Sie gingen bisher von einer milden Rezession für die Schweiz aus. Die Exportbranche droht nun aber wegen der Schwäche von wichtigen Handelspartnern wie Deutschland stärker einzubrechen als erwartet. Revidieren Sie Ihre Prognose?

Thomas Straubhaar: Ich gehe immer noch davon aus, dass 2009 für die Schweiz zwar ein schwaches Jahr werden wird, aber nur mit einer leichten Schrumpfung des BIP. Der Rückgang dürfte mild ausfallen, schätzungsweise mit 0,25%.

China nahm über das Wochenende Abwärtskorrekturen bei seinen BIP-Prognosen vor. Welche Bedeutung hat diese Entwicklung für die Schweiz?

Straubhaar: Sie wird in jedem Fall bei einigen Schweizer Firmen der Geräte-, Maschinen-, Werkzeug- und verarbeitenden Metallindustrie tiefe Spuren hinterlassen. Für die gesamte Volkswirtschaft hingegen bleiben die Effekte eher gering.

In der Schweizer Exportindustrie häufen sich die Hiobsbotschaften. Rechnen Sie wie im Herbst weiterhin mit einem Exportrückgang von nur maximal 10%?

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Straubhaar: Ich muss klarstellen, dass ich nur für einzelne Branchen und Monate einen Exportrückgang bis zu 10% erwarte. Aber für die gesamte Exportwirtschaft rechne ich über das ganze Jahr gesehen nicht mit einer dramatischen Schrumpfung, sondern eher mit einer Stagnation auf hohem Niveau.

Dann sind Sie also ähnlich optimistisch wie Wirtschaftsministerin Doris Leuthard, die noch im Oktober sagte, es gebe keine Indizien für eine Rezession?

Straubhaar: Ja, das bleibt meine Position, es gibt keine Krise der Realwirtschaft. Allerdings hat die Finanzbranche in der Schweiz aufgrund ihrer Grösse sehr wohl eine herausragende realwirtschaftliche Bedeutung. Die Krise der Finanzbranche wird in anderen Sektoren Spuren hinterlassen.

Derzeit jagen sich die Abbaumeldungen.

Straubhaar: Die Arbeitslosigkeit wird 2009 von einem vergleichsweise tiefen Niveau etwas ansteigen. Das zeigt sich bereits darin, dass im 3. Quartal 2008 die Zahl der Erwerbstätigen zum ersten Mal seit zehn Quartalen um weniger als 2% gestiegen ist. Saisonale Gründe, der Konjunkturabschwung im Allgemeinen und die Finanzkrise im Besonderen werden in verschiedenen Branchen zu Abbau führen. Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz wird sich 2009 gegen 4% bewegen.

Wenn man in die USA blickt, so scheint es, dass die Finanzkrise auch zu einer Krise auf dem Arbeitsmarkt führt. Wie sehen Sie das für die Schweiz?

Straubhaar: Von einer Krise ist der schweizerische Arbeitsmarkt weit weg. Richtig ist, dass auch hierzulande die Jobaussichten schlechter geworden sind. Solange aber der Arbeitsmarkt flexibel bleibt, folgt die Beschäftigungslage dem Konjunkturverlauf mit einer Verzögerung von rund einem halben Jahr in guten wie in schlechten Zeiten. Dadurch wird die so schädliche Sockelarbeitslosigkeit nicht zu einem wirklichen Problem werden.

Werden die Jobs, die in den letzten Jahren geschaffen wurden, wieder verloren gehen oder trifft es andere Arbeitsplätze? Bei einer Arbeitslosenquote von 3,5% gingen gegenüber heute rund 40000 Jobs verloren.

Straubhaar: Quantitativ wird die Schweiz auf den Beschäftigungsstand von vor dem Aufschwung 2005/2006 zurückfallen. Doch in der guten Verfassung, in der sich der Schweizer Arbeitsmarkt heute immer noch befindet, wird der Beschäftigungsabbau vor allem jene weniger qualifizierten Jobs treffen, die strukturell und langfristig sowieso unter Anpassungsdruck kommen. Das betrifft alle Bereiche der einfachen Aktivitäten in der industriellen Produktion bis hin zur chemischen Industrie mit arbeitsintensiven und standardisierten Arbeitsplätzen. Wenn man Kosten senkt, trifft es die einfachen Hilfstätigkeiten zuerst.

