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«Die Leute sehnen sich nach Grossmutters Rezepten»

Obstverarbeitung in der Schweiz: «Die Leute sehnen sich nach Ehrlichkeit.» Keystone

Der Chef des genossenschaftlichen Bauern-Konzerns Fenaco kennt die Wünsche der Konsumenten. Martin Keller über die beiden grossen Trends im Detailhandel, Gentechnologie und den Verkauf von Syngenta.

Von Marcel Speiser
am 29.02.2016

Die Bauerngenossenschaft Fenaco ist der erste Schweizer Vertriebspartner des Silicon-Valley-Konzerns Tesla für dessen Haushaltsbatterie Powerwall, berichtete die «Handelszeitung». Im Interview spricht Fenaco-Chef Martin Keller über den Verkauf von Syngenta nach China, sein Verhältnis zur Gentechnologie und die Wünsche der Schweizer Konsumenten.

Sie sind Agronom mit Doktortitel in Gentechnologie - quasi Freund und Feind der Bauern zugleich.
Martin Keller: Ich führe ein Agrarunternehmen, das den Schweizer Bauern gehört. Ich stamme aus einer Familie von Lehrern und Bauern und hatte mich als Kind dafür interessiert, den Hof meines Onkels zu übernehmen. Doch der Hof ging andere Wege. Also habe ich mich als Jugendlicher entschieden, an die ETH zu gehen und Agronomie zu studieren. Mein Ziel war es schon damals, die Bauern zu unterstützen. Heute mache ich genau das: Aufgabe von Fenaco ist es, die Schweizer Bauern am Markt zu unterstützen. Ich bin also klar ein Freund der Bauern.

Aber Gentechnologie ist für die Schweizer Bauern und Konsumenten des Teufels.
Für mich ist es klar von Vorteil, dass ich weiss, wovon man spricht, wenn man über Gentechnologie diskutiert. Entscheidend ist aber, was die Konsumenten wollen. Sie verbinden Swissness mit Qualität, Frische, Gesundheit, Nähe - und sicher nicht mit Gentechnologie. Deshalb finde ich es richtig, dass sich die Schweizer Landwirtschaft gentechfrei ausgerichtet hat.

Warum finanziert Fenaco dann eine ETH-Professur für molekulare Pflanzenzüchtung?
Die Idee ist, die neuesten Technologien in der Pflanzenzüchtung zur Diagnose - und nicht zur gentechnischen Veränderung - zu erforschen. Konkret wollen wir dazu beitragen, dass die Pflanzenzüchter nicht erst auf dem Feld erfahren, welche Pflanzen mit welchen Erbeigenschaften am besten wachsen und die höchsten Erträge bringen, sondern schon vorher. Dadurch wird die Züchtung präziser und effizienter. Bei der ETH-Professur sind wir Finanzierungspartner zusammen mit Agroscope.

Und was bringt das?
Wir leisten einen Beitrag an die staatlich unterstützten Pflanzenzüchtungsprogramme der Schweiz. Diese gibt es für Brotweizen, aus dem qualitativ hervorragendes Brot gebacken werden kann. Es gibt sie für Äpfel, die dank natürlichen Resistenzen weniger Pflanzenschutzmittel brauchen. Und es gibt sie für Futterpflanzen wie Gräser und Klee. Die Schweiz ist da Weltspitze und entwickelt Saatmischungen für Wiesen, aus denen der Bauer für die Milch- und Fleischproduktion besonders viel Energie gewinnt. Das führt zu einer nachhaltigen Produktion, weil es weniger Kraftfutter braucht. Die Züchtungsprogramme helfen der Schweiz, eine gewisse Nahrungsmittelautonomie zu bewahren. Denn üblicherweise ist die Saatgutentwicklung ja in den Händen grosser Agrochemieunternehmen.

Oder im Besitz des chinesischen Staates.
Wie Syngenta wahrscheinlich demnächst, genau. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, international führendes Schweizer Know-how zu bewahren und zu fördern. Genau das unterstützen wir mit der ETH-Professur. Ich gehe davon aus, dass sie noch dieses Jahr besetzt wird.

Fenaco unterstützt gemäss Statuten die Schweizer Bauern. Warum sind Sie denn auch im Ausland aktiv?
Wir verfolgen keine Internationalisierungsstrategie. Aber wir haben in gewissen Bereichen so hohe Kompetenz erworben, dass wir es uns zutrauen, international erfolgreich zu sein. Wir erwirtschaften einen tiefen einstelligen Prozentsatz unseres Umsatzes im Ausland.

