Lange schien es, als ob die Finanzmarktkrise die Produzenten von standardisierter Bankensoftware bremsen würde. Branchenstudien deuten jedoch darauf hin, dass sich im globalen Markt für Kernbankenlösungen weiterhin ein markantes Wachstum abzeichnet. Financial Insights schätzt den Umsatz im laufenden Jahr auf gegen 22 Mrd Dollar und erwartet bis 2012 einen jährlichen Zuwachs von knapp 5%. Nicht alle IT-Vorhaben, die in den Boomjahren angedacht wurden, kommen jetzt aber in die Realisierungsphase. «Die Banken ziehen die gestarteten Projekte durch und unterziehen die Erweiterungspläne einer kritischen Prüfung», sagt Charlie Matter, CEO beim Schweizer Bankensoftwarespezialisten Finnova.

Für die Geldinstitute stehen neue Applikationen im Vordergrund, mit denen die Kundenberater an der Front besser unterstützt werden. Customer Related Management (CRM) hat im härteren Wettbewerb um den Bankkunden erheblich an Bedeutung gewonnen. Das bedingt ein minutiöses Sammeln von relevanten Kundendaten, die elektronisch aufgearbeitet werden, um damit einen auf das individuelle Risikoprofil abgestützten Anlagevorschlag zu erstellen. Finnova hat solche Funktionalitäten entwickelt, bei denen 100 persönliche Attribute für eine automatisierte Lösung zur Verfügung stehen, und sie in einem Pilotversuch bei der Schwyzer Kantonalbank austestet. Ziel ist es, sich nicht nur für die klassischen Transaktionsleistungen zu empfehlen, sondern darüber hinaus auch Software etwa im Beratungsbereich, beim Risikomanagement oder im Performance-Management anzubieten.

Straffes Kostenmanagement

Die Softwareanbieter sehen sich Banken gegenüber, die schwindende Margen beklagen und ein straffes Kostenmanagement betreiben. Trotzdem sind die Geldinstitute gezwungen, ihre alten Kernbankensysteme aus der Zeit zwischen 1960 und 1980 abzulösen. Gleichzeitig braucht es innovative Produkte, die unabhängig von Plattformen sind, aber zusätzliche Dienstleistungen bieten. Es gilt, die anfallenden riesigen Datenmengen intelligent weiterzuverwenden. Nebst der gezielten Verarbeitung von Kundendaten für das Micromarketing gilt es, die Zahlenflut so zu bündeln, dass sie als verlässliche Quelle für das Risikomanagement dient.

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Basis für solche IT-gestützten Dienstleistungen gegenüber den Beratern und Kunden sind die Kernbankenapplikationen. In diesem Hauptsegment ist auf dem Schweizer Markt über die letzten zwölf Monate vor allem bei den Regional- und Kantonalbanken einiges in Fluss geraten. Mit der Ankündigung, die 50 RBA-Banken würden bis 2012 den Wechsel von der Ibis-Software aus dem Hause RTC zu Finnova vollziehen, zeichnen sich unter den Anbietern Avaloq, Finnova und Olympic Marktanteilsverschiebungen ab.

Ausserhalb der Schweiz hat Avaloq mit Niederlassungen in Luxemburg und Singapur eine erste internationale Präsenz aufgebaut. Unterstützt wird das Bankensoftwarehaus im Fernen Osten durch den Implementationspartner Comit. Für Avaloq-CEO Francisco Fernandez ist der Standort «im Rahmen unserer Internationalisierungsstrategie von elementarer Bedeutung». Es sei ein Bekenntnis der Gesellschaft zu Südostasien. Die Genfer Firma Eri Bancaire ist mit dem Olympic Banking System speziell im Bereich Private Banking bei schweizerischen und internationalen Unternehmen in 45 Ländern präsent. Didier Chaignat von Eri Zürich gibt sich optimistisch: «Die IT Investitionen nehmen wieder zu.»

Ausland versus Inland

Im weltweiten Markt für Drittparteien-Bankensoftware hat sich die ebenfalls in Genf ansässige Temenos eine Spitzenposition erarbeitet, die einzig von Oracle bedrängt wird. Mit dem Flaggschiff-produkt T24 und dem Temenos Core Banking (TCB) erzielt der Spezialist zwei Drittel des Umsatzes in Europa, während sich der Rest je hälftig auf Amerika und Asien verteilt. Finnova bleibt vorderhand auf die Schweiz fokussiert. Naheliegend ist das deutschsprachige Ausland, weil das Lenzburger Unternehmen die Gesamtbankensteuerung gemeinsam mit dem gewichtigen Münchner Aktionär msg Systems entwickelt.