Es könnte alles so wunderbar sein. Die Schweizer Biotech-Industrie versorgt die Welt von San Francisco bis Schanghai und von Spitzbergen bis Südafrika mit den neuesten Therapien gegen Krebs, Nervenkrankheiten und andere Geisseln der Menschheit, die Chinesen und die Amerikaner mit eingeschlossen. Big Business inmitten einer immer härteren West-Ost-Konfrontation. Und das auch noch in einem Markt, der allein schon wegen der Demografie eine wahre Goldgrube ist: Was will man mehr?

Zumal ein Blick auf die Informationstechnologie, wo schon der Kauf eines Handys mit einem geopolitischen Bekenntnis verbunden ist, zeigt, dass es auch anders sein könnte.

Die Idee vom friedlichen Geschäften zwischen den Blöcken ist illusorisch

Doch die Idee vom friedlichen Geschäften zwischen den Blöcken ist eine Illusion. Das zeigt der Fall des chinesischen Krebsforschers, der aus dem Friedrich Miescher Institute in Basel vertrauliche E-Mails an seine Schwester geschickt und die Labors der zur Novartis-Forschung gehörenden Einrichtung missbraucht haben soll, um Tests an Antikörpern durchzuführen – notabene für ein vom chinesischen Staat mitfinanziertes Startup.

Nicht nur in der strategischen Technologie, auch bei Biotech spitzt sich der Konflikt zwischen Peking und Washington zu. Auch beim Geschäft mit der Gesundheit bringen sich die beiden neuen Riesen der Weltpolitik immer klarer in Stellung mit allem, was dazugehört: mit grossen Ambitionen, Drohgebärden, Säuberungsaktionen.

Die Innovationskraft der chinesischen Pharmaindustrie ist gering

Auslöser ist Chinas Anspruch, auch bei Biotech zur führenden Macht aufzusteigen. Biotech figuriert als Schlüsselindustrie von «Made in China 2025», dem Masterplan, mit dem Präsident Xi Jinping die Volksrepublik zur dominierenden Industriemacht machen will.

Das Problem dabei: Die chinesische Pharmaindustrie ist zersplittert und produziert noch immer vor allem wenig lukrative Nachahmerprodukte. Entsprechend gering ist ihre Innovationskraft. Chinesische Pharmaunternehmen geben nur gerade 5 Prozent ihres Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus. Bei den Amerikanern sind es 20 Prozent. Und am meisten Pferdestärken bringen bei R&D die beiden Basler Roche und  Novartis auf den Boden.

Beim geistigen Eigentum wird die Schweiz nicht kneifen können

Gleichzeitig setzen die Amerikaner alles daran, ihre Spitzenposition zu halten. Dazu gehört, dass sie den illegalen Abzug von geistigem Eigentum mit grösster Entschlossenheit bekämpfen. Jüngstes Beispiel: Die National Health Institutes, mit einem Budget von 6 Milliarden Dollar der grösste öffentliche Geldgeber für die Krebsforschung, vergeben keine Stipendien mehr an Chinesen – auch wenn das mit offener Wissenschaft nichts mehr zu tun hat.

Der in Basel entstandene Schaden sei «vernachlässigbar», heisst es. Das mag stimmen. Doch die Schweiz wird beim geistigen Eigentum nicht kneifen können. Hier muss sie Haltung zeigen, auch wenn Peking sie nicht dafür lieben wird, dass sie einen chinesischen Wissenschafter an die USA ausliefert. Sonst kann sie ihre Stellung als Biotech-Grossmacht vergessen.

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