Die Schonfrist für den Tourismus in der Schweiz endet mit den Weihnachtstagen. Nach fetten Jahren führen Finanzkrise und Währungseinflüsse in der Wintersaison per Saldo zu einem Umsatzrückgang von 2,4%, wie Konjunkturforscher schätzen. Welche Regionen respektive Hotels sind davon betroffen?

Der Direktor von Schweiz Tourismus, Jürg Schmid, wagt eine Einschätzung: «Mit höheren Einbussen müssen Luxushotels in exklusiven Destinationen rechnen, die traditionell auf ausländische Gäste setzen, während Mittelklassbetriebe mit einer grossen Schweizer Stammkundschaft weniger Schwierigkeiten haben dürften.» Seine Prognose stützt sich auf die Vermutung, dass viele gutbetuchte Kunden aus den von der Finanzkrise erschütterten Märkten wie Amerika, Grossbritannien oder Russland diesen Winter ganz auf Luxusferien in den Bergen verzichten, inländische Gäste tendenziell trotzdem anreisen, ihr Budget aber nach unten anpassen.

Pluspunkt Schneesicherheit

Schmids Theorie wird in den Tourismusregionen teilweise bestätigt. In Graubünden etwa gibt es Anzeichen, dass im Januar Luxushotels mit einem sonst hohen russischen Gästeanteil mehr leere Betten beklagen müssen als in früheren Jahren. «Von dieser Klientel wird zurückhaltender gebucht», bestätigt Gieri Spescha, Sprecher von Graubünden Ferien. Betroffen seien teure Fünfsterne-Flaggschiffe in St. Moritz und Davos.

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«Im Berner Oberland dürften es tendenziell die Luxushotels sein, die zugunsten der Mittelklassbetriebe Gäste verlieren», folgert Stephan Maeder, Präsident der Regionalsektion des Verbandes Hotelleriesuisse, aus Umfragen bei lokalen Hoteliers. Für die Periode Januar bis April 2009 erwartet er in noblen Destinationen wie Gstaad, Grindelwald oder Interlaken eine Nachfrageverlagerung von Fünf- zu Viersternebetrieben.

Relativ gelassen werden die negativen Prognosen der Konjunkturforscher derweil im Wallis zur Kenntnis genommen. Das hat historische Gründe, denn bei der letzten grösseren Krise des Schweizer Tourismus in den Jahren 2002/03 kam der Ferienkanton weitgehend ungeschoren davon. «Wir haben schon damals von unserer einzigartigen Schneesicherheit profitiert und zugelegt, während andere Regionen Gäste verloren haben», erinnert sich der Walliser Tourismusdirektor Urs Zenhäusern. Auch für den anstehenden Winter ist er überzeugt, dass Klima und Angebotsqualität für die Kunden wichtigere Entscheidungskriterien sind als der Preis.

Schneesicherheit als Erfolgsgarantie? Für Zermatt scheint dies zuzutreffen. Verschiedene lokale Luxushotels, etwa der «Zermatterhof», sind bereits für die Sportferien im Februar 2009 total ausgebucht, während sich die Kundschaft von Fünfsternebetrieben in anderen Ferienregionen deutlich zurückhaltender zeigt. Urs Zenhäusern vermutet, dass das Wallis von der angespannten Konjunkturlage eventuell sogar profitieren könnte. «Wer sich Skiferien leistet, bevorzugt in solchen Zeiten erst recht eine schneesichere Destination.»

Nicht nur im Wallis hofft man auf optimale Witterungsbedingungen als wirksames Mittel gegen die Krise. «Wenn die Schnee- und Wetterverhältnisse im Berner Oberland top sind, dann bin ich für diesen Winter trotz allem zuversichtlich», sagt Stephan Maeder. Sonne und Pulverschnee führen traditionsgemäss zu vielen Spontanbuchungen mitten in der Saison. Diese werden für die effektive Winterbilanz nach Ostern eine entscheidende Rolle spielen.

