Der Chef von Antalis, dem grössten Papierhändler in der Schweiz, gibt unumwunden zu: «Wir haben in diesem Jahr die Preise bereits zum zweiten Mal erhöht.» Zudem müssten die Kunden bei Papier und Verpackungen mit Lieferengpässen rechnen, da die Werke verschiedener Hersteller stark ausgelastet seien.

Das trifft zum Beispiel auf die grösste Schweizer Papierfabrik in Biberist zu. Sie hat sich gut erholt von der Krise. Im 1. Halbjahr 2010 erreichte sie dank einem Plus von 21% gegenüber dem Vorjahr wieder das Niveau von 2008. Das zur südafrikanischen Sappi-Gruppe, dem weltweiten Leader für gestrichene Feinpapiere, gehörende Werk war in den extremsten Krisemonaten gerade noch zu rund 50% ausgelastet. Im letzten Jahr musste es kurzarbeiten und 48 Stellen abbauen.

Teurer Zellstoff, schwacher Euro

Obwohl es heute wieder rund läuft, will Direktor Nicolas Mühlemann noch von keiner wirklichen Entspannung reden. «Sorgen macht uns der Zellstoffpreis, unser grösster Kostenblock», sagt er. Tatsächlich sind die Zellstoffpreise - je nach Zellstoffart - innerhalb eines Jahres zwischen 40 und 100% angestiegen. Zudem hat allein der schwache Euro das Umsatzergebnis der Papierfabrik Biberist im 1. Halbjahr um 9 Mio Fr. verschlechtert. Immerhin können die höheren Kosten in diesem Falle dank den eingangs erwähnten Preiserhöhungen teilweise auf die Kunden überwälzt werden.

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Das gilt auch für die Cham Paper Group (CPG), die verschiedene gestrichene Spezialpapiere vor allem für industrielle Anwender fertigt. Sie schrieb nach einem Minus von 1 Mio Fr. im Vorjahr im 1. Halbjahr 2010 wieder einen Gewinn von 3,5 Mio Fr. Und den Umsatz konnte sie um 18% auf 177 Mio Fr. steigern. Währungsbereinigt wäre es gar ein Plus von 23% gewesen. Doch auch hier drückte der Euro die Zahlen deutlich nach unten. «Bei der Budgetplanung für 2010 sind wir von einem Eurokurs von 1.50 Fr. ausgegangen», lässt COO Peter Studer durchblicken.

Der schwache Euro ist eine besondere Herausforderung für das Werk in Cham, das 86% der Produkte in diesen Währungsraum exportiert. Einen Teil der Währungsverluste konnte die CPG durch den Einkauf von Rohmaterialien ebenfalls im Euroraum wieder kompensieren. Als vorteilhaft erweist sich in der aktuellen Situation, dass der Konzern auch in zwei Werken in Italien produziert. Trotz Euroschwäche und dem damit verbundenen Gespenst einer erneuten Rezession wagt Studer einen optimistischen Ausblick. «Wir gehen davon aus, dass die Marktchancen für unsere Produkte in den nächsten Jahren absolut intakt sind», betont er. Umso mehr, als sich aktuell einige neue Produkte in der Pipeline befänden.

Sorgen mit Zeitungspapier

Die Beispiele von CPG und der Papierfabrik Biberist widerspiegeln den allgemeinen Aufwärtstrend der Schweizer Papierindustrie. Allerdings entwickeln sich die einzelnen Segmente sehr unterschiedlich. Die Hersteller von Hygiene- und Haushaltpapieren etwa - in der Schweiz zählen dazu Kimberly-Clark GmbH in Niederbipp sowie Cartaseta Friedrich & Co. in Däniken - konnten sich gut durch die Krise manövrieren.

