Die Heuschrecke

Ein Investor ohne Skrupel, der privat Wohltätigkeitsorganisationen unterstützt - Paul Singer ist ein Mann der Gegensätze. Der 66-Jährige verwaltet mit seiner Hedgefonds-Gesellschaft Elliott von New York, London, Tokio und Hongkong aus heute etwa 17 Milliarden Dollar. Angefangen hat der Apotheker-Sohn aus dem Umland von New York als Student der Psychologie und dann der Rechtswissenschaften in Havard. Doch eine wissenschaftliche Stelle gab er auf, arbeitete für Anwaltskanzleien und eine Investmentbank. Dann machte er sich mit Hilfe von Freunden und Familie selbstständig, verdiente an Preisschwankungen bei Wandelanleihen und schliesslich an Investitionen in krisengeplagte Firmen. Und so ging es weiter.

Singer macht Geld mit Staatsanleihen von Schuldenstaaten. Er treibt Unternehmen in die Arme von Grosskonzernen und macht Kasse mit dem Verkauf der Anteile, so etwa bei der Übernahme von Wella durch Procter & Gamble und der von DIS durch Adecco. Dabei ist er nie um einen Trick verlegen oder darum, vor Gericht zu ziehen. Ein klassischer Heuschrecken-Investor. Doch es gibt auch eine andere Seite an Singer: Über seine Familienstiftung hilft er Wohltätigkeitsorganisationen, unterstützt die New Yorker Polizei und setzt sich für die Rechte von Homosexuellen ein.

Nachdem er den Republikanern George W. Bush und Rudolph Giuliani in Wahlkämpfen finanziell unter die Arme gegriffen hat, ist er mittlerweile kritischer gegenüber der gesamten Politik. Warnte er 2007 ungehört vor den Gefahren einer Finanzkrise, verurteilt er heute die Geldpolitik der Fed und der EU, warnt vor dem Risiko einer Inflation. Er zeigt sich skeptisch gegenüber den bullischen Märkten, Grossbanken und der Goldrally in den USA. Manchen Gast beglückt der weisshaarige und –bärtige Mann mit „The economics of inflation“, einer Abhandlung  aus dem Jahr 1931 über die Geldentwertung in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. 

Seine Aufmerksamkeit in Investmentangelegenheiten gilt derzeit dem Schweizer Biotechkonzern Actelion und dessen Chef Jean-Paul Clozel. Dem werfen er und seine Leute von Elliott als grösste Investoren unter anderem ergebnislose Forschung, unverhältnismässige Kosten und eine zu starke Fixierung des Konzerns auf eine Person vor. Sieht man sich die vergangenen Investments von Singer an, liegt der Verdacht nahe, dass er Actelion in die Arme eines Grosskonzerns treiben will oder einen Übernahmekampf anzetteln – um in beiden Fällen seine Anteile gewinnbringend zu verkaufen.

Der Forscher

Ein paar Menschen als Arzt zu helfen, das genügte Jean-Paul Clozel nicht. Er wollte immer mehr. Nachdem er im Medizinstudium in Nancy seine spätere Frau Martine kennengelernt hatte, ging er mit ihr nach dem Abschluss nach Kanada und in die USA. Dort arbeiteten die beiden in der Forschung daran, neue Medikamente zu entwickeln. In den Achtziger Jahren heuerten sie dann bei Roche an. Als sie dort das entdeckten, was später der Lungenbluthochdrucksenker und Actelion-Kassenschlager Tracleer werden sollte, fanden sie bei Roche keine Unterstützung für weitere Tests.

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Zusammen mit zwei weiteren Forschern beschloss  das Ehepaar, sich selbstständig zu machen. „Das war beängstigend und stimulierend zugleich“, sagt Clozel rückblickend. Zwar mussten sie – eine Gemeinsamkeit mit Singer – das Grundkapital zunächst selber und ohne fremde Investoren stellen. Doch es zahlte sich aus: Tracleer wurde zum Erfolg und mit ihm das 1997 gegründete Unternehmen namens Actelion. Die Firma erreichte schnell wie keine andere in der Branche die Gewinnzone und ging bereits im April 2000 an die Börse.

Der Kardiologe und Forscher Clozel ist auch zum Unternehmer geworden. Heute spricht er in Interviews davon, dass Actelion eine hohen „Cash-Flow“ erziele. Der hochgewachsene Mann ist nicht nur Gründer, sondern auch CEO und Verwaltungsratmitglied. Und er tut all dies mit grossem Erfolg. Im BILANZ-CEO-Rating 2009 landete er auf Platz eins – als einziger CEO eines Schweizer Grossunternehmens, der seinen Aktionären 2008 überhaupt Geld in die Kasse brachte.

Trotzdem bleibt der heute 55-Jährige auch seinen Wurzeln treu, führt Actelion als forschungsorientiertes Unternehmen. Im Gegensatz zu Hedgfonds-Chef Singer, der ihm vorwirft, den Unternehmenswert zu gefährden, verweist er auf zehn Produkte, die sich in der klinischen Entwicklung befinden, und sieht Actelion vor einer Phase des Erntens.


Mit seinem Hedgefonds Elliott als grösstem Actelion-Aktionär wollte Paul Singer an der Generalversammlung in Basel sechs eigene Kandidaten in den Verwaltungsrat wählen lassen. Die Aktionäre lehnten jedoch alle Elliotts-Anträge ab und sprachen dem Verwaltungsrat und der Geschäftsleitung das Vertrauen aus.

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