Nach der enttäuschenden Olympia-Saison konnte Griechenland von Jahr zu Jahr deutlich mehr Touristen registrieren. Was sind die Gründe für diesen Aufschwung?

Vassilis Patsouratis: Die verstärkten Promotionsaktivitäten ebenso wie die Präsenz an den wichtigen Tourismusmessen haben die Entwicklung begünstigt. Gleichzeitig wurde die Infrastruktur markant verbessert.

Aus welchen Ländern kommen die Touristen vor allem?

Patsouratis: Allein aus Deutschland und England stammen rund 40% der Reisenden. Traditionell besuchen auch viele Amerikaner das antike Griechenland. Zwischenzeitlich gab es bei den Besucherzahlen einen Einbruch, der sich im letzten Jahr wieder etwas korrigiert hat. Im Hinblick auf die Olymischen Spiele in Peking haben die nationalen Tourismusbehörden vermehrte Anstrengungen zur Gewinnung von chinesischen Gästen unternommen.

Bis jetzt sind die Chinesen aber nur in kleiner Zahl eingereist.

Patsouratis: Ja, das hängt mit den äusserst strikten Visum-Bestimmungen zusammen, die es einem chinesischen Touristen lediglich erlaubten, eine limitierte Zahl von europäischen Ländern zu besuchen. Nun werden diese Einreisebeschränkungen gelockert. Das sollte sich bereits im laufenden Jahr positiv in den Statistiken niederschlagen.

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Welche Bedeutung haben die Schweizer Touristen?

Patsouratis: Die Schweiz ist gemessen an der Zahl der Bevölkerung mit rund 300000 Ankünften pro Jahr ein wichtiges Herkunftsland, obwohl es anteilsmässig deutlich weniger als 10% sind.

Unternimmt das griechische Tourismusministerium auch für die kommende Sommersaison ähnliche Anstrengungen wie in den Vorjahren, um die Destination weltweit bekannt zu machen?

Patsouratis: Ja, bereits für die vergangene Saison wurden im Promotionsbereich knapp 40 Mio Euro aufgewendet. Das Budget liegt im laufenden Jahr in der gleichen Grössenordnung.

Wie stark sind die Einnahmen aus dem Tourismus im letzten Jahr gestiegen?

Patsouratis: Wir rechnen mit einer geringfügigen Erhöhung von rund 3%. Obwohl etwa 10% mehr Besucher einreisten, sind die Einnahmen nicht entsprechend gestiegen.

Geben die Touristen weniger Geld aus?

Patsouratis: Das muss noch im Detail analysiert werden. Fest steht aber, dass die Zahl der Übernachtungen rückläufig ist. Zudem haben sich auch die Preise leicht vermindert. Weil die qualitativen Verbesserungen nicht überall gleich gut ausgefallen sind, liessen sich die Tarife nicht entsprechend anpassen.

Wo hapert es bei der Erneuerung der Infrastruktur?

Patsouratis: Ausserhalb des Attika-Gebiets rund um Athen sind wesentlich weniger Investitionen getätigt worden. Die Regierung will nun mit einem speziellen Förderprogramm die Entwicklung auch in diesen Regionen forcieren. Aber auch in der Hauptstadt sind wir bezüglich der Infrastruktur trotz vieler Forschritte noch nicht auf einem Niveau wie etwa Barcelona nach den Olympischen Spielen von 1992.

Wie konkurrenzfähig sind die griechischen Hotels und Restaurants im Vergleich zu anderen EU-Ländern?

Patsouratis: Da gilt es, zunächst den spezifischen Charakter des griechischen Tourismus zu betrachten. Es gibt viele kleinere Zwei- und Dreisternehotels, die sich häufig im Familienbesitz befinden. In diesen Kleinstbetrieben ist es nicht möglich, von den «economy of scale» zu profitieren, und wegen der fehlenden Ausbildung werden auch nicht die modernen Managementmethoden benutzt.

Was heisst das für die Arbeitsproduktivität?

Patsouratis: Griechenland liegt in diesem Bereich unter dem Durchschnitt der europäischen Länder. Es ist notwendig, dass die Qualität beim Service markant verbessert wird.

Die Hälfte der Hotels weist rote Zahlen aus. Das klingt alarmierend.

Patsouratis: Da gilt es zu differenzieren. Oft werden Verluste ausgewiesen, um die Steuern zu umgehen. Zudem fallen auch die Abschreibungen unterschiedlich aus. Je nach Geschäftsgang kann mehr oder weniger abgeschrieben werden. Die Ergebnisse liegen jedoch vor diesen buchhalterischen Massnahmen mehrheitlich in der Gewinnzone.

Hatten die Waldbrände in Korinthia einen negativen Einfluss auf die touristische Entwicklung?

Patsouratis: Insgesamt erwarte ich keine gravierenden Auswirkungen. Vergleichbare Ereignisse in der Vergangenheit haben den Tourismus nur geringfügig tangiert.

Was erwarten Sie von der Tourismussaison 2008?

Patsouratis: Weltweit wird im Tourismus ein Anstieg von knapp 6% prognosti- ziert. Wir gehen davon aus, dass Grie-chenland ungefähr den gleichen Zuwachs bei den Ankunftszahlen verzeichnen kann.

Die Regierung will speziell auch den Wintertourismus ankurbeln.

Patsouratis: Ja, die Saisonalität ist ein grosses Problem. Über 70% der touristischen Aktivitäten spielen sich in den Sommermonaten Juli und August ab. Wir haben noch ein grosses Potenzial in der Zwischensaison und in den Wintermonaten. Das gilt vor allem für die Agglomerationen um Athen und Thessaloniki. Zudem muss es uns gelingen, die interne Reisetätigkeit zu beleben. Mit anderen Worten: Griechen, die nicht nur ins Ausland reisen, sondern vermehrt auch andere Teile im eigenen Land besuchen.

Wie hat sich der Kongresstourismus entwickelt?

Patsouratis: Dank den Olympischen Sommerspielen ist der Bekanntheitsgrad von Griechenland und Athen erheblich gestiegen. Leider verfügen wir aber nicht über ein grosses Kongresszentrum. Damit hält sich der Zuwachs in dieser Geschäftssparte in engen Grenzen.

Es bestehen aber Projekte für ein Kongresszentrum.

Patsouratis: Durchaus, die Regierung hat Initiativen ergriffen, um die nötigen Kongresszentren in absehbarer Zeit zu realisieren. Vorderhand sind es lediglich einige wenige Grosshotels, die solche Events durchführen können.

Welchen Einfluss hat der Tourismus auf die griechische Wirtschaft?

Patsouratis: Der Tourismus trägt über 18% zum Bruttoinlandprodukt bei. Gleichzeitig bildet sich der Anteil des industriellen Sektors laufend zurück. Ingesamt gewinnt der Dienstleistungsbereich mit einem Anteil von über 50% immer mehr an Bedeutung.

Stehen grössere Investments in touristische Projekte bevor?

Patsouratis: In den letzten zwei Jahren wurden touristische Investitionsprojekte im Wert von über 1 Mrd Euro von der Regierung gebilligt, die bis zur Hälfte subventioniert waren. Bei den Public Private Partnerships bin ich weniger optimistisch. Nebst den realisierten Grossprojekten, wie der Autobahn rund um Athen und dem neuen Flughafen, zeichnen sich zugunsten der touristischen Infrastruktur nur wenige Vorhaben ab. Der Staat muss die Raumplanung gezielt vorantreiben, damit bei der Planung eine genügende Rechtssicherheit besteht.