Christophe Marchand wächst mit Kunst auf und begeistert sich mit 16 Jahren für Innenarchitektur. Nach einer Schreinerlehre studiert er Design und entdeckt die Faszination der industriellen Fertigung. Er ist Designer mit Leib und Seele. Innovationen findet der Familienvater besonders spannend.

Begonnen haben Sie direkt nach dem Studium mit einem gemeinsamen Büro zusammen mit Alfredo Häberli ??

Christophe Marchand: Wir haben acht Jahre lang zusammen hauptsächlich Möbel entworfen ? bis 1999.

Mit gutem internationalem Erfolg. Wie trennt man sich da? Teilt man beispielsweise die Hersteller unter sich auf?

Marchand: Jeder hat für sich selbst weitergemacht und wir haben die Firmen wirklich aufgeteilt. Durch die Trennung kamen auch einige neue Kunden auf mich zu. Es war ein fliessender Übergang, es gab keinen Bruch. Das erste Unternehmen, das mich damals angesprochen hat, war die Firma Team by Wellis. Aus dieser Zusammenarbeit stammt das Produkt «MaRe».

«MaRe» ist eine minimalistisch aussehende, aber enorm bequeme Relax-Liege, oder?

Marchand: Für mich ist es ein sehr wichtiges Objekt, weil es innovative Technik mit sauberer Gestaltung verbindet. Diese Kombination ist mein bevorzugtes Gestaltungsprinzip und ein Pfeiler meines Erfolgs. Bei «MaRe» ist die Innovation die Verstellbarkeit mittels eines Gelenkes und reibungsloser Mechanik im Inneren.

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In welchem Produktbereich arbeiten Sie heute hauptsächlich?

Marchand: Es sind nach wie vor Möbel. Begonnen hat es mit Wohnmöbeln. Das Interesse an Industrie und Technologie führte mich dann zu Büromöbeln. Diese werden in grösseren Quantitäten produziert und müssen komplexere Anforderungen erfüllen. Daneben sind es umliegende Produkte, beispielsweise Leuchten und Accessoires. Zwischendurch habe ich auch eine Uhr entworfen.

Sie haben Wohn- und Büroleuchten erwähnt?

Marchand: Meine persönliche Designkarriere begann 1989, während des Studiums, mit einer Leuchte. Da habe ich einen Wettbewerb für Energiesparleuchten gewonnen. Leuchten haben mich immer interessiert, aber erst seit zwei Jahren beschäftige ich mich wieder mit diesem Thema. Auf dem «Designer Saturday 2004» habe ich mit Noëlle von Wyl eine experimentelle Leuchte vorgestellt. Jetzt arbeiten wir an «Lyn». Noch ist alles viel zu teuer. Auch hier steckt Innovation drin. Der Lampenschirm besteht aus Formstrickgewebe.

Wie funktioniert das?

Marchand: Der Formstrick umfasst das Leuchtmittel, eine Glühbirne, und seine Fassung. Das Schöne ist, dass die transparenten Kunststoff-Monofile eine Eigenstabilität haben. So formt sich der Lampenschirm ohne zusätzliche tragende Struktur. Das ist ein neues Funktionsprinzip für eine ganze Produktfamilie. Über den ersten Prototyp habe ich den Kontakt zu einem Leuchtenhersteller bekommen, mit dem wir jetzt weiter entwickeln.

Erinnert es nicht von fern an die «MaMoNouchies», die Papierleuchten von Ingo Maurer?

Marchand: Mich fasziniert Isamu Noguchi mit seinen japanischen Akari-Leuchten. Das ist ein ganz spezieller Lichteffekt. Beim Strick begeistert mich, dass er aus der Maschine kommt und keine unbezahlbare Handarbeit ist. Dies hier stellt ein absolut industrielles Produkt dar, aber mit der gleichen Emotion, mit dieser warmen Ästhetik.

Bleiben wir bei innovativen Techniken. Wie steht es mit Ihren Möbelentwürfen?

Marchand: Dann gehen wir zum «Marchand Chair». Das hört sich ja komisch an, wenn ich das sage. Ein Stuhl mit meinem Namen ?

Wie kam es dazu?

Marchand: Die Firma Embru hat das so vorgeschlagen, weil es auch ein Jubiläumsstück war, zu «100 Jahre Embru». Der Stuhl sollte herausgehoben werden und da hat man mich gefragt, ob ich der Namensgebung zustimme.

Das ist ja auch ein Kompliment. Was ist das Besondere am «Marchand Chair»?

Marchand: Das Material ist Kunstharzpressholz, bekannt als PAG-Holz. In der Schweiz sind das Material und die Ästhetik von den alten Zürcher Tramsitzen her vertraut. Die hat Embru geliefert, ebenso wie die Schweizer Schulmöbel. Als die Aufgabe kam, habe ich mich mit der Firmengeschichte beschäftigt und bin auf das Material und die Vielzahl von Formsitzen aus PAG-Holz gestossen. So lag es nahe, einen Stuhl aus diesem Material zu entwerfen.

