Andreas Schubert verblüfft mit seiner Aussage die M&A-Branche in der Schweiz. «Die Krise ist vorbei.» Schubert ist Partner von Business Broker, die auf den Kauf und Verkauf von kleinen Firmen spezialisiert ist. «Wir spüren eine starke Erholung», präzisiert Schubert. Die Zugriffe auf die Homepage seien in den letzten Wochen ebenso stark angestiegen wie die Anzahl der Kontaktanfragen. Diese überträfen die Durchschnittswerte signifikant. Schubert ist derart zuversichtlich, dass sich seiner Meinung nach die Situation bis Ende Jahr weiter erholt. «Wir werden im Jahresvergleich insgesamt ein grösseres Transaktionsvolumen generieren als im Jahr 2008.»

Silberstreifen am Horizont

Hat der Schweizer Markt für Übernahmen und Fusionen (Mergers & Acquisitions), der im 1. und 2. Quartal 2009 Rückgänge von 34 und 45% gegenüber dem Vorjahr verzeichnete, die Talsohle erreicht? Geht es nun wieder aufwärts, und knüpft die Branche an die fetten Jahre 2007 und 2008 an?

«Generell ist die Krise nicht vorbei», entgegnet Peter M. Binder, Partner bei Binder Corporate Finance AG. Gegenwärtig gebe es markant weniger Transaktionen, und gute «targets» schöben einen Verkauf noch hinaus. Auch Marc Möckli, Partner bei The Corporate Finance Group, verneint ein Ende der Krise. Möckli weist darauf hin, dass es im heutigen Marktumfeld rund sechs bis neun Monate daure, bis eine M&A-Transaktion zum Abschluss kommt. «Da das 1. Halbjahr 2009 sehr schwierig war und sehr wenige neue Projekte gestartet wurden, erwarte ich auch für das 2. Halbjahr keine Belebung.» Laut dem M&A-Spezialisten dürften sich die Aktivitäten jedoch auf tiefem Niveau stabilisieren.

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Dennoch weisen einige Faktoren auf den ominösen Silberstreifen am Horizont hin. Jürg Glesti, Managing Director von Close Brothers in der Schweiz, stellt bei seinen Geschäftspartnern - Firmen, Anwälten und Banken - eine gewisse Zuversicht bezüglich Geschäftsgang und Akquisitionen fest. «Unternehmer und Manager machen sich Gedanken bezüglich Targets und stellen sich die Frage, wie man diese finanzieren könnte. «Wir sehen querbeet eine Erhöhung der Bereitschaft, sich Akquisitionen anzuschauen oder proaktiv anzugehen», ergänzt Binder.

Marco Illy, Leiter des Investment Banking der Credit Suisse in der Schweiz, registriert eine Zunahme der Zahl zu prüfender Projekte. «Wichtigste Treiber sind dabei der Trend zur Konsolidierung verschiedener Industriesektoren, der Bedarf an weiteren Bereinigungen von Unternehmensportfolios sowie Wachstumschancen, die sich aufgrund der noch attraktiven Bewertungen ergeben.»

Erste neue Aufträge

Wann ist nun die Krise endgültig vorbei? «Wir sehen vermehrt neue Anfragen für M&A-Projekte, sodass die Pipeline für 2010 wieder besser aussehen dürfte. Das deutlich bessere Börsenumfeld spielt hier eine wichtige Rolle und zeigt das zurückkehrende Vertrauen der Investoren», meint Möckli. Glesti geht davon aus, dass gegen Ende Jahr oder Anfang nächsten Jahres erste Transaktionen angeschoben werden. Binder teilt die Einschätzung: «Spätestens im Frühjahr 2010 hat sich die M&A-Szene wieder normalisiert.»

Für Illy von der Credit Suisse ist eine Erholung auf das Niveau von 2008 erst bis 2011 zu erwarten. Zur Erinnerung: Im Spitzenjahr 2008 betrug das M&A-Volumen der in der Schweiz abgeschlossenen Transaktionen 140 Mrd Dollar; im 1. Halbjahr 2009 waren es 45 Mrd Dollar. «Für die 2. Jahreshälfte könnte das Volumen bei 20 Mrd Dollar liegen», schätzt Illy. Den Finanzinvestoren fehle derzeit die Möglichkeit, Akquisitionen mit hoher Fremdverschuldung durchzuführen. Aufgrund der sich nur langsam erholenden Wirtschaftslage seien die Banken noch zurückhaltend; Unternehmer und CEO blieben vorsichtig mit der Mobilisierung ihrer Finanzressourcen. «Doch Unternehmen, die über eine starke Bilanz und guten Zugang zum Kapitalmarkt verfügen, nutzen die Chancen, die sich aus der Krise ergeben», sagt Illy.

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