ZERTIFIZIERUNG. Hinter dem Kürzel COSC verbirgt sich die Contrôle Officiel Suisse des Chronomètres mit Sitz in La Chaux-de-Fonds sowie drei Aussenstellen in Biel, Le Locle und Genf. Seit 1973 hebt oder senkt diese Institution, ein Verein unter der Obhut der fünf Kantone Bern, Solothurn, Neuenburg, Waadt und Genf, ihren Daumen über jene zeitbewahrenden Probanden, die sich einem 15-tägigen Genauigkeitscheck zu unterziehen hatten. Satzungsgemäss akzeptiert sie jedoch nur Uhrwerke mit dem Prädikat «Swiss made». Produkte aus deutschen Landen, darunter auch die aus dem sächsischen Uhrenmekka Glashütte, bleiben demgemäss aussen vor.

Hellmut Wempe gab die Impulse

Die bundesrepublikanischen Pendants zur COSC, das Deutsche Hydrografische Institut (DHI), Hamburg, sowie die Physikalisch-technische Bundesanstalt in Braunschweig (PTB) samt ihrer Aussenstelle, der Uhrenprüfstelle des Landesgewerbeamts in Stuttgart, hatten ihre Tätigkeit 1970 mangels Nachfrage eingestellt. Damit endete die Epoche der deutschen Chronometerprüfungen. Nach längerer Ruhepause lebt die Tradition jetzt aber wieder neu auf. Dabei geht es keineswegs um die Schaffung einer COSC-Konkurrenz. Auslöser war letztlich das Schleifen der Deutschland trennenden Mauer. Dadurch erfuhr die deutsche Uhrenindustrie ein Comeback. Auch die 1910 eröffnete, nach der Errichtung des Eisernen Vorhangs aber reichlich heruntergekommene Sternwarte im sächsischen Glashütte harrte einer neuen Nutzung. Intensive Verhandlungen führten das Gebäude 2004 ins Eigentum des Hamburger Juweliers und Chronometerbauers Wempe. Der lässt heute das altehrwürdige Observatorium in neuem Glanz erstrahlen.

Renaissance der Chrono-Prüfung

Die Diskussion adäquater Nutzungsmöglichkeiten führte zu einer Renaissance der deutschen Chronometerprüfung. Als Hellmut Wempe 2004 in besagter Angelegenheit beim zuständigen Landesamt für Mess- und Eichwesen Thüringen (LMET) vorsprach, zeigten sich die dortigen Beamten jedoch eher zurückhaltend. Die anfängliche Skepsis währte indessen nur kurz. Nach exakter Definition der Prüfbedingungen, Festlegung des Ablaufs, Auseinandersetzung mit den Gerätschaften und Klärung der Kontrollmechanismen erfolgte am 14. Juli 2006 die offizielle Akkreditierung auf der Basis der Deutschen Industrienorm 8319. Seitdem geht in der Glashütter Sternwarte die amtlich überwachte Kalibrierung oder – in schönstem Beamtendeutsch – «Rückführung auf nationale Normale zur Darstellung der Einheiten in Übereinstimmung mit dem internationalen Einheitensystem (SI)» über die Bühne. Vertragsgemäss agieren die Wempe Chronometerwerke dabei nur als verlängerter Arm der LMET. Im Prüfraum der Sternwarte steht zu diesem Zweck modernste Gerätschaft: Klimaschränke, elektronische Zeitwaagen und sabotagesichere Computer. Letztgenannte «belauschen» fertige Uhren mit Sekundenstopp, denn nur solche werden in Deutschland zum Genauigkeitscheck angenommen. Die in Prüfprotokollen gesicherten Daten erhält das LMET auf elektronischem Wege zur Ausfertigung der Chronometerzertifikate.

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Moderne Geräte – aus der Schweiz

Auch in Glashütte führt indes kein Weg an eidgenössischem Mess-Know-how vorbei. Wempes bewährter Partner ist die Witschi Electronic AG in Büren an der Aare (siehe auch unten). Für die anfänglichen Prüfungen mechanischer Uhren lieferte diese zehn Systeme vom Typ Chronoskope M10. Elektronische Zeitmesser müssen sich dabei den wachsamen Ohren zweier Megatest-PC-Anlagen unterwerfen. In einem sogenannten WiCoTrace-Verbund sind die Gerätschaften miteinander vernetzt. Die Ablage der Messwerte erfolgt in einer zentralen Datenbank. In jedem der vorhandenen Klimaschränke konnten auf diese Weise monatlich gerade einmal 40 Uhren geprüft werden. Diese Kapazität stiess aber angesichts überraschend hoher Nachfrage sehr schnell an ihre Grenzen. Deshalb brauchte es innerhalb kurzer Zeit eine neue Generation von Messgeräten, weil sich der Platz in den kostspieligen Klimaschränken auf jeweils zwei der M10-Chronosope mit 20 Kanälen und damit 20 Probanden beschränkte. Witschi sah sich mit der Herausforderung konfrontiert, dem verfüg- und nicht erweiterbaren Raumangebot angepasste Messanlagen mit 50 Mikrophonen zu entwickeln und zu realisieren. Auf diese Weise würde jeder Schrank monatlich 100 Kalibriervorgänge bewältigen können.

Zwölf Monate für neue Messgeräte

Innerhalb von nur einem Jahr haben die Witschi-Techniker ganze Arbeit geleistet. Ihre neue 50-Kanal-Messanlage basiert auf dem Witschi-Chronoscope-Modular-System (CMS), welches sich aus zweimal 25 Messkanälen zusammensetzt. Jede dieser Mikrofoneinheiten mit eigener Stromversorgung ist mit einem der beiden CMS-Datenerfassungsracks und dieses wiederum über eine serielle Schnittstelle mit dem Computer verbunden. Das Interessante an dieser Lösung ist ihre hohe Flexibilität: Die Glashütter-Chronometerprüfstelle kann entweder nur elektronische bzw. mechanische Uhren oder jeweils 25 Exemplare beider Kategorien gleichzeitig checken. Die unabdingbare Kalibrierung und Kontrolle des Systems erfolgt unbestechlich über ein GPS (Global Positioning System)-Signal auf die Datenerfassungsracks.

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Testverfahren

Abweichungen

Kosten