Alle möchten gern glauben, dass die Krise endlich vorbei ist. Und tatsächlich: Die Anzeichen verdichten sich, dass wir das Schlimmste überstanden haben. Bisher schöpften wir die Hoffnung vor allem aus der Börse, die ja normalerweise eine Erholung vorwegnimmt und nun seit sechs Monaten zulegt.

Aber inzwischen kommen immer mehr Zahlen und Fakten zur realen Entwicklung auf den Tisch. Und diese zeigen, dass es gute Gründe für einen positiveren Ausblick gibt. In den vergangenen Tagen haben denn auch sämtliche relevanten Institute ihre Wachstumsprognosen für das laufende Jahr nach oben angepasst. Die Talsohle ist also durchschritten, da sind sich die Auguren einig.

Grosse Spannweite

Die Schweizerische Nationalbank hat letzte Woche um einen ganzen Prozentpunkt korrigiert. Laut ihrer neusten Prognose wird die Schweizer Wirtschaftsleistung dieses Jahr «nur» um 1,5 bis 2% schrumpfen. Noch optimistischer ist die Grossbank UBS, die ein Minus von 1,4% prophezeit, während die Basler Konjunkturforscher (BAK) derzeit von minus 1,9% ausgehen. Am Dienstag ist auch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) über die Bücher gegangen und hat die Prognose um einen ganzen Prozentpunkt von minus 2,7% auf minus 1,7% nachgebessert. Die Weltkonjunktur erhole sich schneller als erwartet, und in vielen Ländern sei der Lagerabbau der Unternehmen weitgehend beendet, sodass eine steigende Nachfrage rasch auf die Produktion durchschlagen sollte.

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Bisher ist die Schweizer Wirtschaft seit Mitte 2008 während vier Quartalen geschrumpft (siehe Grafik). Spätestens im 4. Quartal des laufenden Jahres dürfte die rezessive Phase vorbei sein, vielleicht schon im laufenden 3. Quartal.

Auch die Aussichten auf das kommende Jahr haben sich verbessert. Die Vorzeichen der Prognosen für 2010 haben sich umgekehrt. Statt ein geringes Schrumpfen wie noch im Juni prophezeit das Seco nun ein positives Wachstum von 0,4%.

Teil der Krise steht noch bevor

Aber auch wenn die Unternehmen rascher als erwartet auf den Wachstumspfad zurückfinden, ist zu viel Freude fehl am Platz. Denn es sind noch längst nicht alle Probleme gelöst.

Pessimistisch ist die Konjunkturforschungsstelle Kof der ETH Zürich, die ihre neuste Prognose am Freitag publiziert. Auch sie wird die alte von minus 3,3% kräftig revidieren. «Die Stimmung hat sich seit unserer letzten Prognose im Juni aufgehellt», sagt Kof-Leiter Jan-Egbert Sturm. Der Wind habe gedreht, «und dies schneller als wir noch im Sommer geglaubt haben». Doch Sturm mag keine Entwarnung geben, und zwar wegen der wachsenden Arbeitslosigkeit. «Wir wissen, dass der Arbeitsmarkt deutlich nachhinkt. Ein Teil der Krise wird also noch auf uns zukommen. Immer mehr Leute verlieren ihre Stelle. Und dieser Prozess ist noch nicht zu Ende.» Das weiss auch das Seco und rechnet unverändert mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote von derzeit 3,8 auf 5,2% im nächsten Jahr.Damit nicht genug: Auch die Gehaltsentwicklung reagiert verzögert auf die Krise. «Das sind negative Impulse für den Privatkonsum», warnt Sturm. Sein Fazit: «Der Privatkonsum wird nicht mehr der stützende Motor sein wie noch im letzten Jahr.»

Tatsächlich häufen sich Hiobsbotschafen aus dem Arbeitsmarkt. So meldete die Gläubigervereinigung Creditreform, dass dieses Jahr erstmals in der Geschichte der Schweiz mehr als 5000 Unternehmen Konkurs anmelden dürften. Aber auch andere Firmen streichen Jobs oder schliessen gar Standorte. Feintool in Aarberg BE und Schaffner in Luterbach SO sind nur die beiden jüngsten Fälle.

Dies sind insofern typische Beispiele, als die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) von der Krise am stärksten betroffen ist. Dies zeigt auch ein Blick auf den Aussenhandel: Im August sind die Exporte der Metallbranche um ganze 31% geschrumpft. Die Maschinen- und Elektroindustrie musste ein Minus von 26% hinnehmen, die Uhrenindustrie ein Minus von 22%. Leicht zulegen konnten einzig Pharma-produkte und Nahrungsmittel. Die Erholung wird demnach sehr langsam vor sich gehen. Um beim Warenexport nur schon wieder auf den Rekordwert vom Mai 2008 zurückzukommen, müssten die Ausfuhren während drei Jahren um jeweils 7,5% zulegen, schätzt Kof-Leiter Sturm. Auch die Exportförderung Osec macht sich auf eine längere Durststrecke gefasst. «Wir befinden uns gegenwärtig in einer L-Situation mit einer langsamen, stetigen Erholung», ist Osec-Chef Daniel Küng überzeugt (siehe Interview links).

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Dämpfer droht

Der Aufschwung könnte zudem einen Dämpfer erleiden - wegen der auslaufenden Konjunkturpakete. Die Wirkung des staatlichen Anschubes ist unbestritten, hält das Seco fest. Das sieht auch Kof-Leiter Sturm so, und er fragt sich, «ob diese Programme eine Fortsetzung der konjunkturellen Erholung bewirken».

So oder so wird der Aufschwung nicht sehr schwungvoll sein - auch wenn die Entwicklung an den Börsen seit sechs Monaten ziemlich verheissungsvoll ist.