Er komme gerade aus Singapur. Und müsse nach dem Stopover in Zürich gleich den nächsten Flieger erreichen. Stress pur. Uwe Krüger, ehemaliger Chef des krisengeschüttelten Konzerns OC Oerlikon, hat sich seit seinem Abgang im vergangenen August keine Auszeit gegönnt. Als Berater eilt er jetzt von Termin zu Termin. Zu seinen Auftraggebern gehören Industrieunternehmen und Private-Equity-Häuser. Ihnen liefert Krüger sein Know-how aus den Bereichen Hightech, Automotive und Industrie. «Diese Aufträge halten mich auf Trab, ich reise sehr viel», sagt Krüger beim Gespräch mit der «Handelszeitung» in Zürich und lächelt. Er wirkt glücklich. Kein Wunder: Seine Zeit an der Spitze des angeschlagenen Oerlikon-Konzerns zehrte an seiner Substanz. Heute geniesst er die neue Freiheit. Er hat jetzt bei der Projektauswahl freie Hand.

So setzt er sich neuerdings für Schweizer KMU ein: Der deutsche Ex-Manager wurde von der Aussenhandelsorganisation Osec zum Präsidenten einer neuen KMU-Exportplattform gekürt. Cleantech Switzerland, so heisst die Plattform, soll kleinen bis mittelgrossen Unternehmen mit grünen Technologien zum Eintritt in neue Märkte verhelfen (siehe Kasten).

Eine alte Leidenschaft

Das Thema Cleantech ist eine langjährige Leidenschaft von Krüger. Schon während seiner Zeit beim US-Industriekonzern Turner setzte er sich für grüne Technologien ein, unter anderem für die Einführung eines landesweiten Minergie-Standards für Gebäude. Auch als CEO von Oerlikon ging er in die Offensive: Basierend auf der frisch gegründeten Oerlikon-Solarsparte wollte er im Frühjahr 2008 dem Konzern einen grünen Anstrich verpassen. Unter dem Motto «Clean Technologies» sollte das Unternehmen seine umweltschonenden Produkte bewerben. Doch der Konjunktureinbruch Mitte 2008 machte Krügers Vorhaben einen Strich durch die Rechnung.

Anzeige

Nun will er also der Schweizer Exportwirtschaft unter die Arme greifen - als Präsident von Cleantech Switzerland, die in Kürze als Verein im Auftrag der Osec gegründet wird. «Das Projekt ist meiner Meinung nach einer der intelligentesten Wege, auf denen man ein Stimulusprogramm umsetzen kann», schwärmt Krüger. Das Projekt erhielt rund 8 Mio Fr. an Steuergeldern aus dem Konjunkturprogramm III, verteilt auf fünf Jahre. Wie viel Krüger verdient, kommuniziert er nicht. «Gehen Sie davon aus, dass es sich um eine Aufwandsentschädigung handelt», sagt er.

An durchschnittlich drei Tagen pro Woche arbeitet Krüger jetzt daran, dass «Schweizer KMU im Ausland mehr Tore schiessen können». Konkret heisst das: Bei der Entwicklung neuer Geschäfte helfen, nach Aufträgen Ausschau halten und bei der Abwicklung unterstützen. Später, wenn die Plattform die ersten Gehversuche hinter sich hat, will Krüger den Aufwand auf durchschnittlich einen Tag pro Woche reduzieren. Mit einer so intensiven Startphase hat er zwar nicht unbedingt gerechnet. «Aber Sie kennen das ja», sagt er. «Ist man begeistert, schaut man nicht auf die Uhr.»

Zwölf Firmen in Betreuung

Um sich einen ersten Überblick über die existierenden Schweizer Cleantech-Firmen zu verschaffen, lässt Krüger die Plattform mit rund 600 Firmen programmieren. «Sie macht transparent, wer über konkurrenzfähige Produkte verfügt und in welchen Märkten die Firmen die besten Chancen haben», erklärt Krüger. Jetzt, in der Startphase, kümmert sich das Cleantech-Team um rund zwölf Firmen, die den Schritt ins Ausland wagen oder weiterführende Expansionspläne verfolgen. «Wir betreiben zum Beispiel das Marketing, dazu gehört etwa Support bei Messeauftritten und Konferenzen. Und wir führen Gespräche mit Behörden und anderen Vertretern im Ausland», sagt Krüger. Vor allem das direkte Lobbying sei ein grosses Anliegen des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco und der Osec. «Grüne Technologien sind ein grossartiges Instrument, um das Image der Schweiz und der Schweizer Wirtschaft im Ausland zu fördern», erklärt Krüger.

Die Zielmärkte der Plattform sind China, Indien, Nordamerika und die EU - vor allem Polen und Grossbritannien. «In Polen liegt der Fokus auf der Abwasseraufbereitung, also Kläranlagen», sagt Krüger. «In Grossbritannien startet ein von der Regierung initiiertes Projekt im Bereich der Abfallbeseitigung. Aufgrund der Schweizer Erfahrung in der Abfallwirtschaft sehe ich gute Exportchancen für hiesige KMU, die in diesem Marktsegment tätig sind.» Fasziniert zeigt sich Krüger von den Ereignissen in Singapur: «Die Regierung hat kürzlich beschlossen, bis 2030 80% aller existierenden Gebäude dem Minergie-Standard zu unterstellen, der mit unserem vergleichbar ist. Sie können sich vorstellen, was das unseren in diesem Bereich erfahrenen Unternehmen für Chancen eröffnet.» Ähnliche Bestrebungen gebe es auch in den USA. Darüber hinaus will Krüger den Schweizer KMU auch noch auf einem weiteren Weg zu neuen Aufträgen verhelfen. «Wenn Schweizer Firmen - aus allen Branchen - im Ausland investieren, etwa in neue Niederlassungen, können Schweizer Unternehmen als Zulieferer auftreten.» Diese Verbindung von Schweizer zu Schweizer Firma werde noch viel zu wenig genutzt.

Anzeige