 m² neue Verkaufsfläche. Und das sei «eine konservative Schätzung», wie Hochreutener betont. Die ungebremste Expansion trägt massgeblich dazu bei, dass in der Schweiz gegenwärtig jede Sekunde ein Quadratmeter des knappen Landes verbaut wird.

Flächenproduktivität nimmt ab

Doch welche Kräfte stecken hinter der Gier nach Fläche? Laut Hochreutener halten Finanzinvestoren die Rendite von Shoppingcentern nach wie vor für attraktiv. «Die Mietverträge haben eine lange Laufzeit. Und viele Mieter sind bereit, einen hohen Preis dafür zu zahlen, dass sie in ein Einkaufscenter einziehen dürfen.» So sucht und findet das Geld nach der Finanzkrise neue Anlagemöglichkeiten im Detailhandel.

Zudem werden die Läden immer grösser. Die grossen Schweizer Detailhändler wie Migros und Coop, aber auch etablierte ausländische Ketten wie Ikea wollen in der Schweiz weiter wachsen. Grösser werden können sie praktisch nur durch Flächenexpansion. Die Krux dabei: «Die Flächenproduktivität nimmt weiter ab», wie Hochreutener feststellt.

Bereits von 2000 bis 2007 ist diese Kennziffer gesunken. Während die Verkaufsfläche zum Beispiel bei den Einkaufscentren um 58% zunahm, konnte die Umsatzentwicklung nicht Schritt halten. Sie stieg im gleichen Zeitraum bloss um 37%. Diese Schere wird sich mit den geplanten Shoppincentern und Ladenflächen noch weiter öffnen.

Immer mehr Konzerne eröffnen zudem ihre eigenen Markenläden, seien das zum Beispiel Apple, Nike oder Adidas, was die Flächenexpansion in der Schweiz weiter fördert. Andere Unternehmen bauen ihr Markenportfolio aus, wofür sie eigene Läden brauchen - und damit mehr Fläche. Die Karl Vögele AG beispielsweise setzt mit Vögele Shoes, Bingo, Schuhdiscount und Max Shoes auf spezielle Outlets mit eigenem Ladenauftritt.

Doch kann die Rechnung der grossen Expansion überhaupt aufgehen? Solange die Margen im Detailhandel noch akzeptabel sind, wird der Flächenrausch weitergehen. Doch die Gier wird über kurz oder lang zu kleineren Margen führen. Und das wird den kleineren und mittleren Geschäften ohne grosses Mutterhaus im Rücken das Leben noch schwerer machen. Falls sie über attraktive Lagen verfügen, werden sie von den Grossen geschluckt werden.

Bei einem gesättigten Markt verschärft sich zwangsläufig der Verdrängungswettbewerb. Die von verschiedenen Faktoren geschürte Expansion in der Fläche wird die bereits grassierende Konzentration im Detailhandel noch verstärken.

Zu den Verlierern der rasanten Flächenexpansion zählen laut Hochreutener primär kleinere und mittlere Geschäfte ohne Profil. Auch die Lage wird entscheiden über Sein oder Nichtsein in diesem Marktsegment. Gewinner sind die grossen Detailhändler wie Migros und Coop: Sie können eine sinkende Flächenproduktivität besser aussitzen. Und warten, bis die kommende Marktbereinigung den Überlebenden wieder höhere Margen beschert.