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Minuspunkt Euro-Unsicherheit

Ob sich die negativen Winterprognosen der Konjunkturforscher dank kurzfristigen Buchungen übertreffen lassen, hängt neben der Grosswetterlage wesentlich von der Entwicklung des Franken-Kurses gegenüber dem Euro-Kurs ab. Dass viele Schweizer Gäste wegen Preisvorteilen ihren Skiplausch in Nachbarländer wie Österreich, Frankreich oder Italien verlegen, glaubt der Tourismusexperte Thomas Bieger von der Universität St. Gallen zwar nicht: «In wirtschaftlich schwierigen Zeiten bevorzugt man in den Ferien aus Geborgenheitsgründen in der Regel die vertraute Umgebung.»

Befürchten müssen die Schweizer Winterdestinationen aber einen Einbruch bei den Gästen aus den umliegenden Euro-Ländern, speziell aus Deutschland, das mit rund einem Sechstel aller Hotelgäste den mit Abstand wichtigsten Auslandsmarkt stellt.

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Um Preisnachteile partiell wettzumachen, setzen die nationalen und regionalen Organisationen auf verstärkte Marketingbemühungen im Ausland. Schweiz Tourismus hat das Werbebudget für 2009 von 18 auf 19,5 Mio Fr. aufgestockt. Auch Graubünden Ferien will in den Hauptmärkten Deutschland, Benelux und Grossbritannien massiv investieren, so Gieri Spescha. «Das zahlt sich, wie die Vergangenheit zeigt, dann wieder aus, wenn bessere Zeiten kommen.»

 

 

NACHGEFRAGT Guglielmo Brentel, Präsident Hotelleriesuisse, Bern


«Preissenkungen wären ein falsches Signal»

Die Konjunkturforscher prophezeien für 2009 und 2010 Rückgänge für den Schweizer Tourismus. Ist in der Hotellerie schon Panik ausgebrochen?

Guglielmo Brentel: Überhaupt nicht. Wir haben eine Umfrage bei unseren Regionalverbänden gemacht. Die Hoteliers haben sich optimistisch geäussert. Sowohl in den Städten als auch in den Regionen sind die Buchungszahlen zufriedenstellend. In der Ferienhotellerie liegen die Reservationen im Rahmen des äusserst guten Vorjahres. In der Stadthotellerie kam es zwar vereinzelt zu Annullationen von Seminaren und Kongressen, aber insgesamt ergibt sich auch hier ein erfreuliches Bild. Natürlich stellen wir uns aber darauf ein, dass sich die Auswirkungen der schwierigen Wirtschaftslage ab Frühling 2009 bemerkbar machen werden.

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Vor allem der starke Franken verstärkt das Image der Schweiz als Hochpreisinsel. Müssen die Hoteliers jetzt die Tarife senken?

Brentel: Preissenkungen wären ein falsches Signal, denn der Preisnachteil ist vor allem auf den Status der Schweiz als Hochkostenland zurückzuführen. Der Schweizer Tourismus kann sich deshalb nie über den Preis, sondern muss sich über ein Angebot positionieren, das den Gästebedürfnissen möglichst optimal entspricht und bezüglich Qualität keine Wünsche offen lässt.

Werden die Hotels wie die Bergbahnen diesen Winter demnach sogar höhere Preise verlangen?

Brentel: Das Preisniveau in der Schweizer Hotellerie dürfte in etwa gleich bleiben wie im Vorjahr. Wegen der Finanzkrise und des schwächeren Euros verzichtet man vielerorts auf eigentlich fällige Preisanpassungen. Damit reagiert die Hotellerie auf die veränderten Rahmenbedingungen, denn gerade für Gäste aus dem Euro-Raum wird die Schweiz wegen des erstarkten Frankens ja ohnehin teurer.

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Gleichzeitig werden Konkurrenzdestinationen in Österreich oder Deutschland für Schweizer Kunden günstiger und attraktiver.

Brentel: Diesen Effekt bringt die aktuelle Währungssituation mit sich. Trotzdem wiederhole ich: Qualität und Top-Produkte sind unsere Trümpfe, die wir in wirtschaftlich schwierigen Zeiten erst recht ausspielen müssen. Damit schafft man bei den Gästen Vertrauen ? eine ebenfalls wichtige Qualität in schwierigen Zeiten.