Für die Vatikan-Zeitung «Osservatore Romano» war der Hauptschuldige schnell identifiziert: Die Pille war es. Sie ist schuld - an der Umweltzerstörung und an der steigenden Zahl von Männern, die unter Unfruchtbarkeit leiden. «Wir haben ausreichend Datenmaterial, um behaupten zu können, dass ein entscheidender Grund für die abnehmende Spermienzahl bei Männern die Umweltverschmutzung durch Ausscheidungsprodukte der Pille ist», zitierte die katholische Zeitung vor einem Jahr den Präsidenten des Internationalen Verbands der katholischen Medizinervereinigungen, Pedro José María Simón Castellvi.

Emotionale Debatten

Auch fünf Jahrzehnte nach ihrer Einführung entfacht die Pille immer noch emotionale Debatten. Die Feindbilder der Verfechter und der Kritiker der Verhütungsmethode sind immer noch die gleichen wie in den 1960er-Jahren. Die Argumente unterscheiden sich oft nicht grossartig von den damaligen, auch wenn die Vehemenz dann doch ein wenig nachgelassen hat.

Am 18. August 1960 brachte der amerikanische Pharmakonzern Searle die Pille auf den Markt. Es war eine Erfindung mit weitreichenden Folgen für Gesellschaft, Staat und Wirtschaft. Das britische Wirtschaftsmagazin «The Economist» bezeichnete die Antibabypille daher als eine jener Erfindungen, die das 20. Jahrhundert entscheidend geprägt haben. Die katholische Kirche hingegen reagierte mit dem Schärfsten, was die Religionsgemeinschaft zu bieten hat: Einer Enzyklika, die theoretisch alle Gläubigen zu befolgen haben.

Anzeige

Die Schering AG war der «Pillen»-Pionier in Deutschland. 1961, nur wenige Monate nachdem die heutige Pfizer-Tochter Searle die Verhütungspille in den USA auf den Markt gebracht hatte, wurde das Konkurrenzprodukt durch den Berliner Konzern in Deutschland eingeführt. Für die Berliner war das der Beginn eines Milliardengeschäftes - und bis heute ist die Pille die wichtigste Erfindung in der Firmengeschichte.

Umbruch in der Pharmaindustrie

Die Pille war aber nicht nur der von vielen ersehnte Durchbruch, wenn es darum ging, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Das Produkt sollte auch die Pharmaindustrie mächtig umkrempeln: Mit der Antibabypille wurde vor 50 Jahren das erste sogenannte Lifestyle-Medikament auf den Markt gebracht, das nichts mehr mit dem klassischen Fokus der Pharmaindustrie zu tun hatte. Wurden bis dahin nur Medikamente gegen konkrete Krankheiten und Beschwerden entwickelt, so hatte die Verhütungspille ein völlig anderes Ziel: Die Verbesserung der Lebensumstände. Bei Lifestyle-Medikamenten steht das «Wohlfühlen» im Mittelpunkt: Eine Pille für freien Sex, ein Dragee für mehr Potenz beim Mann, ein Stimmungsaufheller, ein Medikament gegen Fettleibigkeit und Tabletten, mit denen man sich das Rauchen abgewöhnen kann - was vor einem halben Jahrhundert noch als blosse Traumtänzerei abgestempelt worden wäre, ist heute Realität. Doch die wenigsten Produkte konnten sich auch wirklich durchsetzen.

Der Verhütungspille für die Frau folgte 1998 eine besondere Pille für den Mann: Viagra. Die Potenzpille und die Konkurrenztabletten, die in den Jahren danach folgten, waren die zweite wichtige Entwicklung im Markt für Lifestyle-Medikamente. Doch auch wenn das Mittel gegen Erektionsstörungen einige Jahre allgegenwärtig in der Öffentlichkeit erschien - an den Erfolg der Verhütungspille reicht es nicht heran. Gut zwölf Jahre nach dem Verkaufsstart der ersten Potenzpille hat sich bei den Pharmakonzernen inzwischen Ernüchterung breitgemacht. Der Markt wird derweil mit immer mehr billigen Plagiaten überschwemmt.

Nicht zuletzt wegen der schlechten Lage der Krankenkassen sind Lifestyle-Medikamente weltweit unter politischen Beschuss geraten und die einst so hochtrabenden Geschäftsträume geplatzt. Auch die Kombi-Pille gegen Fettleibigkeit und Nikotinsucht, die der französische Pharmakonzern Sanofi-Aventis vor einigen Jahren auf den Markt hatte bringen wollen, konnte sich nicht durchsetzen.

Viele andere Lifestyle-Projekte, die noch in der Entwicklung sind, bringen den Pharmamanagern nicht viel Freude. Boehringer Ingelheim etwa musste erst im Juni einen Rückschlag bei seiner Lustpille für Frauen verkünden: In den USA hatte sich ein Expertengremium gegen die Marktzulassung des Medikaments ausgesprochen, weil es den Nutzen als zu gering ansah angesichts der möglichen Risiken, die das Mittel barg. 2004 war bereits Pfizer mit einem Hormonpflaster an den strengen Zulassungsgremien gescheitert.

Grosse Skepsis ist daher auch bei der Entwicklung eines zweiten Typs von Verhütungspille angebracht - der Pille für den Mann. Schon 2005 und 2009 war die Markteinführung für das Präparat von verschiedenen Unternehmen angekündigt worden. Passiert ist nichts. 2007 stellten Schering und der US-Konzern Organon nach fünfjähriger Forschung die Entwicklung des Medikaments ein.