Eigentlich will das neue Markenschutzgesetz das Label Schweiz vor Trittbrettfahrern schützen. Doch für viele Hersteller schiesst es weit übers Ziel hinaus. Besonderen Zündstoff birgt die Regel, dass künftig 80% der Rohstoffe in verarbeiteten Naturprodukten aus der Schweiz stammen müssen. Sie bringt zum Beispiel den Milchverarbeiter Emmi, bei dem das Schweizerkreuz im Logo und auf den Verpackungen zu finden ist, in arge Verlegenheit. «Wir produzieren Milchgetränke, Joghurts, Birchermüesli und Desserts, die lediglich 70% Schweizer Rohstoffe enthalten», erklärt Emmi-Sprecher Stephan Wehrle. Bei einer strikten Auslegung der 80%-Rohstoffregel könnten diese Lebensmittel nicht mehr als Schweizer Produkte verkauft werden.

Umsatzeinbussen drohen

Andererseits lassen sich die importierten Zutaten - Fruchtmark, Getreidekörner, Wein - nicht einfach durch inländische Rohstoffe ersetzen. «Stetige Verfügbarkeit und konstante Qualität, wie sie für unsere Verarbeitung unabdingbar sind, wären dann nicht mehr garantiert», sagt Wehrle.

Der Absender Schweiz ist für den erfolgreichen Exporteur Emmi Gold wert. Mit Bezeichnungen wie «Swiss Müesli - das Original aus der Schweiz» kann sich Emmi auf den Zielmärkten klar von den Mitbewerbern abheben. Die Marke Schweiz ist laut der Studie «Swissness Worldwide» der Universität St. Gallen etwa in der Nahrungsmittelindustrie einen Zuschlag von 5 bis 15% wert.

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Ähnlich tönt es bei der Migros, wo Sprecherin Monika Weibel betont, dass mit der neuen Regelung zu viel Gewicht nur auf die Rohstoffseite gelegt werde, ohne Rücksicht auf Wertschöpfung, Know-how und Arbeitsplätze.

Realitätsfremde Regelung

Für Werner Hug, VR-Delegierter des Biskuitsherstellers Hug in Malters, ist klar: «Wenn sich die neue Rohstoffregel auch im Parlament durchsetzt, können wir unsere Willisauer Ringli nicht mehr als Schweizer Produkt anpreisen.» Zwar wird niemand bestreiten, dass es sich bei den Willisauer Ringli um eine urschweizerische Spezialität handelt. Doch allein mit Tradition lässt sich nach neuem Gesetz Swissness so wenig retten wie durch den Umstand, dass die Biskuits auch heute noch am Ursprungsort gefertigt werden. Der Makel, auf Grund dessen dem Süssgebäck nun die Ausgrenzung droht, sind die leckeren Zutaten. Der Honig zum Beispiel, der rund ein Drittel der Teigmasse ausmacht, ist importiert. Hug jedenfalls kann nur den Kopf schütteln über die 80%-Rohstoffregel, von der viele weitere seiner Produkte betroffen sind.

Nicht anders als bei Hug ist die Situation bei Kambly in Trubschachen. Für diesen Emmentaler Feingebäckhersteller, der seit 100 Jahren im Herzen der Schweiz produziert, sind importierte Zutaten ebenfalls unentbehrlich. Bei der Vermarktung spielt der Swissness-Faktor eine zentrale Rolle, denn 58% des Umsatzes werden heute im Ausland erzielt.

Es gibt eine klare Lösung

Der Verband spricht Klartext. So meint Biscosuisse-Direktor Franz Schmid, der auch Co-Geschäftsführer der Föderation Schweizer Nahrungsmittel-Industrien (fial) ist: «Die 80%-Rohstoffregel zielt völlig an den Realitäten industrieller Fertigung vorbei. Es ist unsinnig, dass bei der Menge ein paar Prozent mehr oder weniger über die Swissness entscheiden.»

Zwar lässt die Botschaft des Bundesrates dem Parlament noch Spielraum für komplizierte Ausnahmeregelungen. Doch für Sonderlösungen kann sich Schmid nicht begeistern. Stattdessen plädiert er für eine einfache, aber umso klarere Regelung: Alle Firmen, die hundertprozentig in der Schweiz produzieren, sollen bedingungslos auf Swissness setzen können, und zwar unabhängig von Rohstoffquoten. Und bei Teilfertigung in der Schweiz soll die 60%-Regel gelten, wobei die Hersteller zwischen den Kriterien Wertschöpfung und Rohstoffen wählen könnten. Die fial hat in den letzten Wochen bei verschiedenen National- und Ständeräten vorgesprochen und kräftig lobbyiert, damit das Parlament nun die bundesrätliche Vorlage korrigiert.

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