Gestalten Sie parallel auch Shop- oder Restaurant-Einrichtungen?

Marchand: Seit ich allein arbeite, nicht. Ich habe mich entschieden, mich voll auf die Produktentwicklung zu konzentrieren, und kann auch finanziell davon leben. Möglich ist das, wenn man mittelfristig in die Industrieproduktion hineingeht und auch Möbel für den Objektbereich entwickelt. Das ist lukrativ. Zum Gastronomie-Projekt «Cakefriends» erhielt ich die Anfrage, an diesem CI-Projekt mitzuarbeiten, zusammen mit Innenarchitekten, mit Fotografen, Grafik- und Modedesignern. Hier war alles neu zu entwickeln, das Interieur, das Mobiliar, das Geschirr und Besteck, das Logo und so weiter ?

Was ist «Cakefriends»?

Marchand: Dieses Café in der Zürcher Torgasse, nahe dem «Odeon», ist der Prototyp einer neuen Franchise-Idee. Wir hatten das Glück, vom Kunden her jede Freiheit zu haben. Wir konnten bis ins letzte Teil alles neu gestalten, bis hin zu den Take-away-Verpackungen

Haben Sie auch das Mobiliar entworfen?

Marchand: Ja, gemeinsam mit Roger Bächtold, da ist der einfache Stuhl: Ein Sitzwürfel in Leder mit Federstahlrückenlehne. Der Würfel ist nach vorne offen, für die Tasche. Alle Dinge wurden exklusiv für das «Cakefriends» entworfen. Als Franchise-Konzept geplant, möchte das Unternehmen alle Produkte auch vertreiben. Die Leuchten, zum Beispiel, sind übliche Drahtzylinder, überzogen mit Haute-Couture-Spitze aus dem Hause Schläpfer in St.Gallen.

Wie würden Sie den Stil beschreiben?

Marchand: Wir haben versucht, exquisit Schweizerisches mit Traditionellem zu kombinieren, anders ausgedrückt: Wir haben versucht, einen «modernen Stall» zu machen. Edle Materialien aus heutiger Zeit, wie beispielsweise die Schläpfer-Textilien, werden mit Schweizer Bodenständigkeit, beispielsweise Eichenholz, zusammengebracht. Die Bar ist aus Schweizer Schiefer.

Nun ein paar persönliche Fragen: Was würden Sie niemals entwerfen?

Marchand: Für mich ist es die Konstellation, die stimmen muss. Ich habe keine Abneigungen gegen irgendetwas. Nur das Miteinander mit den Menschen ist mir wichtig. Natürlich habe ich auch meine Träume. Letztens habe ich gesagt, ich hätte gerne beim Airbus oder bei der Concorde mitgemacht. Alles auf den Kopf stellen, nicht nur Styling betreiben, mit den Ingenieuren zusammenarbeiten ?

Von wem würden Sie sich ein Haus bauen lassen?

Marchand: Das haben wir schon. Meine Frau hat mit ihrer Schwester ein Haus gebaut, ein Zwei-Schwestern-Haus. Das Architekturbüro heisst Burghalter/Sumi. Mich hat damals auch Peter Märkli interessiert.

Gibt es ein Lieblingsstück in Ihrem Haus für Sie?

Marchand: Das sind einfach die Dinge, die ich vor den Kindern etwas schütze. Eigentlich sind die Kinder mir wichtiger als die Objekte. Wir versuchen, die Kinder bei uns wohnen zu lassen, damit wir nicht bei den Kindern wohnen. Sie leben mit den Möbeln, die wir schon hatten. Das sind Klassiker, Sachen aus dem Brockenhaus und beispielsweise Droog-Design. Ich habe es lieber, dass unsere Kinder mit unseren Sachen leben, als dass wir mit Plastik überschwemmt werden. Wir essen auf dem «Box Chair» von Enzo Mari. Der ist eigentlich ungemütlich, aber er ist aus Kunststoff und abwaschbar. Ausserdem hat er Löcher, die Kinder pieksen uns dadurch in den Rücken und Nahrungsreste fallen einfach durch.

Gibt es einen Künstler, den Sie sehr mögen? Von wem möchten Sie gerne ein Werk besitzen?

Marchand: Von Max Bill haben wir Serigraphien, auch von Agnes Martin. Da hätte ich gerne auch Originale. Was ich mir auch gerne leisten würde, wäre ein Yves Klein.

Welches Ding würden Sie als Erstes aus Ihrem Hausstand retten?

Marchand: Ein Buch von Amadée Ozenfant. Die erste Auflage von «Art, I Bilan des arts modernes en France, II Structures d?un nouvel esprit, Paris 1928». Ich habe es in einem Antiquariat in Paris gefunden. Im Büro hier habe ich es auch noch in Englisch, eine spätere Ausgabe. Bücher sind mir wichtig. Ich habe keine Hobbys, aber ich bin immer auf der Suche nach Büchern.