Das Wort Automatisierung meinen viele zu kennen, doch wofür steht der Begriff?

Max Felser: Da zitiere ich frei nach Wikipedia: «Automatisierung ist die Übertragung von Arbeit vom Menschen auf Automaten und Maschinen, üblicherweise durch technischen Fortschritt.» Die Anfänge der Automatisierung gehen zurück auf die industrielle Revolution, wo Handarbeit durch Maschinenarbeit ersetzt wurde. Zuerst waren das rein mechanische Maschinen, seit rund 50 Jahren werden sie mit Hilfe von Elektrotechnik und in jüngster Vergangenheit auch Informatik ständig weiterentwickelt und verbessert. Der mechanische Anteil der Maschinen wird immer kleiner.

Und was leistet Automatisierung?

Felser: Dank der Automatisierung können heute immer komplexere Arbeitsabläufe von Maschinen übernommen werden. Und dank der Automatisierung sind wir in der Schweiz heute noch in der Lage, Produkte zu fertigen und Dienstleistungen zu erbringen.

Geht das nicht zulasten von unseren Arbeitsplätzen?

Felser: Im Gegenteil. Die Schweiz ist ein Land mit einem sehr hohen Lohnniveau für Hilfskräfte. Deshalb wurden in der Vergangenheit viele Standorte ins Ausland verlegt. Weil wir hierzulande jedoch über einen hohen Automatisierungsstandard verfügen, können schweizerische Betriebe und Produktionsstätten wettbewerbsfähig bleiben und damit gerettet werden. Es gibt sogar Firmen, die ihre Produktionsstandorte von China zurück in die Schweiz verlegt haben, weil sie nur hier und dank der weitentwickelten Automatisierung die gewünschte Qualität ihrer Produkte sicherstellen können.

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Könnte man die modernen Maschinen nicht einfach in Billiglohnländer auslagern?

Felser: Das bringt wenig, weil es nicht nur für die Konstruktion, sondern auch für den Betrieb dieser Automaten hoch qualifizierte Berufsleute sowie Ingenieure braucht. Diese sind in der Schweiz und anderen Industrieländern vorhanden, in den Billiglohnländern vorderhand noch nicht. Die Automatisierung ist im Moment also noch eine Kernkompetenz der Staaten mit einem hohen Lohnniveau. Dieser Wissensvorsprung ist etwa für die Schweizer Volkswirtschaft ganz entscheidend, da wir hierzulande dank der Automatisierung mit weniger Arbeitskräften eine höhere Wertschöpfung erzielen können.

Welchen Nutzen bringt die Automatisierung welchen Branchen?

Felser: Ohne Automatisierung würde die Wirtschaft nicht funktionieren. Der konkrete Nutzen ist ganz unterschiedlich, je nach Anwendungsgebiet der Automati-sierung.

Ein paar Beispiele?

Felser: Infrastrukturbauten, zum Beispiel Autobahntunnels, wären ohne ein automatisches Belüftungssystem gar nicht nutzbar. Weit fortgeschritten ist auch die Gebäudeautomatisierung. In Zweckgebäuden wie Schulhäusern gibt es einen automatischen Heizungsplan für jeden einzelnen Raum. Dann gibt es die Fertigungstechnik, etwa die Uhrenindustrie, wo standardisierte Teile automatisch hergestellt werden. Auch in der Prozess- und Verfahrenstechnik ist Automatisierung von zentraler Bedeutung. Das beginnt in der Lebensmittelindustrie, zum Beispiel in einer einfachen Bierbrauerei, und geht über den Betrieb einer Kläranlage bis zur Herstellung von Medikamenten in der Pharmaindustrie. Viele Prozesseinheiten laufen automatisch ab. Je nach Anforderung und Ausprägung der Automatisierung ist der quantifizierbare Nutzen derselben für die verschiedenen Branchen natürlich unterschiedlich.

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Welche Trends in der Automatisierung sind heute aktuell?

Felser: Wir befinden uns in einer wichtigen Entwicklungsphase. Bislang war die Intelligenz, die einen Prozess lenkt, lediglich in einem zentralen Steuerungsgerät vorhanden. Mit der flächendeckenden Einführung von Mikroprozessoren wird diese Intelligenz quasi dezentral auf alle einzelnen Teilkomponenten einer Automatisierungsinstallation übertragen. Die einzelnen Geräte wiederum werden vernetzt und tauschen untereinander Informationen aus. Die Automatisierung erhält also eine neue, verteilte Struktur.

Was sind die konkreten Anforderungen an diese Systeme?

