Der Lastwagen, der in die Zürcher Dietzingerstrasse einbiegt, ist der Inbegriff von Unscheinbarkeit. Bis auf die Pneus und den blauen Schriftzug durchwegs in mattem Silber gehalten, bietet er kaum Haftflächen für neugierige Blicke. Und das ist durchaus gewollt, denn der gepanzerte Lastwagen, welcher dem Sicherheitsspediteur Via Mat International gehört, soll von Orell Füssli Sicherheitsdruck frisch gedruckte Banknoten laden und sie auf schnellstem Wege weiter in die Berner Nationalbankzentrale zur Endverarbeitung bringen. «In unserem Geschäft kann man die Diskretion nicht gross genug schreiben», sagt der Managing Director von Via Mat International, Urs Röösli.

«Safe from Safe to Safe», lautet das Wortspiel, das Via Mat als Slogan benutzt - zu Deutsch etwa: «Sicher von Tresor zu Tresor.» Neben Sicherheitstransporten bietet die in Kloten ansässige Firma auch Sicherheitslager für Gold und andere Edelmetalle wie Silber, Platin oder Palladium an. Damit ist Via Mat in einem Geschäftsfeld tätig, das gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten boomt: Aufgrund fallender oder stagnierender Börsenkurse und heraufbeschworener Inflationsängste suchen immer mehr Investoren Zuflucht in Goldanlagen.

Länger im Tresor

Der jüngste «Goldrausch» - seit der Lehman-Pleite im September 2008 ist der Goldpreis von rund 770 auf über 1200 Dollar pro Unze gestiegen - unterscheidet sich laut Experten fundamental von den früheren Anstürmen aufs Edelmetall. Gemäss der Londoner Edelmetallberatung GFMS haben diesmal nicht die Gold verarbeitenden Juweliere den Preisanstieg um mehr als 50% verursacht, sondern private und institutionelle Investoren: Deren Nachfrage hat sich im letzten Jahr nämlich verdoppelt, während das Schmuckgewerbe 23% weniger Gold gekauft hat.

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Diese Entwicklung stellt Tresorbetreiber wie Via Mat vor veränderte Ansprüche. Früher sei das Sicherheitslager eine Zwischenstation gewesen, erklärt Röösli. «Heute bleibt das Gold oft mehrere Jahre im Lager.» Es verwundert daher nicht, dass Via Mat im vergangenen Jahr ihre Lagerkapazitäten sukzessive ausgebaut hat: So etwa hat das Unternehmen im vergangenen März nahe des Londoner Flughafens Heathrow ein neues Lager von 600 m2 Fläche in Betrieb genommen. Und auch in Kloten sind neue Lagerkapazitäten entstanden.

Früher haben Investoren ihre Goldbarren vor allem den Banken anvertraut. Dies hat sich seit der jüngsten Krise geändert. Der weltweite Vertrauensschwund, an dem der Bankensektor nach wie vor leidet, hat bei Via Mat oder der amerikanischen Konkurrentin Brink’s für einen zusätzlichen Nachfrageschub nach Lagerräumen gesorgt. Anleger könnten sicher sein, dass ihr Gold bei Via Mat für keine dubiosen Transaktionen verwendet würde, sagt Röösli.

Wie viele Tonnen Gold Via Mat weltweit lagert, will Röösli aus Gründen der Sicherheit - und natürlich der Diskretion - nicht verraten. Auch die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse, die ebenfalls Sicherheitslager unterhalten, machen zu Mengen keine Angaben.

Röösli gibt allerdings zu, die Auslastung der zumeist flughafennahen Lager - auch bei Sicherheitsspediteuren sind kurze Transportwege Trumpf - sei überdurchschnittlich. Zu Engpässen komme es weder in Zürich, wo vor allem das Gold von Privaten aufbewahrt werde, noch in den beiden wichtigsten Handelsmetropolen London und New York, wo gemäss Röösli Institutionelle die Mehrzahl der Kunden stellen.

Sollte der Goldpreis jedoch weiter steigen - GFMS rechnet damit, dass dieser in der zweiten Jahreshälfte 2010 die Schwelle von 1300 Dollar pro Unze durchbricht -, könnte der Platz dereinst knapp werden. Der Grund ist nicht, dass in Boomphasen physisch mehr Gold gelagert wird, sondern weil der Wert des gelagerten Edelmetalls die Sicherheits- und Versicherungsbestimmungen übersteigt. Goldpreis und im Tresor zugelassene Höchstmenge des Edelmetalls verhalten sich also genau gegenläufig.

Kein Durchzug

Und die Zukunft? Röösli glaubt nicht daran, dass die Nachfrage nach Edelmetallen bald abflachen wird. Zu gross ist seiner Meinung nach die Verunsicherung aufgrund der zunehmenden Staatsverschuldung und entsprechend der Inflationsgefahr. Dennoch will er die Via Mat nicht als Profiteurin der Krise sehen: «Das Bedürfnis nach Sicherheit hat früher bestanden und wird weiter bestehen.»

Daher ist es verständlich, dass der Sicherheit der höchste Wert beigemessen wird. Dies gilt auch bei der Auswahl der Mitarbeitenden. Bewerber müssen mehrstufige Screenings über sich ergehen lassen, bevor sie die Chance bekommen, in den Hochsicherheitslagern zu arbeiten. Und auch dann sind die Kompetenzen und Verantwortlichkeiten dermassen geteilt, dass ein einzelner Mitarbeiter keinen Schaden anrichten kann. Selbst Röösli ist von der Regelung nicht ausgenommen: Über eine Zugangsberechtigung zum Lager verfügt der Chef nicht. «Durchzug verhindern», heisst die Regelung im Fachjargon.

Dass es jedoch ganz ohne Durchzug nicht geht, weiss auch Managing Director Röösli: Ein Unternehmen, das seine Dienstleistung nicht aktiv bewirbt, ist auf gute Mund-zu-Mund-Werbung zufriedener Kunden angewiesen. Damit der Zufluss an neuen Goldbarren nicht plötzlich ins Stocken gerät.