Seit jeher sind Sie in der Versicherungsindustrie tätig. Dieser Werdegang fällt auch bei anderen Versicherungsvorsitzenden auf. Ist Ihre Industrie derart kompliziert, dass sie quasi von «klein auf» gelernt werden muss?

Stefan Loacker: Es gibt sicherlich ein paar Eigenheiten, aber ich würde diese nicht überbewerten. Viel eher habe ich den Eindruck, dass man in der Branche einfach hängen bleibt, weil sie sehr spannend ist.

Von einer Ihrer ehemaligen Arbeitgeberinen, der Swiss Life, haben Sie den französischen Transportversicherer L?Européenne d?Assurance Transport (CEAT) gekauft. Wie läuft der Verdauungsprozess?

Loacker: Der Start ist gut gelungen. Jetzt geht es darum, den Integrationsprozess optimal zu gestalten.

Bleibt es 2009 bei dieser Akquisition?

Loacker: In Frankreich schon (lacht).

Werden Sie in anderen Märkten/Bereichen eine weitere Übernahme tätigen?

Loacker: Unsere Strategie ist auf gesundes, organisches Wachstum ausgelegt. Ergänzungsakquisitionen werden nur selektiv und in unseren bestehenden Märkten getätigt. Wenn sich dabei die richtige Gelegenheit bietet, sind wir grundsätzlich an weiteren Zukäufen oder strategischen Vertriebspartnerschaften interessiert.

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Also auch im nächsten Jahr?

Loacker: Auch 2010 werden wir weiter nach geeigneten Übernahmen Ausschau halten. Aber wie gesagt, die Zukäufe müssen zu unserer Strategie passen.

Sie betonen immer wieder, Helvetia sei einer der bestkapitalisierten Versicherer in Europa. Sind Sie gar überkapitalisiert?

Loacker: Wir verfügen über eine sehr starke Bilanz. Das schafft Sicherheit für den Kunden und für Investoren und verschafft uns strategischen Freiraum.

2008 haben Sie sowohl in Österreich als auch in Italien Akquisitionen getätigt. Ist nun Spanien an der Reihe?

Loacker: Die spanische Wirtschaft wurde nach den enormen Boomjahren unvermittelt und hart von der Rezession getroffen. Es war für uns wichtig, nicht im Peak zu investieren, sondern die weitere Entwicklung abzuwarten. Die Situation beginnt sich nun zu stabilisieren. Strategische Engagements und längerfristige Investitionen - gerade auch in Bankpartnerschaften - sind für uns nun auch in Spanien wieder vorstellbar.

Neben Frankreich und Spanien generieren Sie auch in Österreich verhältnismässig wenig Prämieneinnahmen. Lohnt sich das Geschäft überhaupt?

Loacker: Der österreichische Versicherungsmarkt ist deutlich kleiner als etwa der schweizerische. Andererseits ist er daher ausbaufähiger, ganz besonders im Vorsorgebereich. Die Helvetia ist in Österreich knapp an den Top Ten.

Dennoch war das Geschäft im 1. Halbjahr nicht profitabel.

Loacker: In Österreich gab es dieses Jahr eine besondere Häufung von grösseren Unwettern. Aufgrund von Hagelschlägen und Überschwemmungen hat die Schadenbelastung marktweit im zweiten Halbjahr noch weiter zugenommen.

Planen Sie, das Österreich-Geschäft aufgrund der schwierigen Marktbegebenheiten zu verkaufen?

Loacker: Nein, ein Verkauf steht derzeit nicht zur Diskussion.

Und ein Ausbau? Dadurch könnten grössere Skaleneffekte erzielt werden.

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Loacker: Wir sind grundsätzlich an Ergänzungsakquisitionen in sämtlichen Märkten interessiert, in denen wir heute tätig sind.

Bâloise betreibt ebenfalls eine verhältnismässig kleine Einheit in Österreich. Führen Sie Gespräche?

Loacker: Wie gesagt, auch in diesem Markt halten wir die Augen offen für weitere Zukäufe.

Wenn wir schon von Bâloise sprechen: Rolf Schäuble, Bâloise-Verwaltungsratspräsident, äusserte sich mehrmals darüber, dass ein Zusammengehen von Helvetia und Bâloise eine gute Idee wäre. Wie stehen Sie dazu?

Loacker: Helvetia ist überzeugt, dass der eigenständige Weg am meisten Mehrwert bringt: Für Kunden, Mitarbeitende und Aktionäre.

Im 1. Halbjahr 2009 erzielten Sie ein Wachstum von 21,4%. Werden Sie auch im 2. Semester positiv überraschen?

Loacker: Im 1.Halbjahr haben sich die erstmals bilanzierten Zukäufe des Vorjahres besonders positiv ausgewirkt. Dieser Effekt wird sich abflachen. Ich rechne aber auch für das Gesamtjahr mit einem klar zweistelligen Wachstum.

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Die Aktienquote hielten Sie im 1. Semester noch bei 3%. Werden Sie diese erhöhen, um weiterhin an der Erholung der Kapitalmärkte zu partizipieren?

Loacker: Dies ist bereits erfolgt. Sollte die Erholung an den Kapitalmärkten anhalten, könnte sich die Aktienquote bis Ende Jahr auf knapp 5% erhöhen.

Vor der Krise sprachen Sie davon, hybrides Kapital im Umfang von 300 Mio Euro aufzunehmen, sprich Eigenkapital durch Fremdkapital zu ersetzen. Dazu würden Sie gar ein Aktienrückkaufprogramm in Betracht ziehen. Halten Sie daran fest?

Loacker: Die Umsetzung dieses Vorhabens wurde durch die enorme Kapitalmarktkrise bis auf Weiteres sistiert. Mittlerweile sind die Märkte zwar wieder etwas stabiler geworden, aber das regulatorische Umfeld ist in einigen Punkten noch zu wenig berechenbar. Eine überhastete Aktion wäre jetzt unangebracht.

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Welchen Herausforderungen müssen Sie sich sonst noch für 2010 stellen?

Loacker: Die Kapitalmärkte erfordern weiterhin ein intensives Monitoring. Das gilt sowohl für das Aktien- wie auch für das Zinsumfeld. Ein zu rascher Anstieg der Zinsen könnte eine Herausforderung für die Versicherer werden. Aber auch von der regulatorischen Seite her gibt es einige Themen, die nächstes Jahr anstehen. Die Volksabstimmung für einen fairen Rentenumwandlungssatz ist besonders wichtig, um die langfristige Stabilität unseres 3-Säulen-Systems sicherzustellen.

Tun sich auch Chancen auf?

Loacker: Die erwartete wirtschaftliche Erholung ist für das Versicherungsgeschäft wichtig. Insbesondere die konjunkturabhängigen Sparten wie die Transport- und Motorfahrzeugversicherungen werden davon profitieren. Auch im Vorsorgegeschäft bieten sich Wachstumsmöglichkeiten.

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Wie stark spielt Ihnen die Krise in der Vorsorge in die Hände? So gerieten viele autonome und halbautonome Pensionskassen in Unterdeckung.

Loacker: Durch die Kapitalmarktkrise wurde der Wert einer Vollversicherungslösung besonders augenscheinlich. Im Gegensatz zu autonomen Pensionskassen sind hier Unterdeckungen nämlich ausgeschlossen. Umso mehr rechne ich damit, dass vermehrt Vollversicherungen nachgefragt werden.