Die Haare schwarz, der Anzug gepflegt, die Analyse nüchtern. Beat Wittmann zeigt sich beim Treffen in einem Café am Zürcher Paradeplatz, einen Steinwurf von seinem Ex-Arbeitgeber Julius Bär entfernt, unverändert. Dabei steht der 48-Jährige vor der grössten Herausforderung seiner Karriere. Nicht eine Spitzenposition bei einer gestandenen Finanzadresse steht an, sondern der Aufbau einer eigenen Asset-ManagementFirma.

Nackte Resultate zählen

Bis letzten November noch einer der drei wichtigsten Manager der Bank Julius Bär, gründet Wittmann im Juni zusammen mit einer Handvoll Partnern eine Finanz-AG und baut Büros in Zürich, Genf, London und Singapur auf (siehe «Nachgefragt»). Der einstige Analyst des UBS-Vorgängerinstituts Bankgesellschaft, Fondsmanager der Clariden Leu und Chef der Bär-Produktefabrik scheint seinen Beruf als Berufung zu sehen.

«Das Spannende sind die nackten Resultate», sagt Wittmann, und lässt die heisse Schokolade vor lauter Reden kalt werden. «Am Ende des Tages hat man für den Kunden entweder gewonnen oder verloren. Schöne Worte nützen da gar nichts. Nicht kurzfristig, dafür aber über eine längere Zeit würde immer klar, «welche Asset Manager ihr Geld Wert sind und welche nicht», sagt Wittmann. Der Sohn des polemischen Freiburger Wirtschaftsprofessors und Buchautors Walter Wittmann ist einer von vielen, die sich im Geschäft des grossen Geldes selbstständig machen und ihr Glück auf eigene Faust versuchen. Dass ausgerechnet jetzt, in der grössten Bankenkrise seit Jahrzehnten, eine Welle von Unternehmensgründungen ehemaliger Spitzenleute heranrollt, könnte auch mit dem Stellenabbau und den Kostenreduktionen bei den grossen Häusern zusammenhängen. Gute Positionen in Finanzunternehmen von Rang und Namen sind rar geworden.

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Mit Wille und Mut gegen Frust

Als sich Mike Bär (46) selbstständig machte, war die Finanzwelt eine andere. Bär, der in der 4. Generation verantwortlicher Manager bei der Privatbank war und die Vermögensverwaltung leitete, schied Ende 2004 nach einem Zerwürfnis mit anderen Familienangehörigen aus. Trotzdem konnte er sich erfolgreich gegen einen Verkauf der Bank stemmen, die wenige Monate später mit dem Kauf mehrerer UBS-Tochterbanken in die Offensive ging. «Was nun?», lautete Bärs entscheidende Frage. «Bei mir war die persönliche Karriereplanung für die restlichen 20 Berufsjahre entscheidend», blickt Bär auf die Zeit nach seinem Weggang aus dem gemachten Nest zurück. «Wollte ich in einer grossen Organisation bleiben oder selber etwas versuchen? Wohin steuert die Finanzwelt, was sind meine Kompetenzen?»

«Wille und der Mut gaben den Ausschlag, die Komfortzone zu verlassen und auf einen geregelten Lohn mit AHV und Pensionskasse zu verzichten», so Bär. Trotz Frust in Grossfirmen würden viele Berufskollegen aber niemals aus ihrer vermeintlich sicheren Berufswelt ausbrechen.

Anders der Familienvater, der sich im Gespräch durch aufmerksames Zuhören und präzise Gedankengänge auszeichnet. Er entschied sich fürs Unternehmertum. Erste Gehversuche beinhalteten eine kleine PC-Firma, die auf Abruf Wartungsarbeiten für Privatbenutzer zu Fixtarifen anbot - schnell und kostengünstig, wie eine Mini-Spitexorganisation oder ein Pizzakurier. Danach machte sich Bär wohlüberlegt, wie es seinem Temperament entspricht, an den Aufbau einer eigenen Investment- und Beratungsgesellschaft. 2006 gründete er Baer Capital mit Ablegern in Dubai, London, Zürich, Delhi und Mumbai, wo heute 25 Mitarbeiter beschäftigt sind.

