Die grossen Schweizer Energieversorger verschicken gerne dicke Pressemappen über neue Windparks und Solaranlagen, die sie im Ausland auf die Beine stellen. Doch das dicke Geschäft winkt anderswo, zum Beispiel in Tuzla, Bosnien: Dort interessiert sich der Schweizer Energieriese Alpiq dafür, Strom aus einem neu geplanten Kohlekraftwerk zu beziehen. Dieses hätte eine Leistung von 450 MW - mehr als das AKW Mühleberg.

Wie die nebenstehende Karte zeigt, bauen die grossen Schweizer Versorger im Ausland Kraftwerk um Kraftwerk. 70 Anlagen bestehen bereits oder sind geplant; dazu kommen weitere Projekte von kleineren Versorgern, die nicht aufgeführt sind. Der in den Anlagen produzierte Strom stammt zu fast 99% aus Kohle, Gas und Uran, so die Umweltorganisation Schweizerische Energiestiftung (SES).

Risiken werden sichtbar

Risikolos ist das Geschäft nicht. So schockierte vor Kurzem die Schweizer Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg (EGL) mit einer Gewinnwarnung. Die EGL ist der Auslandarm des Stromversorgers Axpo. Ein Grund war ein Abschreiber auf einem Projekt für ein Gaskraftwerk in Italien. Das Land galt lange als Eldorado für Auslandengagements: Eigene Kraftwerke fehlen, die Strompreise sind hoch. Doch die Rezession dämpfte die Stromnachfrage empfindlich. ZKB-Analyst Sven Bucher: «Mit einem Einbruch wie in der letzten Wirtschaftskrise hatte niemand gerechnet.» Bucher geht zwar davon aus, dass die Nachfrage in Italien wieder steigt. Es könne aber noch «einige Zeit» dauern, bis das Verbrauchsniveau vor der Krise wieder erreicht sei. Italien ist auch ein Zielmarkt des Stromversorgers BKW aus Bern. Aufgrund der schwierigen Wirtschaftslage seien einige Akteure unter Druck geraten, räumt Mediensprecher Antonio Sommavilla ein. Das Marktpotenzial bleibe zwar interessant, die Situation gelte es aber «sorgfältig zu beobachten».

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Doch zurückstecken wollen die Schweizer Konzerne nicht. So erklärt Heinz Karrer, CEO der Axpo Holding: «Die Axpo wird über ihre Tochter EGL im europäischen Markt weiter wachsen.» Laut Karrer sei nun einmal jedes Geschäft mit Risiken verbunden - auch das in der Schweiz. Das liegt etwa am regulatorischen Umfeld in der Schweiz. Alpiq-Mediensprecher Andreas Werz: «Wenn wir in der Schweiz immer mehr statt weniger Kunden zu Gestehungskosten statt zu Marktpreisen beliefern müssen, ist das alles andere als ein risikofreies Umfeld.» Auch Alpiq will laut Werz in Europa weiter expandieren.

Nur: Die Goldgräberzeiten sind nach Einschätzung von Marktkennern auch in Europa vorbei. «Die Dynamik der letzten sieben bis acht Jahre werden wir nicht mehr so schnell sehen», erklärt ZKB-Analyst Bucher. Vontobel-Analyst Andreas Escher bestätigt: «Mittelfristig wird es ruhiger werden.» So hätten Länder wie Italien einen wahren Kraftwerkbauboom erlebt, in anderen wie etwa Spanien habe die Rezession das Wachstum gebremst. Der Entscheid Deutschlands, die Laufzeiten der Kernkraftwerke zu verlängern, könne zudem dazu führen, dass andere Projekte - etwa neue Kohlekraftwerke - aufgeschoben werden, so Escher.

Unter Druck kommt das Auslandengagement der Schweizer Stromer noch aus anderen Gründen. Sie sind mehrheitlich im Besitz der Kantone und Gemeinden und geraten verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit. «Uns stellt sich die Frage, inwieweit es die Aufgabe der grossen Schweizer Stromversorger ist, in diesem Masse im Ausland zu investieren», sagt Sabine von Stockar von der SES. «Ist es richtig, dass die Firmen im Ausland riesige Beträge in CO2-Schleudern wie etwa Kohlekraftwerke investieren, anstatt in der Schweiz die Produktion von sauberem Strom auszuweiten?»

 

 

nachgefragt


«Die Risiken sind im Ausland nicht grösser»

Andreas Escher ist bei der Bank Vontobel in Zürich zuständig für die Aktienanalyse der Schweizer Energieversorger.

Warum investieren Schweizer Stromfirmen in diesem Ausmass im Ausland?

Andreas Escher: Der Schweizer Markt ist klein, reguliert und nur de jure liberalisiert. Die komplexe schweizerische Gesetzgebung mit Strompreisbindung fördert eine Expansion ins Ausland geradezu. Zudem sind abgesehen von Pumpspeicher-Kraftwerken die signifikanten Ausbaumöglichkeiten in der Schweiz beschränkt.

Handeln sich die Firmen nicht erhebliche Risiken ein?

Escher: Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Risiken im Ausland grösser sind als im Inland. Im heimischen Markt drückt das Korsett des unberechenbaren Regulators. Im Gegensatz dazu sind die ausländischen Marktmechanismen einfacher einzuschätzen.

Besteht die Gefahr, dass die Politik dieser Expansion ein Ende setzt?

Escher: Da die Versorgerunternehmen mehrheitlich im Besitz der öffentlichen Hand sind und der Strommarkt sehr komplex ist, besteht diese Gefahr durchaus. Leider, muss man sagen.

Welche Märkte sind für Schweizer Stromfirmen in Zukunft attraktiv?

Escher: Das Potenzial liegt klar in Osteuropa. Rumänien etwa hat im Vergleich zur Schweiz viermal mehr Einwohner, aber den gleichen Stromverbrauch pro Jahr. Zudem sind diese Märkte wenig liquide und somit interessant.