Alte Uhrwerke zu finden, sie mehr oder weniger stark zu überarbeiten und dann in ein moderneres Gehäuse aus heutiger Zeit einzubauen – dieses Geschäftsmodell perfektioniert die Uhrenbranche schon seit mehreren Jahren. Einer der ersten, der diesen Trend erkannte und sich auf diese Weise eine beträchtliche Fangemeinde schuf, war Gerd-Rüdiger Lang, Gründer und Inhaber von Chronoswiss in München. Er realisierte in den 90er Jahren mehrere Serien von Chronographen mit alten Valjoux-Werken. Teilweise wurden diese in aufwendiger Arbeit und mit viel Liebe zum Detail skelettiert und modifiziert.

Nach der Krise blieb vieles liegen

Damals war es allerdings wesentlich einfacher als heute, vernünftige Stückzahlen von Werken zu finden. Lang konnte es sich sogar leisten, zu seinen Uhren für einen späteren Ersatz gleich noch ein zweites Federhaus und weitere potenzielle Verschleissteile mitzuliefern. Viele Termineure sassen zu dieser Zeit noch regelrecht auf Werkbeständen, die zwar fertiggestellt, aber wegen der grossen Uhrenkrise nicht mehr verbaut worden waren. Restpostenkäufer wie Lang waren da willkommen – so konnte das «Rohmaterial» wenigstens noch irgendwie zu Geld gemacht werden.

In der Blütezeit der mechanischen Uhrwerke gab es eine grosse Zahl von Herstellern von Roh- oder Fertigwerken, die in der grossen «Quarzkrise» zum grössten Teil weggefegt wurden oder letztlich in der heute den Markt dominierenden, zur Swatch Group gehörenden ETA aufgegangen sind.

Fette Beute für die Schatzsucher

Die Uhrenbranche kannte schon immer eine starke Arbeitsteilung, dies nicht zuletzt dank der ländlich-bäuerlichen Rahmenstrukturen mit ausgeprägter Teilzeit- und Heimarbeit. So kam es, dass im Jura viele kleine und kleinste Firmen Werke montierten. Dies aus Komponenten, die ihnen der jeweilige Auftraggeber und Abnehmer zur Verfügung stellte. Eine der wichtigeren Firmen, die auf diesem Gebiet tätig waren, hiess Les fils d’Armand Nicolet im bern-jurassischen Tramelan, geführt von Willy Nicolet.

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Das Dorf hat seine Blütezeit längst hinter sich – noch 1930 waren 45 Betriebe als Uhrenateliers in den lokalen Registern gelistet. Heute können sie an einer Hand abgezählt werden. In vielen Uhrenfabriken finden sich heute Wohnungen.

Armand Nicolet wurde 1987 von den italienischen Brüdern Rolando und Andrea Braga übernommen. Der damalige Eigentümer Nicolet hatte in den Jahren zuvor praktisch nur noch von der Substanz gelebt und vorwiegend noch vorhandene Uhrwerke verkauft. Von denen gab es viele – Nicolet hatte nämlich während Jahrzehnten beträchtliche Stückzahlen der legendären Unitas- und Venus-Werke montiert. Aus dieser Zeit sind wenige fertige Werke, aber grosse Mengen an unverbauten Komponenten übrig geblieben.

Seit 1987 ist auch der heute 59-jährige Dal Busco dabei, wie die Braga-Brüder ein Uhrennarr, der mit viel Engagement und Herzblut ans Werk geht.

«Zum Glück wurden bei uns keine Wohnungen eingebaut – darum wurde der Estrich nie entrümpelt und wir haben Unmengen von Komponenten gefunden. Die Aufbewahrung war nicht besonders systematisch», erzählt «Archäologe» Dal Busco mit Schmunzeln und umschreibt damit diplomatisch das unter einer dicken Staubschicht angetroffene Chaos.

Jetzt beginnt erst die wahre Arbeit. Die gehobenen Schätze werden zuerst einmal grob gesichtet und dann in mühseliger reiner Handarbeit sortiert, gezählt und klassiert. Dokumentation, Lagerverwaltung, ISO-Normen? Diese Begriffe waren früher noch kein Thema. «Mit etwas Glück stimmt der Inhalt einigermassen mit dem überein, was auf den Schachteln steht», sagt Dal Busco mit einem leichten Seufzer.

Jedes Stück wird katalogisiert

Das Vorgehen ist geradezu akribisch. Jede zur Weiterverwendung aussortierte Komponente wird einzeln mit Hilfe eines Mikroskops erfasst, vermessen und digitalisiert. Aus diesen Einzelteilen entsteht dann am Computer eine exakte Neukonstruktion des ursprünglichen Werks.

Nun gehen die Designer ans Werk. Der Anspruch der Macher bei Armand Nicolet besteht darin, den Werken einen zeitgemässen Look zu verpassen und gewisse technische Modifikationen vorzunehmen, damit die Uhren heutigen Ansprüchen an die Zuverlässigkeit und die Ästhetik genügen können. Brücken, Räder, Hebel werden umgezeichnet, immer aber so, dass die bestehenden Komponenten verwendet werden können. Gewisse Teile fehlen meistens, sie werden zuerst neu konstruiert und dann für die Produktion vorerst noch bei einem der vielen kleinen Zuliefererbetriebe in der Region in Auftrag gegeben. So entsteht auf der Basis der alten Teile ein aktualisiertes Werk.

Nach und nach werden aber auch alte Maschinen wieder in Betrieb genommen. Dal Busco: «Gewisse Räder beispielsweise kann man auf den modernen Maschinen nicht so herstellen wie auf den alten. Oder aber der finanzielle Aufwand für diese Kleinstserien geht dann ins Unermessliche.»

Auch bei der Dekoration wird nicht gespart. Zierschliffe – sogenannte Genfer Streifen –, gebläute Schrauben, rhodinierte oder vergoldete Teile, fein anglierte und polierte Kanten – die heutigen Uhrensammler sind anspruchsvoll. Dal Busco: «Wir werden nie ein Mainstream-Produzent werden. Es sind die wahren Uhrenliebhaber, die grosse Freude an unserer gründlichen Art des Uhrenbaus haben. Die Uhren sehen nicht besonders spektakulär aus, man kauft sie für sich und nicht als Statussymbol. Unsere Limitierungen sind nicht ein Marketinginstrument, wie es heute von vielen Firmen eingesetzt wird. Wir würden gerne grössere Stückzahlen bauen, aber die grösste Anzahl gemeinsam verfügbarer Komponenten eines Kalibers bestimmt die Auflage.»

Dies erklärt, warum beispielsweise vom prächtigen Handaufzugchronographen L07 lediglich 140 Stück produziert wurden, 20 mit dem Kaliber Venus 175 und weitere 120 mit dem Kaliber Venus 188.

Noch genügend «stille Reserven»

Einer der wichtigen Gründe für das fast preussisch gründliche Vorgehen ist der Kundenservice. Jede mechanische Uhr benötigt ab und zu einen Service oder kann durch widrige Umstände einen Defekt haben. «Wir müssen diese Uhren ausführlich dokumentieren, damit sie in Zukunft auch korrekt gewartet oder repariert werden können», erläutert Dal Busco den immensen Aufwand. Angst, dass ihm das Rohmaterial ausgeht, hat Dal Busco nicht, die Menge der Komponenten reicht noch für viele Jahre. «Fragen Sie mich in zehn Jahren wieder» erklärt er schelmisch.