Felser: Aufgrund der vernetzten Struktur wird die Kommunikation innerhalb eines Automatisierungsprozesses echtzeitfähig. Das heisst, die in allen Komponenten des Prozesses vorhandene Intelligenz kann dafür sorgen, dass Informationen viel schneller und flächendeckender übertragen werden können. Als Beispiel nenne ich einen modernen Personenlift. Damit eine Automatisierungsanlage diesen im richtigen Stockwerk zum Stoppen bringt, muss der aktuelle Standort des Lifts vom System jederzeit und innerhalb von Millisekunden erkannt werden. Die vernetzte Struktur von Automatisierungsabläufen erlaubt also einen sehr schnellen und präzisen Informationsfluss. Als zweites wesentliches Element ist es wichtig, dass solche vernetzten Automatisierungsprozesse im Feld, also in Produktionshallen mit speziellen Temperatur- und andern Einflüssen, voll funktionstauglich sind.

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Welche weiteren Vorteile erwarten Sie von der vernetzten Automatisierung?

Felser: Die neue Technologiestruktur der Vernetzung von dezentraler Intelligenz erlaubt einen effizienteren Informationsaustausch nicht nur zwischen den einzelnen Geräten, sondern auch für die Kommunikation nach oben bis zur Betriebsleitung. Das grosse Potenzial der Technologie liegt also darin, dass die Information nicht nur rasch in horizontaler, sondern auch in vertikaler Richtung fliesst. Dies erlaubt weiterführende Optimierungen. Eine Maschine muss zum Beispiel nicht mehr periodisch von einem Mitarbeiter gewartet werden, sondern kommuniziert selbst, wenn eine Wartung fällig wird. Das bringt neue Einsparungspotenziale.

Sie sprechen viel von Kommunikation. Inwiefern dient beispielsweise die technische Entwicklung in der Telekommunikation der Vereinfachung von Automatisierungsprozessen?

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Felser: Sie hat einen wichtigen Einfluss. In der Telekommunikation gab es früher verschiedene, voneinander getrennte Netzwerke für ganz verschiedene Anwendungen. Es gab ein Telefonnetz, ein Fernschreibernetz, ein Datennetz und so weiter. Dann ging man daran, all diese Anwendungen auf einem Netz zusammenzufassen. Dies gelang mit dem Ethernet, das heute zum Beispiel Telefonie über das Internet ermöglicht. In der Automatisierung gibt es die gleiche Tendenz. Für die Vernetzung von verschiedenen Geräten wurden sogenannte Feldbusstandards definiert. Der Wunsch kommt nun auf, dass man das bisher ausschliesslich in Büros genutzte Ethernet fortan auch für Automatisierungsprozesse im Feld nutzen kann. Die Idee ist eine einzige Technologie in der gesamten Automatisierung.

Kann Automatisierung auch die Energieeffizienz steigern?

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Felser: Ja, denn es geht bei allen automatisierten Abläufen stets um den möglichst sparsamen Umgang mit Ressourcen wie Energie, Wasser, Luft und so weiter. Unter dem Strich dienen die Einsparungen den Unternehmen natürlich dazu, einen Prozess möglichst ökonomisch zu gestalten, Kosten zu senken und damit -konkurrenzfähig zu bleiben.

Werden diese Vorzüge in der Wirtschaft heute flächendeckend genutzt?

Felser: Nein, weil viele Betriebsleiter in verschiedenen Industrien bislang noch die Investitionskosten für die Installation solcher Technologien scheuen. Was dabei oft vergessen wird: Die künftigen Einsparungen von Betriebskosten dank solcher Automatisierungstechnologien sind auf mittlere und längere Frist meistens viel höher als die Kosten für derem Installation. Es lohnt sich deshalb, etwas mehr zu investieren, um danach solche Anlagen auch effizient amortisieren zu können.

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Und diese Botschaft wollen Sie mit Ihrer Organisation Profibus verbreiten?

Felser: Wir sind natürlich bestrebt, die Vorteile der Automatisierung auf allen Ebenen bekannt zu machen. Ziel ist es, Entscheidungsträger aus der Wirtschaft für das Thema zu interessieren und so eine wachsende Nachfrage zu generieren. Auf der anderen Seite müssen wir auch genügend Fachkräfte und Ingenieure zur Bedienung von Automatisierungstechnologien ausbilden. Auch das ist eine Aufgabe unserer Organisation. Schliesslich braucht es auch Handwerker, welche die Technologien installieren und warten können.

Sind Sie da auf die Hilfe von Lehrinstituten angewiesen?

Felser: Wir beziehen für diesen Prozess auch die Fachhoch- und Gewerbeschulen mit ein und wollen erreichen, dass das Thema Automatisierung dort noch stärker in die Lehrpläne integriert wird.

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