Die Banken kämpfen mit der Finanzmarktkrise. Überall sind die Gewinne eingebrochen. Werden jetzt die Projekte zur Einführung von neuen Banken-Softwarelösungen zurückgestutzt?

Francisco Fernandez: Branchenstudien prognostizieren für das nächste Jahr weltweit ein Wachstum bei den IT-Ausgaben von 2,3%. In Europa wird das Wachstum null betragen. Über eine längere Periode bis 2012 wurde der jährliche Zuwachs mit 5,8% veranschlagt. In diesem verminderten Forecast ist berücksichtigt, dass einige Banken ihre Investitionen in die Zukunft verschieben. In unserem Kundenportfolio befinden sich vor allem Gewinner der Finanzmarktkrise, wie etwa die Kantonalbanken oder die Raiffeisenbanken. Im Moment sind wir von den Verwerfungen bei den Geldinstituten noch nicht betroffen. Das laufende Jahr bringt einen Rekordumsatz. Wir überlegen uns aber Massnahmen, falls es zu einer Wachstumsverlangsamung kommen sollte. Die Krise ist für uns auch eine Chance: Sämtliche Banken überlegen sich, wie sie mit einer modernen IT-Struktur noch effizienter arbeiten können.

Ist dies ein Signal für ein verstärktes Outsourcing von IT-Aktivitäten?

Fernandez: Für die Softwarekonstruktion gilt dies ganz bestimmt, weil es sich dabei nicht um eine Kernkompetenz der Banken handelt. Man geht von Make-Software zu Buy-Software. Das Betreiben der IT ausserhalb der Bank wird nun ebenfalls vermehrt geprüft, wobei allerdings die Herausgabe von Kundendaten weiterhin nur zögerlich vorangetrieben wird.

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Die Grossbanken haben ihre Entwicklungszentren in Indien und neu auch in China ausgebaut. Geht das im gleichen Stil weiter oder gibt es einen Trend zu standardisierter Software?

Fernandez: Alle Banken haben früher selber Software geschrieben. Einzig die Grossbanken tun dies heute noch. Der Trend zu eingekauften Produkten wird auch bei dieser Bankengruppe früher oder später Realität werden. Die Erfahrung zeigt aber, dass man die Softwareapplikation nicht einfach nach Indien oder China delegieren kann. Im Bankenmarkt Schweiz sind alle notwendigen Kompetenzen vorhanden. Der Entwickler braucht diese Nähe zum Markt, zum Kunden und zur Innovation, um gute Software zu bauen. Natürlich wächst das Bankgeschäft auch im asiatischen Raum, aber im Vergleich zu den europäischen Kernmärkten hinkt es um Jahre hinterher.

Rechnen Sie sich Chancen aus, bei den Grossbanken mit Ihrer Software vermehrt zum Zug zu kommen?

Fernandez: Ja, davon gehen wir aus. Die Softwareproduktion für Banken ist eine Kernkompetenz der Schweiz. Mit unseren hervorragenden Hochschulen, wie etwa der ETH und der HSG, pflegen wir diesen Standortvorteil sorgfältig.

Im wirtschaftlich härteren Umfeld machen die Banken aber auch Druck auf die Preise. Die Credit Suisse fordert beispielsweise von den Schweizer IT-Dienstleistungsfirmen eine Senkung der Ansätze um 10%. Spüren Sie diesen Druck auf die Konditionen beim Neugeschäft?

Fernandez: Nein, kompetente Leute im Servicebereich oder ein unschlagbares Produkt verdienen immer eine Preisprämie. Die Ertrags- und Kosteneffekte sind für unsere Kunden weit grösser als die zu entrichtenden Lizenzgebühren. Die UBS wendet rund 2 Mrd Fr. für die Erneuerung ihrer IT auf. Das ist ein Bruchteil im Vergleich zu den jüngsten Abschreibungen.

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Sie sprechen vor allem die Effizienzgewinne an.

Fernandez: Nicht nur diese Komponente ist wichtig. Das suggeriert, dass IT nur auf der Kostenseite wirkt. Moderne Infrastrukturen ermöglichen auch den Vorstoss in neue Geschäftsfelder.

Auch ein Softwareproduzent muss ständig effizienter werden. Geschieht das über eine vermehrte Auslagerung der Produktion in Billiglohnländer?

Fernandez: Wir stehen zum Softwarestandort Schweiz und ziehen damit auch ausländische Talente an. Bestes Beispiel ist Google mit dem globalen Entwicklungszentrum in Zürich. Es gibt Arbeiten, die weniger Kundeninteraktion und Innovation brauchen. In solchen Bereichen kann ich mir durchaus vorstellen, dass wir einen zweiten Produktionsstandort etwa in Osteuropa erstellen.

Die Kantonalbanken und die Regionalbanken geben grosse Summen für neue Core-Banking-Systeme aus. Wie entwickelt sich die IT-Landschaft bei diesen Bankengruppen?

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Fernandez: Positiv ist das Entstehen eines De-facto-Standards. Zahlreiche grosse Kantonalbanken haben sich für Avaloq entschieden. Damit lassen sich nun über die Kantonsgrenzen hinaus zahlreiche Synergien realisieren. Die einzelnen Führungskräfte sprechen nun darüber, wie sie einzelne Prozesse noch mehr standardisieren oder zusammenlegen können.

Eröffnen sich von der technologischen Seite her Kooperationsmöglichkeiten, die im politischen Entscheidungsprozess sonst nur schleppend vorankommen würden?

Fernandez: Ja, bei den Geschäftsaktivitäten kennt man Restriktionen entlang der Kantonsgrenze, die aber für die Abwicklung nicht gelten. Zudem gibt es einen Know-how-Transfer zwischen dem Private Banking und dem Retail Banking. Das hilft einer Bank, gegenüber einem Kunden in verschiedenen Sparten tätig zu sein.

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Ergeben sich künftig zwei IT-Communities: Eine, die sich auf Avaloq abstützt, und die andere auf Finnova, ihren inländischen Hauptkonkurrenten?

Fernandez: Wettbewerb belebt das Geschäft. Es gibt diese beiden Communities, wobei unsere etwa viermal grösser ist als diejenige des Mitbewerbers. Wie fördern diese Gruppierungen. Das ist für uns ein Teil des Geschäftsmodells.

Der beabsichtigte IT-Schulterschluss zwischen ZKB und BCV ist geplatzt. Eröffnen sich für Avaloq nun zusätzliche Chancen?

Fernandez: Selbstverständlich würden wir gerne die BCV bedienen. Die ZKB ist bereits unser Kunde.

Bei den Privatbanken sind unterschiedliche Strategien hin zu Kernbanken- oder Frontbankensystemen zu beobachten. Wie weit ist die Erneuerung in diesem Segment bereits gediehen?

Fernandez: Es gibt immer noch eine Art Religionskrieg: Setzen die Banken auf einen «Best of Breed»-Ansatz, mit einer spezialisierten Lösung für jeden Informatikbereich, oder geben sie einem Flaggschiff wie Avaloq den Vorzug und ergänzen es mit Speziallösungen, wo es keinen Sinn macht, das Rad neu zu erfinden? Letzteres ist für mich aufgrund der Einfachheit die überlegene Variante. In der aktuellen Finanzmarktkrise geht es unter anderem um Transparenz bezüglich der globalen Positionen und Risiken in einer Bank. Dafür ist eine integrierte und kompatible Daten-Architektur notwendig.

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Wann haben alle Banken auf die neue IT-Generation umgestellt?

Fernandez: In einem Zeithorizont von fünf bis maximal zehn Jahren. Das gilt auch für die Grossbanken.

Wie lange dauert die Umstellung bei einer international tätigen Bank?

Fernandez: Zwischen drei Monaten und drei Jahren, je nach Komplexität des Geschäftsmodells.

Derzeit steht die Automatisierung von Bankprozessen im Vordergrund. Wo sehen Sie die neuen Geschäftsfelder in der unmittelbaren Zukunft?

Fernandez: Die Automatisierung war ein erster Teil, um Kosten zu sparen. Künftig wird die IT vermehrt neue Services, Finanzinstrumente und Kooperationsmodelle zwischen den Banken ermöglichen. Wesentliche Innovationen lassen sich auch bei den Vertriebskanälen realisieren. Die IT wird auch Hilfestellungen etwa bei der Bewertung und Risikobeurteilung von strukturierten Produkten liefern.

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Gibt es in der Schweiz langfristig noch genügend Marktpotenzial?

Fernandez: Insgesamt sehen wir in der Schweiz noch ein Ertragspotenzial von über 1 Mrd Fr. Aber man sollte nicht warten, bis alles ausgeschöpft ist, sondern sich rechtzeitig nach neuen Geschäftsfeldern umschauen.

Sie haben den Expansionsschritt ins Ausland bereits gemacht. Wie schätzen Sie die weiteren Möglichkeiten ein?

Fernandez: Das Engagement ausserhalb der Landesgrenzen muss mit der notwendigen Risikoabschätzung geschehen. Bisher sind wir unseren Kunden mit einem internationalen Tätigkeitsfeld ins Ausland gefolgt. Wenn wir mit zwei bis drei Banken in einem Land sind, eröffnen wir eine Filiale.

Welches sind die nächsten Pläne?

Fernandez: Das sind jene Regionen, in denen unsere Community-Mitglieder das Wachstum suchen, wie etwa in den arabischen und asiatischen Märkten. Singapur ist für uns ein Hub, um weitere asiatische Länder zu bedienen. Hongkong und China werden irgendwann für uns interessante Märkte. Grosse Wachstumschancen sehen wir auch in Russland.

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Wie stark sind Sie bei der Rekrutierung von Spezialisten auf ausländische Fachkräfte angewiesen?

Fernandez: Bei der Kundenbetreuung vor Ort stützen wir uns, je nach Kundenwunsch, zu einem Teil auf ausländische Mitarbeiter. Die Softwarekonstruktion wollen wir aber vor allem zentralisiert in der Schweiz abwickeln. Deshalb sind wir auf Banker und Ingenieure an diesem Standort angewiesen. Es gelingt uns auch vermehrt, internationale Spitzenleute anzulocken. Mit den Verstaatlichungen im Bankensektor werden wir auch gesündere Lohnniveaus sehen. Damit sind wir bei der Entlöhnung von Topleuten aus der Bankenwelt wieder konkurrenzfähig.