Baer Capital bietet Firmen Finanzierungen an, hilft bei Kapitalmarkttransaktionen und berät deren Besitzer und weitere reiche Privatkunden in der Vermögensverwaltung. Was eben zum Geschäft einer Finanzboutique gehört, wäre da nicht die klare Spezialisierung Indien. «Wichtig war die Fokussierung auf ein Land», sagt Bär. «Das macht uns für die Kunden wertvoll und glaubwürdig. Und die Zukunft spricht für Indien, das Land wird früher oder später die Nummer eins oder zwei der Welt sein.»

Glückloser Luqman Arnold

Die Gründungsgeschichten von Bär und Wittmann passen zu den Berufswegen zweier UBS-Top-Manager, die ihre eigenen Finanzgesellschaften auf die Beine stellten. Da wäre zunächst der Brite Luqman Arnold, der nach verlorenem Machtkampf gegen Ex-UBS-Chef Marcel Ospel 2004 die englische Abbey National an die spanische Santander verkaufte und darauf Olivant auf die Beine stellte. Die Beteiligungsgesellschaft kaufte 2008 über 2% der UBS, lieh die Aktien aber der US-Bank Lehman Brothers aus, weshalb Olivant nun ein Totalausfall droht.

Erfolgreicher navigierte André Esteves. Der Brasilianer verkaufte vor drei Jahren seine Pactual-Bank an die UBS, vor zwei Wochen kaufte er diese mit kleinem Rabatt zurück. Esteves sagte kürzlich einer Lokalzeitung, die Zeiten für einen Asset Manager seien so günstig wie nie. Davon ist auch Bär überzeugt. «Plötzlich sind Nischenplayer wie wir interessante Adressen.»

 
NACHGEFRAGT

«Die Finanzwelt ist nicht mehr die alte»

Der ehemalige Julius-Bär-Top-Banker Beat Wittman gründet eine Finanz-AG mit Büros von Zürich bis Singapur. Er sieht jetzt die grosse Stunde für kleine Teams gekommen.

Sie gründen mit Partnern eine unabhängige Asset-Managementfirma. Warum kehren Sie nicht zurück zu einer bekannten Bank?

Beat Wittmann: Schon 2007, als ich bei Clariden Leu aufhören wollte, war die Selbstständigkeit ein Thema. Dann kam diese einmalige Chance bei Julius Bär. Die Bank hatte die kritische Masse, den richtigen Namen und ein fähiges Management, um den Markt aufzumischen und eine führende Position zu ergattern.

Elf Monate später gingen Sie von Bord. Was lief schief?

Wittmann: Dazu kann ich mich nicht äussern, weil wir eine Stillhaltevereinbarung haben.

Was ist der Reiz eines unabhängigen Asset Manager?

Wittmann: Bei der früheren Bankgesellschaft, wo ich nach dem Studium anheuerte, fehlte mir das Unternehmerische, und so wechselte ich zur Clariden Bank und baute mit einem Team von anfänglich fünf Leuten innert zehn Jahren den siebtgrössten Schweizer Fondsanbieter auf. Aufbauen macht mir Spass, das will ich jetzt mit Partnern und Mitarbeitern mit der eigenen Firma wagen.

Was macht Sie zuversichtlich, erfolgreich zu sein?

Wittmann: Die Zeit für etwas Eigenes ist reif. Viele Kunden suchen unabhängige Asset Manager, die sie beraten, und zwar ohne Verpflichtung gegenüber anderen Bereichen, wie dies in grossen Banken meist der Fall ist.

Wie wollen Sie gegen die Grossen der Branche bestehen?

Wittmann: Die Finanzwelt ist nicht mehr die alte. Schauen Sie den Verkauf des Asset Managements der Credit Suisse an. Solche Deals wird es noch öfters geben, daran sind wir interessiert. Wir werden einige kleinere Teams übernehmen und uns als unabhängigen Anbieter positionieren.