Sorgenkinder sind hingegen die Hersteller von Zeitungspapier. Die Chemie + Papier Holding (CPH) in Perlen LU schlitterte im 1. Halbjahr 2010 mit 13,6 Mio Fr. tief in die roten Zahlen, nachdem in der gleichen Periode des Vorjahres noch ein Gewinn von 30,6 Mio Fr. verbucht worden war. Allein der Euro verringerte im 1. Halbjahr den Ebit um 7,2 Mio Fr. Die Papierfabrik in Perlen produziert überwiegend in Franken, exportiert aber rund 70% in den EU-Raum. Die Währungsverluste sind nur ein Posten auf dem langen Sorgenkatalog von CEO Frank R. Ruepp. Noch schwerer wiegt, dass die Preise für Zeitungs- und Magazinpapier auf dem europäischen Markt um bis zu 20% eingebrochen sind. Auf der Rechnung der CPH hat sich das so ausgewirkt, dass im 1. Halbjahr mit 78000 t gerade noch ein Umsatz von 39 Mio Fr. erzielt werden konnte. Vor einem Jahr waren es mit knapp 76000 t 53,6 Mio Fr.

Der Grund des Preiseinbruchs: Europaweit gibt es Überkapazitäten. Strukturelle Faktoren wie die Internet-Konkurrenz drücken auf die Nachfrage. Um das Angebot anzupassen, müssten in Europa mindestens 15 Maschinen stillgelegt werden.

Einen ersten Schritt in diese Richtung kündigte letzte Woche die Nummer eins in dieser Sparte an, der schwedisch-finnische Papierkonzern Stora Enso. Er wird die Zeitungspapiermaschine im deutschen Werk Maxau abstellen. Der Jahresumsatz werde deswegen zwar um 40 Mio Euro sinken, der Betriebsgewinn aber um 12 Mio Euro verbessert, hiess es. Deutlicher kann eigentlich gar nicht gesagt werden, wie defizi- tär die Maschine in Maxau zuletzt lief.

Auch über Fusionen in der Branche wird immer wieder spekuliert. So meldete die finnische Tageszeitung «Helsingin Sanomat» vor zwei Wochen bereits den Zusammenschluss von Stora Enso mit Norske Skog und Holmen, also der Nummer eins mit der Nummer drei und vier. Doch die drei Firmen dementierten die Meldung postwendend.

Eine Maschine soll es richten

Angesichts des schwierigen Umfelds ist es eigentlich fast schon ein Wunder, dass sich die im internationalen Vergleich kleinen Schweizer Zeitungspapierhersteller überhaupt behaupten können, und zwar im Alleingang. Denn die Papierfabrik Utzenstorf - nebst Perlen der zweite Zeitungspapierhersteller in der Schweiz - gehört seit einem Management-Buyout nicht mehr zur finnischen Myllykoski, sondern privaten Schweizer Investoren.

Mit einem grösseren Aktienpaket beteiligt ist der Stromkonzern BKW. Das macht durchaus Sinn, gehört doch die Papierindustrie zu den energieintensivsten Branchen überhaupt. Die höheren Strompreise sind denn auch ein weiterer Faktor, der die Ertragslage in der Branche verschlechtert. «Wir geben in diesem Jahr erstmals mehr Geld für Strom aus als fürs Personal», klagt Ruepp. Und Max Fritz, Direktor des Verbands der Schweizerischen Zellstoff-, Papier- und Kartonindustrie (ZPK), warnt eindringlich: «Wir laufen Gefahr, mit den höheren Strompreisen die bisherigen Standortvorteile auf der politischen Bühne zu opfern.»

Seien es nun Euro, Strompreis, oder einfach Preiszerfall: Ruepp bleibt aller Unbill zum Trotz optimistisch. Seine Hoffnungen ruhen auf einer 460 Mio teuren Investition: Im Oktober soll in Perlen bei Luzern die neue Papiermaschine PM7, die weltweit modernste ihrer Art, in Betrieb genommen werden. Der technisch raffinierte Koloss wiegt so viel wie der Eiffelturm. Und er wird die Kosten pro produzierte Tonne Zeitungspapier gegenüber heute deutlich verringern. Die Kostenführerschaft ist für Ruepp «der Schlüssel zum Erfolg». Der Standort Perlen bleibe damit und dank seiner zentralen Lage in Europa, direkt in den Hauptmärkten und nahe den grossen Altpapieraufkommen, auch in Zukunft konkurrenzfähig. «Die neue Maschine wird spätestens 2011 unsere Ertragskraft äusserst positiv beeinflussen», so Ruepp.

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