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Konkurrenz
Die grosse «Castingshow» bei der Credit Suisse

Tidjane Thiam: Die CS-Chefs kämpfen intern um die guten Mitarbeiter.Keystone

Bald geht die Schweizer Bank der Credit Suisse an die Börse. Vor der Abspaltung kämpfen Schweiz-Chef Thomas Gottstein und Private-Banking-Chef Iqbal Khan um die besten Mitarbeiter.

Von Laura Frommberg
am 11.01.2012

Die Mitarbeiter der Credit Suisse werden kreativ, wenn es darum geht zu beschreiben, in welcher Situation 
sie sich derzeit befinden. Es 
ist die Rede von «Castingshows», einige wähnen sich auf dem «Fussball-Transfermarkt». Welche Analogie zutrifft, hat viel mit subjektiver Wahrnehmung zu tun. Doch was die Angestellten mit bunten Metaphern beschreiben, zeigt viel über die momentane Gemütslage innerhalb der CS.

Und im Ablauf stimmen alle Erzählungen zumindest grösstenteils überein: Plötzlich treten zwei Chefs von ganz oben in den Raum und schauen sich um. Es sollen Sätze fallen wie «Der muss zu mir» oder «Den kannst du haben». Manchmal ruft auch im Auftrag jemand an und teilt mit, was nun beschlossen wurde.

«Tauziehen» um die Arbeitskräfte

In der Folge werden die betroffenen Mitarbeiter der neuen Abteilung zugeteilt. «Eine wirkliche Wahl hat man nicht», berichtet ein Angestellter aus dem Verwaltungsbereich. «Ich bin nicht sicher, ob ich das produktiv nennen kann.» Er habe das Gefühl, er befinde sich mitten in einem «Tauziehen» um Arbeitskräfte. Auf der einen Seite des Seiles steht Thomas Gottstein und zerrt, auf der anderen reisst Iqbal Khan. Sie führen die mit Abstand wichtigsten Einheiten der Bank: das Schweizer Geschäft und das International Wealth Management.

Auslöser des Kampfes ist die Umstrukturierung und Regionalisierung der Credit Suisse, die Konzernchef Tidjane Thiam im Oktober 2015 bekannt gab. Die Bank wird unterteilt in die Schweizer Einheit, das International Wealth Management und Asia Pacific. Mit dem Umbau einher ging auch die Abtrennung eines zentralen Bereichs, die nun vollzogen ist: Anfang Woche wurde die Credit Suisse ( Schweiz) AG operativ.

Eigene Banklizenz

Die neue Inlandtochter besitzt eine eigene Banklizenz und 1,4 Millionen Kunden, 10'000 Mitarbeitende in der Schweiz sowie 1200 IT-Systeme und -Applikationen. Die Abspaltung kam nicht ganz freiwillig. Man habe «aus der Not eine Tugend» gemacht, sagt denn auch ein CS-Sprecher. Die Abspaltung der Schweizer Einheit war regulatorisch notwendig. Durch sie kommt die CS den Schweizer «Too big to fail»-Regeln nach. Übersetzt heisst das: Kommt die Bank ins Schlingern, kann die Führung den wichtigen Schweizer Teil abspalten und so dessen Überleben sichern.

Auf Schweiz-Chef Gottstein lastet daher ein grosser Druck. Er stehe «in der Bringschuld», erklärte er erst kürzlich 
der «Handelszeitung». Denn Konzernchef Tidjane Thiam sieht im Inland die sichere Zukunft der Credit Suisse. ZKB-Analyst Javier Lodeiro zieht den Vergleich zur Telekombranche in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren: «Damals haben viele Unternehmen das Mobilfunkgeschäft abgespalten, weil es das zukunftsfähigere war.» Selbstständig sollten die Bereiche besser performen. Bei der CS erhoffe man sich das nun vom Schweiz-Geschäft.

Börsengang der Schweizer Bank

Nicht nur diese Verantwortung lastet auf Gottstein. Schon im kommenden Jahr soll seine Einheit an die Börse gehen – und dafür muss der Chef sie herausputzen. «Die Einheit erhält dann einen Marktwert», erklärt ZKB-Analyst Lodeiro. Die Hoffnung sei, dass das auf den Rest der Credit Suisse abfärbe und die Gruppenaktie beflügle. Es wäre dringend nötig. Noch immer und trotz deutlicher Erholung in den letzten Wochen steht der Kurs der CS-Aktie 40 Prozent tiefer als vor drei Jahren. Eine Wachstumsstory wird die 
CS Schweiz aber keine, darin sind sich Experten einig. Solide Dividenden sollen Anleger locken, verspricht Gottstein.

Der Fokus auf die Schweizer Bank erhöht den Druck auf die andere Seite. «Das Lob für Gottstein wird hier zum Teil 
als Misstrauensvotum gedeutet», sagt ein Mitarbeiter aus dem International Wealth Management. Iqbal Khan, Chef der Einheit, steht vor riesigen Herausforderungen. Der Druck durch Aufsichtsbehörden und Gesetzgeber wächst, die Weltwirtschaft schwächelt, das Zinsniveau bleibt herausfordernd, die Börsen dümpeln. In diesem Umfeld muss Khan zeigen, dass auch er noch viel Mehrwert für die CS schaffen kann. Kein Wunder kämpft auch er um die besten Mitarbeiter.

Konkurrenz kann auch helfen

Der Konkurrenzkampf muss nicht nur negativ sein. Wettstreit beflügelt auch 
das Geschäft – solange er sich im Rahmen hält. «Wir leben in einem kompetitiven Umfeld», so Lodeiro. «Schlussendlich bringt es der ganzen Gruppe Wachstum, wenn so beide die besten Leistungen vollbringen.» Doch es gibt auch die negative Seite: Wenn viele Teams sich neu zusammenfinden müssen, sorgt das für Aufbruchstimmung, aber auch für Unsicherheit. Energie kann für Positionskämpfe und Selbstfindung verloren gehen.

Bei der Credit Suisse glaubt man das freilich nicht. «Die Gründung der Rechtseinheit und damit auch der Fokus auf das solide Schweizer Geschäft schaffen eine positive Grundstimmung bei den Mitarbeitern», so ein Sprecher. «Die Mitarbeiter werden mit dem Börsengang den Erfolg direkt am eigenen Börsenkurs ablesen können. Das ist ein Motivationsfaktor.»

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