Klingt selbstbewusst. Ein Beispiel?
Wir haben mit Partnern einen Multikopter - man könnte auch sagen eine Drohne - entwickelt, mit der wir Nützlinge in Maisfeldern ausbringen, damit diese dann Schädlinge bekämpfen. Die Schlupfwespen werden GPS-gesteuert ausgebracht, dort, wo Schädlinge die Ernte zu zerstören drohen. Das ist Hightech, Precision Farming. Damit bieten wir eine Alternative zu chemischen Pflanzenschutzmitteln. 2015 haben wir 8000 Hektaren Mais so behandelt, davon 1000 in der Schweiz und 7000 in Süddeutschland.

Und sonst?
Wir haben mit der ZG Raiffeisen Karlsruhe - einer Agrargenossenschaft wie wir - vorletztes Jahr ein Joint Venture gegründet. Wir halten 74 Prozent an der Firma. Zusammen haben wir bei Freiburg im Breisgau Land gekauft und auf einem ehemaligen Flughafengelände ein Logistikzentrum aufgebaut. Jetzt kommt übrigens auch Zalando dorthin.

Und was schlagen Sie dort um? Schlupfwespenlarven?
Nein. Es sind Non-Food-Artikel, die wir international einkaufen - also etwa Gummistiefel und Rasenmäher. Und wir beliefern nicht nur Landi, sondern eben auch die Läden der ZG Raiffeisen und weitere Agrar-Unternehmen in Europa.

Belieferungstourismus statt Einkaufstourismus! Das ist mal was Neues. Leiden Ihre Händler Landi und Volg eigentlich unter dem veränderten Einkaufsverhalten?
Wir sind glücklicherweise nicht so stark betroffen. Landi, Volg und die Agrola Topshops sind 2015 in einem rückläufigen Markt leicht gewachsen.

Sie haben aber auch expandiert.
Mit Volg entwickeln wir uns Richtung Romandie, richtig. Aber auch in der Deutschschweiz gibt es noch das eine oder andere Dorf, das sich auf einen Dorfladen freuen kann. Dennoch: Wir sind nicht nur dank mehr Fläche gewachsen.

Und wie erklären Sie Ihren Erfolg?
Wir sind auf dem Land daheim, verfolgen eine Nischenstrategie. Wir machen also nicht das Gleiche wie die Grossen. Und wir haben die besten Leute.

Ihnen nützt doch vor allem, dass es eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit gibt. Dieses Gefühl bedienen Ihre Dorfläden.
So einfach ist das nicht. Es gibt zwei grosse Trends im Detailhandel. Erstens die Globalisierung und die Digitalisierung. Hier verfolgen wir die Entwicklungen genau und steigen dort ein, wo es für uns sinnvoll ist. Wir führen mit der Post gerade ein Pilotprojekt durch: Kunden bestellen bei Volg, der Pöstler bringt die Ware bis an die Haustür.

Und das läuft?
Ja. Bis jetzt ist der Pilot auf tiefem Niveau kommerziell erfolgreich.

Und der zweite Trend?
Sie haben es erwähnt: Die Leute sehnen sich nach Ehrlichkeit, Natürlichkeit, Regionalität, nach Grossmutters Rezepten. Unsere Leute auf dem Dorf kennen die Kunden persönlich. Das macht uns sympathisch. Doch das reicht nicht. Um mit kleinen Läden erfolgreich zu sein, braucht es im Hintergrund eine topmoderne, effiziente und präzise Logistik. Wir nennen es Bäbistube-Logistik. Sie muss funktionieren wie ein Uhrwerk. Schliesslich bedienen wir in Berggebieten einige Läden auf der letzten Meile mit der Seilbahn.

Im Detailhandel macht Fenaco ja nur rund 30 Prozent des Gesamtumsatzes von über 6 Milliarden Franken. Wie ist denn der Gesamtkonzern unterwegs?
Die Freigabe des Frankenkurses durch die Nationalbank vor rund 13 Monaten hat in der Schweiz eine Preissenkungsspirale in Gang gesetzt. Dadurch ist auch der Druck auf uns gestiegen. Konsolidierte Zahlen liegen mir zwar noch nicht vor, aber wir werden wohl einen Rückgang des Nettoerlöses ausweisen. Der Detailhandel wird auf Stufe Nettoerlös leicht zulegen, die anderen drei Geschäftsfelder werden preisbedingt schrumpfen.

Der 46-jährige Martin Keller steht seit Mitte 2012 an der Spitzer der Unternehmensleitung von Fenaco. Die bäuerliche Genossenschaft beschäftigt rund 10'000 Personen und bildet etwa 900 Lernende aus. Zu Fenaco gehören unter anderem die Volg- und Ländi-Läden, die Tankstellenkette Agrola und die Getränkemarken Sinalco, Elmer Citro und Ramseier.

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