Statt Benzin genügt ein gutes Frühstück, um mit dem Elektrobike namens «Flyer» fast ebenso schnell zur Arbeit zu kommen und gleich noch etwas für die Gesundheit zu tun. Denn trotz Unterstützung des 250 Watt starken Motors radelt man sich auf dem Flyer fit, weil man ohne Trampeln gar nicht vom Fleck kommt.

«Das ist wie Nordic Walking auf zwei Rädern», lacht Kurt Schär, Mitinhaber und CEO der Firma Biketec. Der Motor verrichtet seinen Dienst nur, wenn der Fahrende es auch tut und wenn er genügend Strom gespeichert hat. Der Akku, der seinen Saft aus der Steckdose für 0,3 kWh oder 4 Rp. – so viel kostet eine Akku-Ladung – abzapft und speichert, war lange Zeit die Crux des Elektrobikes: Zu schwer, zu schnell leer, zu lange Ladezeiten. «Die Lithium-Ionen-Technologie hat hier den letzten grossen Wurf gemacht», erklärt Schär. Die neuen Akkus haben rund 70% mehr Kapazität und reichen für 40 bis 60 km, je nachdem, wie viel Energie der Fahrende dazusteuert. Das Laden dauert 3 bis 6 Stunden, das Gewicht des Akkus wurde auf 2,6 kg reduziert und das Format des Stromspenders auf einen Handbag geschrumpft. Die Entwicklung ist aber lange nicht zu Ende. «Die Akkus werden fast jedes Jahr leistungsfähiger», weiss Schär. Die Lebenserwartung des rund 900 Fr. teuren Akkus, der heute gekauft wird, beträgt drei bis vier Jahre.

Ein Minuspunkt aller Technologien, die noch mitten in der Entwicklung stecken, der aber von den Kunden offenbar in Kauf genommen wird: Im letzten Jahr hat Biketec 8000 Velos verkauft, dieses Jahr werden es 12000 sein. Der Umsatz soll von 22 Mio im Jahr 2007 auf 34 Mio Fr. in diesem Jahr steigen. Die Nachfrage nach den hilfsbereiten Fahrrädern zieht sich durch alle Altersklassen beider Geschlechter, aber der Schwerpunkt liegt bei Menschen jenseits des 50. Lebensjahres. «Viele Leute fahren zwar gerne Velo, aber scheuen sich einfach vor den Steigungen am Berg», erklärt Schär.

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Der Nutzen im Fokus

Kurt Schär und Hans Furrer haben die Firma im Dezember 2001 aus der Nachlassstundung herausgekauft. «Ich war mir sicher, dass Elektrobikes die Zukunft sind», erklärt Schär seinen Schritt vom damaligen Geschäftsführer der alten Firma BKTech zum Miteigentümer der heutigen Biketec. «Wir haben im Gegensatz zu den Vorgängern den Fokus nicht auf das technologisch Machbare, sondern auf das Optimum für den Kunden gelegt», erklärt Schär den Misserfolg der ersten und den Erfolg der jetzigen Hersteller. Der Fokus wurde damals nur auf die Technologie und nicht auf die Abdeckung von Kundenbedürfnissen gelegt, die Preise von 3000 bis 6000 Fr. war nicht jeder bereit zu zahlen.

Das ist heute auch noch nicht jeder. Erst ab 3300 Fr. ist man mit dem günstigsten Modell dabei. Nach oben sind indes mit Zubehör – vom Tacho bis zum Heizgriff – kaum Grenzen gesetzt. Die Preise werden noch eine Weile auf diesem Niveau verharren. Zwar sinken einerseits die Kosten dank des rasanten Technologiefortschritts, andererseits steigen die Preise für die Rohstoffe im Einkauf. «Fahrräder werden generell im nächsten Jahr 15 bis 20% teurer», prophezeit Schär. Er geht aber davon aus, dass Biketec nicht aufschlagen muss, da sie ab 2009 die vierfache Menge produzieren können.

Die Firma investiert 12 Mio Fr. in den Bau eines neuen Produktionsstandortes in Huttwil, im nächsten Frühjahr ist der Umzug geplant. Die neue, 8000 m2 grosse Produktionsstätte im Minergiestandard und mit Photovoltaikanlage bietet Kapazität für über 100 Arbeitsplätze. Derzeit verdienen 51 Leute ihre Brötchen bei Biketec, aber «im Moment können sie mir gerne noch 20 Leute vorbeischicken», meint Schär. Denn gute Mitarbeitende seien rar. Gute Arbeitgeber aber auch – ob er seine Mitarbeitenden am Unternehmenserfolg beteiligt? Ja, je nach Ergebnis gäbe es am Ende des Jahres einen Bonus für alle. Und wer mit einem Flyer zur Arbeit radelt, bekommt das Velo von der Firma gestellt.

Mit dem Flyer auf Tour

Die Ausbauinvestitionen fussen auf realistischen Visionen: Schär ist davon überzeugt, dass es in 20 Jahren nur noch drei Sorten Fahrräder geben wird: Rennvelos, Montainbikes und Elektrovelos. Heute haben 20000 Schweizer ein E-Velo – Marktpotenzial wäre dann also genug vorhanden. Hinzu kommen die über 50% der Produktion, die Biketec nach Deutschland und in die Niederlande verkauft. Viele der ausländischen Kunden sind während der Ferien in der Schweiz auf die Flyer aufmerksam geworden. Denn Schär vermietet seine Bikes in Tourismusregionen, derzeit sind zirka 600 Elektrovelos in der Vermietung.

Biketec bietet den Urlaubern mehrtägige Flyer-Radtouren an, bei denen am Pausenort nebst Kohlehydraten und Mineralwasser auch gleich ein voll geladener Akku serviert wird. «Wie früher, als es für die Postreiter ein neues Pferd gab», lacht Schär.