KPMG Schweiz hat einige Lehren herausgefiltert, welche Wirtschaftsprüfer im aktuellen Umfeld ziehen könnten. Da neben der Finanzindustrie insbesondere industrielle Unternehmungen massiv wegen der Krise leiden, wurde der Fokus im Folgenden auf die Prüfung industrieller Unternehmen gelegt. Die Mehrheit der Industriebetriebe kann sich massiven Einflüssen zyklischer Bewegungen nicht entziehen. Absatzeinbrüche und Finanzierungsprobleme ihrer Kunden, aber auch Preisschwankungen auf den Rohstoff- und Energiemärkten schlagen unmittelbar auf ihre Umsätze und Ergebnisse durch. Fragen der Fortführung, Liquidität und Kapitalbeschaffung und zu Bewertungsrisiken stehen derzeit im Fokus der Revision.

Der Verwaltungsrat ist auf eine offene und umfassende Information über die aktuelle Lage durch die Finanzabteilung und die Revisionsstelle angewiesen, um sich mit den Kernrisiken der Unternehmung kritisch auseinanderzusetzen und um sich und den Aktionären einen möglichst sicheren Einblick in die Geschäftslage zu verschaffen. Grosse Unsicherheiten sind im Lagebericht und im Anhang der Jahresrechnung zu thematisieren, wesentliche Unsicherheiten bezüglich Fortführung sollte die Revisionsstelle in ihrem Testat adressieren.

Finanzierung und Liquidität

Insbesondere Produzenten langlebiger Investitionsgüter (Maschinen- und Anlagebauer) leiden unter der aktuellen Wirtschaftslage. Ihre Kunden verzögern Ersatz- und Erweiterungs-Investitionen auf «bessere Zeiten». Die zum Teil dramatischen Nachfragerückgänge verlangen vom Management, der Sicherstellung der Finanzierung und Liquidität höchste Aufmerksamkeit zu schenken. Massnahmen wie Verkäufe von betrieblichen Aktiven, Stärkung der Eigenkapitalbasis und Neuverhandlung von Kreditbedingungen und -konditionen können erforderlich werden. Refinanzierungen sollten frühzeitig in die Wege geleitet werden. Oft sind damit auch von den Geldgebern erwartete operative Restrukturierungsmassnahmen verbunden. Am Bilanzstichtag müssen die Bedingungen für die Aufrechterhaltung von Krediten (sogenannte Covenants) eingehalten und die Finanzierung des Geschäfts zumindest für die kommenden zwölf Monate gewährleistet sein. Die Wirtschaftsprüfer sollten in diesen Zeiten eng mit der Geschäftsleitung in Kontakt bleiben, um die Fortführungsfähigkeit beurteilen zu können und rechtzeitig auf einen Handlungsbedarf hinzuweisen.

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Beurteilung der Werthaltigkeit

Die Produktion von Anlagen und Gütern erfordert oft wertintensive Investitionen in Gebäude, Produktionsanlagen, Werkzeuge und Informations-Technologie (z.B. Produktionssteuerung und Beschaffung). Industriebetriebe binden oft viel Kapital. Zudem wurden in den letzten Jahren im industriellen Umfeld für Geschäftserweiterungen oft bedeutende Mittel für immaterielle Werte (z.B. Goodwill, Zukauf von Patenten) investiert. Insbesondere wenn vorhandene Kapazitäten nur noch teilweise genutzt werden, stellt sich die Frage, ob die zukünftig erwirtschafteten Geldflüsse die Bewertung materieller und immaterieller Güter noch rechtfertigen. Die Revisionsstelle muss die Schlüsselannahmen, die die Geschäftsleitung den sogenannten Impairment-Tests und den darin verwendeten Geschäftsplänen zugrunde legt, identifizieren und auf Plausibilität und Angemessenheit überprüfen. Sensitivitätsanalysen geben Anhaltspunkte für die Zuverlässigkeit der Buchwerte.

Ermessensentscheide des Managements bezüglich Bewer-tungsannahmen und Einschätzung von Geschäftsrisiken haben grossen Einfluss auf den Gewinnausweis. Industriespezifische wesentliche Ermessensspielräume können beispielsweise die Umsatzrealisierung und Kostenabgrenzung, die Anwendung der Percentage-of-Completion-Methode und die Bemessung von Rückstellungen (z.B. verlustfreie Bewertung von Aufträgen, Restrukturierungs- und Gewährleistungsrückstellungen) beinhalten. Die Offenlegung wesentlicher Ermessensentscheide muss - stets unter Wahrung der Geschäftsgeheimnisse - transparent sein.

Der Faktor Mensch

In schwierigen Zeiten steigt der Druck, positive Resultate zu zeigen beziehungsweise negative Botschaften zu vermeiden. Im industriellen Umfeld könnten insbesondere die oben genannten Ermessensspielräume oder beispielsweise der Ausweis von intern generierten Werteflüssen als externe Umsätze für Fehlausweise missbraucht werden. Auch die Gefahr wirtschaftskrimineller Handlungen und damit verbundener Geldabflüsse nimmt in diesen Zeiten tendenziell zu. Der Wirtschaftsprüfer muss die industriespezifischen «Missbrauchsmöglichkeiten» kennen und vermehrt in seine Überlegungen mit einbeziehen.

Sparringpartner

Der Verwaltungsrat muss sich der Risiken eines Geschäftsmodells oder des Umfeldes einer Unternehmung bewusst sein und hat diese gegenüber den Investoren transparent darzulegen. Indem die Wirtschaftsprüfer das industrielle Geschäftsmodell hinsichtlich Risiken und Risikofähigkeit kritisch hinterfragen, aggressive Geschäfts- und Bilanzierungspraktiken unverblümt thematisieren und den Verwaltungsrat mit einem Gedankenaustausch bei der Risikobeurteilung unterstützen, können sie aufgrund ihrer detaillierten Kenntnisse des Unternehmens einen echten Zusatznutzen bieten und dem Verwaltungsrat und der Konzernleitung als wertvoller Gesprächs- und Sparringpartner dienen. Voraussetzung dazu ist allerdings, dass sich der Wirtschaftsprüfer entsprechend vertiefte industrielle Betriebskenntnisse erwirbt, um wertvolle Anhaltspunkte zu betriebswirtschaftlichen Fragestellungen und Schlüsselprozessen geben zu können. Solche Kenntnisse erwerben die Wirtschaftsprüfer idealerweise mittels überregional gebündelten Industriewissens.

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