Vor 68 Jahren holte der US-Amerikaner Harrison Dillard Gold im 100-Meter-Lauf der Männer. Auf Platz zwei landete sein Landsmann Barney Ewell. Bronze gewann der panamaische Athlet Lloyd LaBeach. Es war ein Herzschlagfinale, die Reihenfolge auf dem Podest anfänglich umstritten.

Klarheit lieferte der Fotobeweis. Es war das erste Mal in der olympischen Geschichte, dass eine derartige Technik über Sieg oder Niederlage entschied. Die Entwicklung des Fotos verlangte seinerzeit nach einer Dunkelkammer. 30 Minuten dauerte das Prozedere im besten Fall. Der Kamera-Hersteller: Omega.

1330 Mitarbeiter sorgen für genaue Zeiten

Seither hat sich die Technik massiv weiterentwickelt. Moderne Fotofinish-­Kameras schiessen 10'000 Fotos pro Sekunde. Sie stammen aber noch immer aus der Bieler Uhrenmanufaktur und sind Teil ­einer gigantischen Materialschlacht, welche die Schweizer für die Olympischen Spiele veranstalten.

450 Tonnen Material hat die Swatch-Tochter nach Brasilien transportiert, fast 200 Kilometer Kabel ­verlegt. Wenn am 5. August die olympische Flamme im legendären Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro entflammt, ­werden 1330 Mitarbeiter rund um die Uhr dafür sorgen, dass bei der Zeitmessung kein Fehler passiert.

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Kosten bleiben im Dunkeln

Was das alles kostet, bleibt geheim. ­Weder Omega noch das Internationale Olympische Komitee (IOK) wollen sich dazu äussern. Swatch-Chef Nick Hayek bezifferte den Aufwand für die Infrastruktur bei den Winterspielen in Turin 2006 auf einen dreistelligen Millionenbetrag.

Für einen Teil dieser Kosten kam das IOK auf, der Rest ging zu Lasten des Uhrenkonzerns. Unter dem Strich, so Hayek seinerzeit, bezahle der Konzern einen Betrag im unteren zweistelligen Millionenbereich.

Erheblicher Mehraufwand

Mittlerweile dürfte diese Summe höher liegen, denn die Ausmasse der Sommerspiele in Rio sind ohne Beispiel. Nach der IOK-Anerkennung von Kosovo und von Südsudan werden 206 Nationen in 28 Disziplinen um Gold ringen. In Turin traten gerade einmal 80 Nationen in 13 Sport­arten gegeneinander an.

Entsprechend gering war auch der Aufwand vor zehn Jahren: Für Turin transportierten die Schweizer 220 Tonnen technisches Material ins italienische Piemont. Das ist die Hälfte dessen, was nach Rio geflogen ­wurde. Knapp 100 Kilometer Kabel wurden verlegt. Für Rio waren es doppelt so viel.

Hayeks Hoffnung

Das Investment ist eine grosse Mar­keting-Wette. Hayek bezeichnete den ­Werbeeffekt wiederholt als «unbezahlbar». Omega-Sprecherin Adriana Bavuso sagt, das Engagement an den Olympischen Spielen sei mit nichts zu vergleichen. «Keine noch so grosse Marketingkampagne oder technische Spielerei kann das ersetzen», so Bavuso.

Entsprechend ruhen grosse Hoffnungen auf der Marke. Omega, mit geschätzten 2,5 Milliarden Franken Umsatz pro Jahr das stärkste Pferd im grossen Stall von Hayek, soll den Karren aus dem Dreck ziehen.

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Die Swatch-Gruppe hat für das erste Halbjahr einen Umsatzeinbruch von 12 Prozent vermeldet. Wegen der Attentate in Frankreich und Brüssel blieben kauffreudige Touristen aus. In Hongkong drückten Antikorruptionsmassnahmen auf das Ergebnis. Das Resultat ist eine Gewinnwarnung für das Jahr 2016.

Brasilianische Absatzschwäche

Die hohe Visibilität der Marke Omega soll jetzt die Verkäufe ankurbeln. Die ­Herkulesaufgabe obliegt Raynald Aeschlimann. Seit Juni steht er an der Spitze von Omega. Der Mittvierziger folgte auf den langjährigen Omega-Chef Stephen Urqu­hart.

Auf dem brasilianischen Markt steht Aeschlimann aber auf verlorenem Posten. Der Gesamtwert der Schweizer Uhren­exporte nach Brasilien hat in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen. Seit 2008 sind die Zahlen von über 60 Millionen Franken auf unter 40 Millionen Franken eingebrochen. Die weltweiten Uhrenexporte sind derweil auf ein Hoch von über 22 Milliarden Franken ­geklettert. Punkto Uhren ist Brasilien in der Bedeutungslosigkeit versunken.

Erst am Anfang

Das zeigt sich auch an den Zahlen. Omega unterhält lediglich vier Boutiquen im 200 Millionen Einwohner zählenden Land, wie Sprecherin Bavuso sagt. Zwei stehen in Rio de Janeiro, zwei in São Paulo.

Zum Vergleich: In Peking, wo die Sommerspiele 2008 stattgefunden haben, unterhält Omega acht Stores, im ganzen Land sind es weit über 100. «Wir hoffen, die Dynamik in Südamerika vorantreiben zu können», erklärt Bavuso. «Aber die Menschen in dieser Region haben es zurzeit nicht einfach, deshalb werden wir langsam vorgehen.»

Siege mit wertvoller Botschaft

Das Los der Swatch-Gruppe wird sich in Asien entscheiden, wo fast 60 Prozent des Konzernumsatzes erwirtschaftet werden. Glücklicherweise für die Schweizer hat China die Spiele zur nationalen Sache erklärt. Im aktuellen Fünfjahresplan der zentralen Sportbehörde von Peking heisst es, dass Chinas Erfolge aus vergangenen Jahren in Brasilien mindestens gehalten werden müssen.

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Peking strebt damit wieder nach der Krone im Medaillenspiegel. Die Hoffnung der Funktionäre liegt auf den Disziplinen Tischtennis, Badminton, Turmspringen, Schiessen, Turnen und Gewichtheben. Jeder Medaillenerfolg wird in den nationalen Medien gefeiert werden – im Radio, Fernsehen und Internet. Der Name Omega flimmert so ganz nebenbei über die Bildschirme einer ganzen Nation und verbreitet die Botschaft von Präzision und Zuverlässigkeit «made in Switzerland».

Am anderen Ende der Welt

Einziger Wermutstropfen: Die Zeitdifferenz zwischen Rio de Janeiro und Peking beträgt 11 Stunden. Wenn in Brasilien um 20.00 Uhr Ortszeit die grosse Eröffnungsparty steigt, beginnt in China ein neuer Tag. Hoffentlich ein guter für Swatch.

Leichtathletin Mujinga Kambundji gehört zu den Medaillen-Hoffnungen im Schweizer Team: