Während Krisenzeiten leidet nicht nur der Gesundheitszustand der Unternehmen, sondern auch derjenige der Mitarbeiter. Das bekommen die Taggeldversicherer zu spüren. «Per Ende Oktober hat die Anzahl neuer Schadenfälle im Vergleich zum Durchschnitt der letzten fünf Jahren um 10% zugenommen. Die Schadenleistungen sind um 5% gestiegen», sagt Mathias Zingg, Leiter Schaden Personenversicherungen bei Bâloise. Diesen Trend bestätigt auch der Krankenversicherer Helsana. «Die Schadenleistungen haben per Ende Oktober um 7,2% zugenommen», sagt René Kramer, Leiter Firmenkunden.

Weniger kurzfristige Ausfälle

Doch dies sei erst der Anfang. «In den nächsten Wochen und Monaten wird sich die Situation verschärfen», so Kramer. Denn wegen der Wartefristen von bis zu 60 Tagen hinken die Krankentaggeldzahlungen der Realität immer hinterher. So rechnet beispielsweise Bâloise bis Ende Jahr mit einer Zunahme von 10 bis 30% im Vergleich zu den letzten fünf Jahren. «Für eine genaue Angabe ist es aber noch zu früh, da die einzelnen Fälle teilweise noch nicht ausfinanziert sind», so Zingg. Während die Langzeit-Erkrankungen zunehmen, haben sich aber die kurzfristigen Krankheitsausfälle reduziert. So hätten die Mitarbeiter Angst um ihre Stelle und erscheinen lieber zur Arbeit, statt sich krankzumelden, sagt Kramer.

Neben den erhöhten Schadenzahlungen kämpfen die Assekuranzen auch mit geringeren Prämieneinnahmen. Denn je höher die Arbeitslosenquote steigt, desto geringere Volumen generieren die Versicherer, da die Prämien von der Gesamtlohnsumme einer Firma abhängt. «Aufgrund der Wirtschaftskrise gehen wir davon aus, dass das Krankentaggeld-Geschäft während der nächsten zwei Jahre unter Druck bleibt», sagt Zingg.

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Längere Erholungszeit

Problematisch sind besonders die veränderten Diagnosen, welche in der Krise von den Ärzten gestellt werden. Typische «Krisen-Krankheiten» sind neben psychischen Leiden vor allem Rücken- und Nackenbeschwerden. «Bei den Krankheitsbildern besteht vor allem die Gefahr, dass der Zustand chronisch werden könnte», sagt Zingg. Damit erhöht sich automatisch die Rekonvaleszenzzeit. Aber nicht nur das: «Sind die Auftragsbücher leer, kann es in einzelnen Fällen vorkommen, dass einige Arbeitgeber es vorziehen, ihre Mitarbeiter länger als nötig krankzuschreiben», sagt Zingg. Die Bereitschaft zur Reintegration von kranken Mitarbeitern nimmt ab und die Tendenz zur Invalidisierung nimmt zu. Denn dank der Krankentaggeldversicherung kriegt der Arbeitgeber trotz mangelnden Aufträgen Geld. Zudem sind nicht alle Schadenfälle zwangsläufig mit einer Krankheit verbunden. So würden einige Arbeitgeber die Kündigungen - und damit das Risiko, einen Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit zu schicken - vielfach über das Gesundheitswesen abwickeln, sagte Philipp Egger, CEO Axa Winterthur, in einem Interview mit der «Handelszeitung».

Um die Wiedereingliederung der Mitarbeiter zu fördern und mögliche Betrugsfälle einzudämmen, setzen einige Versicherer vermehrt auf das «betriebliche Gesundheitsmanagement». Dabei geht es nicht nur darum, kranke Mitarbeiter so rasch als möglich wieder zu re- integrieren, sondern auch darum, ein Unternehmensklima zu schaffen, das der Gesundheit der einzelnen Mitarbeiter Sorge trägt und diese fördert. Jedoch stossen die Versicherer aufgrund der durch die Krise geschrumpften flüssigen Mittel nicht auf offene Türen bei den Unternehmen. «Derzeit ist es schwierig, die einzelnen Firmen von einem solchen Konzept zu überzeugen», sagt Zingg. Ein gutes Verkaufsargument sei jedoch die Prämienreduktion bei solider Umsetzung von Gesundheitsmanagement-Massnahmen. «Das kostet die Versicherer zwar etwas, aber langfristig wird sich diese Investition für beide Seiten auszahlen», so Zingg.

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nachgefragt
«Es braucht mehr Überzeugungs-arbeit»

Mathias Zingg ist Leiter Schaden Personenversicherungen bei Bâloise. Aufgrund der Zunahme von Langzeit-Krankheitsfällen in der Krise misst er einem guten Arbeitsklima und Absenzenmanagement mehr Bedeutung zu.

Die Schadenfälle in der Krankentaggeldversicherung haben um 10% zugenommen. Kommt es noch zu einer weiteren Zunahme?

Mathias Zingg: Die Situation wird in den nächsten zwei Jahren anspruchsvoll bleiben. Dennoch sehen wir erste Signale der Entspannung.

Betriebliches Gesundheitsmanagement umfasst auch Prävention. Wie kann ein Arbeitgeber Langzeit-Krankheitsfällen vorbeugen?

Zingg: Beispielsweise durch ein Gesundheits-Assessment. Damit untersucht die Bâloise in Zusammenarbeit mit Netzwerkpartnern, wo die grössten Gesundheitsrisiken in einer Firma bestehen.

Und dann werden die Gesundheitsdaten der Mitarbeiter an den Arbeitgeber weitergeleitet?

Zingg: Nein, der Datenschutz bleibt gewahrt. Der Arbeitgeber erhält nur das Gesamtresultat, nicht aber die einzelnen Namen. Zudem ist der Check-up freiwillig.

Welche Firmen lassen sich für solche Massnahmen begeistern?

Zingg: Es ist unterschiedlich, wie die Firmen darauf reagieren. Fakt ist, dass es aufgrund der geschrumpften Mittel mehr Überzeugungsarbeit braucht. Zudem fällt grösseren Firmen die Umsetzung von Betriebs- und Absenzenmassnahmen einfacher, da diese eher über strukturierte Abläufe im Personalwesen verfügen.