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Wenn es wenig Qualifizierte trifft, dann müssen die aus Deutschland eingewanderten hochqualifizierten Arbeitnehmer nicht um ihre Arbeitsplätze fürchten.

Straubhaar: Richtig. Fest steht: Der Nachfrageboom nach deutschen Arbeitskräften dürfte vorerst beendet sein. Im Tourismus, im Verkehrssektor und im Gesundheitswesen braucht es nicht mehr so viele Arbeitskräfte. Einige Deutsche dürften auch ihre Jobs verlieren. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass die Deutschen nicht in der Schweiz verharren, wenn sie arbeitslos werden, sondern zurückkehren. Bei vielen war die Aufenthaltszeit zu kurz, um schon volle Sozialleistungen beziehen zu können. Wenn sie nach Deutschland zurückkehren, werden sie zudem von einem vergleichsweise besseren Sozialnetz aufgefangen.

Müssen die Schweizer Unternehmen trotz Konjunkturdelle nach wie vor mit einem Mangel an Fachkräften rechnen?

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Straubhaar: Absolut. Die strukturellen und demografischen Änderungen, welche hinter der Nachfrage nach mehr Fachkräften stehen, gehen auch in einer Rezession weiter. Gerade wenn es um den nächsten Aufschwung und künftige Expansion geht, sind Fachkräfte unerlässlich. Die Unternehmen scheinen sich ? so meine Erfahrung in Deutschland ? dieses Mangels bewusst zu sein, denn sie fangen jetzt an, Überstunden abzubauen und flexible Arbeitszeitmodelle auszubauen.

Vernünftige Firmen bauen gar nicht ab?

Straubhaar: Es wird zwar ein hartes 2009 geben. Es ist aber aus heutiger Sicht realistisch, dass 2010 wieder eine Erholung kommt und ein neuer Ausbau möglich wird. Deshalb denken nun viele nicht zuerst an Entlassungen, sondern an Flexibilisierungen, um die Leute behalten zu können und beim nächsten Aufschwung genügend Arbeitskräfte zu haben.

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Wann erreicht die Arbeitslosigkeit ihren Höhepunkt?

Straubhaar: Der Gipfel bei der Arbeitslosigkeit wird erst ein halbes Jahr nach dem konjunkturellen Tiefpunkt erreicht. Darum wird die Arbeitslosigkeit über das ganze Jahr 2009 zunehmen und erst im Laufe des Jahres 2010 wieder langsam abflachen.

Beim Konjunkturpaket setzt der Bund auf Bauinvestition. Sie wollen mehr Massnahmen, um den Konsum zu stützen, etwa Kaufgutscheine. Doch niemand konsumiert, wenn er um seinen Job fürchtet.

Straubhaar: Deshalb fordere ich ein kurzes Verfallsdatum der Kaufgutscheine.

Nützen weitere Zinssenkungen dem Arbeitsmarkt überhaupt noch etwas?

Straubhaar: Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Geldpolitik jetzt noch was ausrichten kann. Der Leitzins liegt bereits im Zielband von 0,5 bis 1,5%. Die Geldpolitik ist damit bereits fast am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt. Es bleibt nur noch, durch den Kauf von Bundesobligationen die Geldmenge zu vergrössern. Aber das ist eine andere Thematik.

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Wo sehen Sie Handlungspotenzial?

Straubhaar: Der Schweizer Arbeitsmarkt befindet sich nicht das erste Mal unter Stress und hat bisher immer sehr flexibel reagiert. Hektik und Eingriffe in den Arbeitsmarkt wären jetzt falsch, denn er ist gut reguliert. Wenn überhaupt sind finanzpolitische Massnahmen zur Intervention geeignet ? über Steuersenkungen zugunsten des Binnenkonsums.